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Volksfrömmigkeit


Im Allgemeinen versteht man unter Volksfrömmigkeit den sichtbaren Ausdruck der Religiosität unter den Laien einer regionalen Glaubensgemeinschaft. Sie setzt sich zusammen aus der „offiziellen“ Liturgie (Gesamtheit der religiösen Zeremonien und Riten) und traditionellen Bräuchen, die in „gutem Glauben“ mit der Religion in Verbindung gebracht werden. Die (möglicherweise heidnischen) Ursprünge solcher Kulthandlungen sind nicht mehr präsent.[1] Die unklare Bezeichnung Volksreligiosität wird manchmal gleichbedeutend verwendet.[2]

Aus theologischer Sicht werden mit Volksfrömmigkeit nur jene religiös motivierten Handlungen bezeichnet, die nicht durch die Heilige Schriften legitimiert sind, die jedoch auch nicht grundsätzlich als Aberglaube oder Ketzerei angesehen werden. Im Gegensatz zum Volksglauben werden sie geduldet oder auch integriert, jedoch nicht gefördert.[3]

Die Volksfrömmigkeit ist Teil des Volksglaubens. Diese beiden Begriffe werden (vor allem in der deutschen Volkskunde) häufig nicht scharf voneinander abgegrenzt und synonym benutzt. Letzteres ist im Gegensatz dazu jedoch konkret auf den „geistigen Überbau“ religiöser und spiritueller Überzeugungen bezogen.

Ausgeprägte Volksfrömmigkeit mit vielen synkretistisch eingemischten Elementen aus ethnischen Religionen findet sich in den katholisch geprägten Gebieten Subsahara-Afrikas und Lateinamerikas sowie in den orthodoxen Gebieten Osteuropas und Asiens.[3]

Ausdrucksformen

Volksfrömmigkeit spricht das subjektive Empfinden stärker an als den Verstand. Sie äußert sich häufig in expressiven, ausdrucksstarken Formen und arbeitet mit vielfältigen Symbolen. Gelebte und offizielle Frömmigkeit standen oft in einem oppositionellen Verhältnis.[4]

Folgende Phänomene sind für die Volksfrömmigkeit außerhalb der Liturgie typisch:[5]

Religionswissenschaftlicher Hintergrund

1750 entwarf der Aufklärer David Hume ein religionswissenschaftliches „Zweischichtenmodell“, nach dem es im Monotheismus immer eine „Religion des gemeinen Volkes“ und eine „Elitereligion“ gäbe. Während die Elite – die Theologen und der Klerus – die Lehre vollumfänglich verstehe und sie zu bewahren versuche, würde im Volk eine Tendenz zur (verdeckten) Vielgötterei herrschen (Beispiel: frenetische Heiligenverehrung im Katholizismus).[3]

Ursachen der Entstehung

Die Volksfrömmigkeit entsteht oft durch den praktischen Umgang gläubiger Laien mit ihrem Glauben. Ihnen ist häufig die Tradition der intellektuellen Diskussion innerhalb des Glaubens (Theologie) nicht oder nur in Ausschnitten bekannt. Hierbei kann auch Eigenes und Neues in der Glaubensausübung entstehen.

Regionale Einflüsse, Einflüsse aus anderen Religionen (Synkretismus) und Riten sowie der Zeitgeist erweitern Feste und Bräuche. Damit bieten sie einen wertvollen Beitrag für das Verständnis einer regionalen Kultur. Die Anzahl „fremdreligiöser“ Elemente in der Volksfrömmigkeit ist regional sehr unterschiedlich (auch innerhalb eines Volkes) und hängt von ethnischen Vermischungen und historisch-synkretistischen Einflüssen durch verdrängte oder verbotene Religionen ab.[6]

Christentum

Im Katholizismus hat sich eine Vielfalt volkstümlicher Frömmigkeitsformen entwickelt, vor allem im Bereich der Marien-, Engel- und Heiligenverehrung. Einseitigkeiten und Auswüchse werden jedoch vom Lehramt kritisiert und teilweise als Häresie verurteilt.

Der Protestantismus, der eine Rückbesinnung auf die Schrift forderte, stand der Volksfrömmigkeit von Anfang an skeptisch gegenüber. In geringerem Maß haben aber auch in seinem Bereich bildliche und rituelle Ausdrucksformen Raum gefunden und sich regionale Besonderheiten entwickelt.

Islam

In zahlreichen islamischen Ländern stehen orthodoxer Islam und Volksislam einander gegenüber, wobei nach der klassischen islamischen Rechtsprechung die Volksreligion teilweise scharf als synkretistisch kritisiert wird. Auf dem afrikanischen Kontinent sind volksreligiöse Strömungen weit verbreitet.

Im Islam sind die Heiligen meist Sufis (islamische Mystiker), deren Gräber aber nicht nur von den Anhängern des Sufismus, sondern auch von der breiten Bevölkerung besucht werden. Meist sind die islamischen Heiligen spirituelle Führer (Walis) oder Gründer (Scheich, Pir) eines Derwisch-Ordens (Tariqa).

Siehe auch

Literatur

  • Adam Yuet Chau: The Politics of Legitimation and the Revival of Popular Religion in Shaanbei, North-Central China. In: Modern China. Bd. 31, Nr. 2, 2005, S. 236–278, doi:10.1177/0097700404274038 .
  • Karl Hoheisel, Susanne Galley, Andreas Merkt, Hans-Dieter DöpmannVolksfrömmigkeit. In: Theologische Realenzyklopädie (TRE). Band 35, de Gruyter, Berlin/New York 2003, ISBN 3-11-017781-1, S. 214–248.
  • Andreas Holzem: „Volksfrömmigkeit“. Zur Verabschiedung eines Begriffs. In: Theologische Quartalschrift. Bd. 182, Nr. 3, 2002, S. 258–270.
  • Rudolf Kriss, Hubert Kriss-Heinrich: Volksglaube im Bereich des Islam. 2 Bände (Band 1: Wallfahrtswesen und Heiligenverehrung. Band 2: Amulette, Zauberformeln und Beschwörungen.). Harrassowitz, Wiesbaden 1960–1962.
  • Hans-Jürgen Prien: Volksfrömmigkeit in Lateinamerika. Überlegungen von der Kirchengeschichte her. In: Hans-Jürgen Prien: Das Evangelium im Abendland und in der Neuen Welt. Studien zu Theologie, Gesellschaft und Geschichte (= Acta Coloniensia. Bd. 5). Zum 65. Geburtstag des Autors herausgegeben von Hans-Martin Barth und Michael Zeuske. Vervuert, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-89354-195-0, S. 399 ff.
  • Martin Radermacher: Volksfrömmigkeit im Gewand moderner Esoterik? Problematisierung volkskundlicher und religionswissenschaftlicher Begriffsfelder. In: Anja Schöne, Helmut Groschwitz (Hrsg.): Religiosität und Spiritualität. Fragen, Kompetenzen, Ergebnisse. Waxmann, Münster u. a. 2014, ISBN 978-3-8309-3061-7, S. 387–403.
  • Martin Scharfe: Über die Religion. Glaube und Zweifel in der Volkskultur. Böhlau, Köln u. a. 2004, ISBN 3-412-07504-3.
  • Jun Shimoda: Volksreligiosität und Obrigkeit im neuzeitlichen Deutschland. Wallfahrten oder Deutschkatholizismus. Ozorasha, Tokyo 2004, ISBN 4-283-00146-5 (Zugleich: Tokyo, Universität, Dissertation, 1999).
  • Maria Widl: Volksfrömmigkeit. In: Harald Baer, Hans Gasper, Joachim Müller, Johannes Sinabell (Hrsg.): Lexikon neureligiöser Gruppen, Szenen und Weltanschauungen. Orientierungen im religiösen Pluralismus. Völlig neu bearbeitete Ausgabe. Herder, Freiburg (Breisgau) u. a. 2005, ISBN 3-451-28256-9, S. 1356–1360.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Peter-Matthias Gaede (Hrsg.): GEO Themenlexikon: Religionen – Glauben, Riten, Heilige Bd. 16, Gruner + Jahr, Bibliographisches Institut, Mannheim 2007. ISBN 978-3-7653-9436-2. S. 802, Stichworte „Volksfrömmigkeit“ und „Volksglaube“.
  2. Karl R. Wernhart: Ethnische Religionen – Universale Elemente des Religiösen. Topos, Kevelaer 2004, ISBN 3-7867-8545-7. S. 140.
  3. 3,0 3,1 3,2 Berthold Budde, Christine Laue-Bothen: Harenberg Lexikon der Religionen. Die Religionen und Glaubensgemeinschaften der Welt. Ihre Bedeutung in Geschichte, Alltag und Gesellschaft. Harenberg, Dortmund 2002, ISBN 3-611-01060-X. S. 259.
  4. Paul Hugger: Volksfrömmigkeit im Historischen Lexikon der Schweiz, Online-Ausgabe, abgerufen am 29. April 2016.
  5. u. a. Walter Kasper (Hrsg.): Lexikon für Theologie und Kirche. begr. von Michael Buchberger, Bd. 10. „Thomaschristen - Zypern“, 3., völlig neu bearb. Auflage, Herder, Freiburg/Basel/Rom/Wien 2001, ISBN 978-3-451-22010-4. S. 858–861, Stichwort „Volksfrömmigkeit“.
  6. Der große Brockhaus. 21., völlig neu bearbeitete Auflage, F. A. Brockhaus, Leipzig/Mannheim 2006. ISBN 3765341452, Bd. 29, S. 203 – Stichwort „Volksfrömmigkeit“, S. 204 – Stichwort „Volksglaube“.

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Quelle: Wikipedia - http://de.wikipedia.org/wiki/Volksfrömmigkeit (Vollständige Liste der Autoren des Textes [Versionsgeschichte])    Lizenz: CC-by-sa-3.0

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