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Spinnstube


Der Begriff Spinnstube (auch Lichtstube, z´Liacht, zu Licht gehen, Lichtabend, Liot-Oobad, Rockenstube, Kunkelkammer oder Brechelstube) bezeichnet den ehemals weitverbreiteten Brauch, lange Winterabende gemeinsam vor allem mit geselligen Handarbeiten zu verbringen.

Geschichte

Die Spinnstuben waren in den Wintermonaten Treffpunkte der unverheirateten Frauen. Üblicherweise traf sich ein Mädchenjahrgang, um für seine Aussteuer zu spinnen und andere Handarbeiten zu verrichten. Die gemeinsame Arbeit diente nicht nur der Geselligkeit; auf diese Weise konnte sowohl das noch nicht elektrisch verfügbare Licht in Form von Kienspänen, Kerzen oder Öllampen wie auch Heiz- und Feuerholz durch die gemeinschaftliche Nutzung gespart werden.[1]

„Licht- oder Spinnstuben sind Orte einer sehr lebendigen dörflichen Kultur, die darauf abzielte, Arbeit und Leben miteinander zu versöhnen. Die Spinnstube wird abwechselnd auf dem einen oder anderen Hof abgehalten, die Frauen und Mädchen spinnen, die Burschen machen Musik, oder es werden Volkslieder gesungen, Hexen- und Gespenstergeschichten erzählt und allerlei Kurzweil dabei getrieben. Die Spinnstuben dienten nämlich nicht nur dem Broterwerb, sondern waren Nachrichtenbörsen und kritisches Forum sowie Ort für jugendliche Sexualkultur und feuchtfröhliche Ausgelassenheit. Wegen der dabei vorkommenden Ausschreitungen in sittlicher Beziehung mussten in verschiedenen Ländern Spinnstubenordnungen, d. h. polizeiliche Regelungen bezüglich der Zeit und Dauer des Beisammenseins, erlassen werden, im Bereich des ehemaligen Kurhessen wurden sie bereits 1726 gänzlich verboten. Von diesen Geselligkeiten sind weit über Mitteleuropa hinaus zahlreiche Volkserzählungen, historische Abbildungen und Spinnstubenlieder überliefert.“

– Meyers Konversationslexikon von 1888-1890

Junge Männer besuchten die Spinnstuben nicht immer. Solange sie noch zu jung waren, um eine Wirtschaft zu besuchen, trafen sie sich in ihren Altersjahrgängen getrennt von den Mädchen. Allerdings war es vielfach üblich, dass die Burschen die Mädchen am Ende des Abends besuchten und nach Hause begleiteten. Das war eine der wenigen Gelegenheiten, wo es möglich war, halbwegs unbeobachtet eine Beziehung anzubahnen. In der Folge galten Spinnstuben bei weltlicher wie geistlicher Obrigkeit als Orte sexueller Ausschweifung: so gab es ab dem 16. Jahrhundert von katholischer wie evangelischer Seite Bestrebungen, die Lichtstuben zu verbieten; teilweise wurden die dort zum Tanz aufspielenden Musiker verhaftet, da die Zusammenkünfte auch zum unabhängigen Nachrichtenaustausch dienen mochten. Die Kontrolle wurde teilweise durch die Installation eines Lichtherrn gewährleistet, welcher der geistlichen Obrigkeit verantwortlich war.[1]

Ernest Borneman nennt insbesondere folgende obszöne Begriffe aus dem Spinnstubenjargon:

  • Brechelbraut, Flachskönigin, Handelsbraut, Raufbraut: Das hübscheste Mädchen wurde zur Zeit des Flachsbrechens zur Brechelbraut gewählt.
  • Brechelbusch: Die Brechelbraut besaß als Szepter einen mit Bändern verzierten Tannenwipfel, den sie unter die Burschen warf, damit sie sich darum rauften: Wer ihn eroberte, gewann die Gunst der Brechelbraut.
  • Farkel: An der Rückseite ihres Kittel trug die Brechelbraut einen Flachskranz, den die Burschen mit einem Eimer Wasser zu tränken versuchten, um das Mädchen dazu zu bringen, Röcke und Unterröcke zum Trocknen aufzuhängen.
  • Agenschoppen: Der Flachsabfall (Agen) wurde den Burschen von den Mädchen in die Hosenbünde gestopft, was als spielerischer Vorwand zu einem schnellen Griff an das so genannte beste Stück, das männliche Genital, diente.
  • Fleischhaufen: Nach dem Tanz ließen sich alle Teilnehmer auf den Boden fallen, wobei ein möglichst hoher Menschenhaufen entstehen sollte, in dem Gelegenheit zur gegenseitigen Berührung gegeben war. Besonders diese Sitte erregte Anstoß und wurde in zahlreichen Predigten verurteilt.
  • flachsbrecheln, flachsen: Unsinn erzählen, dumme Scherze machen.
  • haardörren: Flachs trocknen oder koitieren.
  • Brechelkinder: Im Herbst geborene Kinder, die womöglich während des Flachsbrechelns in den vorhergegangenen Wintermonaten in den Spinnstuben gezeugt worden sein konnten.

Portugal

In Nachahmung dieser alten Dorfsitte wurden im Palast Emanuels d. Gr. zu Évora die von mehreren Dichtern geschilderten Seroëns de Portugal (port., dt. portugiesischen Spinnstuben) abgehalten. In diesem Palast spielte sich die glänzendste Periode des portugiesischen Hoflebens ab.

Weblinks

Literatur

  • Uwe Henkhaus: Das Treibhaus der Unsittlichkeit. Lieder, Bilder und Geschichte(n) aus der hessischen Spinnstube. Hitzeroth, Marburg 1991, ISBN 3-89398-075-X.
  • Ernst Bornemann: Sex im Volksmund. Der obszöne Wortschatz der Deutschen. Parkland-Verlag, Köln 2003, ISBN 3-89340-036-2, 2. Teil: Wörterbuch nach Sachgruppen. Abschnitt 52: „Sitten und Gebräuche“.

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 Michael J. H. Zimmermann: Munkeln im Dunkeln - Wie Lichtstuben die Obrigkeit in Alarmbereitschaft versetzten. In: badische-zeitung.de, Nachrichten, Kultur, 26. Dezember 2011 (31. Dezember 2011)

Kategorien: Kultur (Deutschland) | Kultur (Portugal)

Quelle: Wikipedia - http://de.wikipedia.org/wiki/Spinnstube (Vollständige Liste der Autoren des Textes [Versionsgeschichte])    Lizenz: CC-by-sa-3.0

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