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Sebeos


Sebeos war ein in der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts lebender armenischer Bischof und Geschichtsschreiber, der als Verfasser der Geschichte des Herakleios (armenisch Patmowt’iwn i Herakln) gilt.

Werk

Der Titel des Geschichtswerkes ist zu eng gefasst und irreführend, weil die Angaben zum byzantinischen Kaiser Herakleios (reg. 610-641) den geringsten Anteil der im Hauptteil vom Ende des 5. Jahrhunderts bis 661 n Chr. dargestellten armenischen Geschichte ausmachen. Das Werk befasst sich mit den Herrschern Armeniens, enthält Informationen über Ereignisse in der benachbarten Gesellschaft des Oströmischen Reiches unter Kaiser Herakleios und vor allem im persischen Sassanidenreich in der ausgehenden Spätantike. So berichtet der Text über die Kriege des Sassaniden Chosrau II. und schildert den Beginn der arabischen Expansion bis zum Untergang des Sassanidenreiches. Da abgesehen von wenigen Inschriften und Heiligenviten kaum zeitgenössische Quellen über die armenische und persische Geschichte aus dem 6. und 7. Jahrhundert existieren, wird der „Geschichte des Herakleios“ große Bedeutung beigemessen. Dies gilt auch für die ersten Jahre der islamischen Expansion, zumal die arabische Überlieferung über diese Zeit erst wesentlich später niedergeschrieben wurde.

Die Authentizität des Textes wird bei der akribischen Datierung der Ereignisse deutlich. Beispielsweise beginnt Kapitel 45 (bei Thomson/Howard-Johnston, S. 111): „Im zweiten Regierungsjahr des Konstans, im Monat Hori am 23. Tag des Monats, an einem Sonntag bei Abenddämmerung...“ Das Datum entspricht dem 10. August 643. Geschildert wird der Sieg des armenischen Fürsten Theodoros Rštuni über die arabischen Invasoren. Dem Werk lassen sich auch Hinweise zur Datierung frühchristlicher armenischer Kirchenbauten entnehmen, die gerade in der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts zahlreich errichtet wurden.[1]

Dem Hauptteil geht eine vermutlich von einem anderen Verfasser stammende Einführung voraus, die in keiner direkten Beziehung zum nachfolgend dargestellten Zeitraum steht. Die Einführung besteht wiederum aus drei Teilen: Zuerst werden die Mythen des armenischen Stammvaters Hayk und seiner Nachkommen geschildert. Der zweite Teil listet die parthischen und arsakidischen Könige. Diese beiden Teile werden im Text als „der Altvorderen Geschichte“ (naxneac’n patmowt’iwn, also „Urgeschichte“, im Englischen als „Primary History of Armenia“ bekannt) bezeichnet. Die Ereignisse werden etwa von der Herrschaft des über Persarmenien herrschenden Königs Vramshapur (reg. 401-417) bis zum Ende des 6. Jahrhunderts dargestellt. Hinzu kommt im dritten Teil eine Chronologie der byzantinischen und sassanidischen Herrscher. Knapp 200 Jahre werden in der Einführung auf 18 Seiten zusammengefasst. Demgegenüber wird im Hauptteil die Geschichte ab dem Jahr 590, als der Großkönig Chosrau II. den Thron bestieg, bis 661, als Muʿāwiya I. zum ersten Kalifen der Umayyaden wurde, auf 136 Seiten ausgebreitet.

Wie Moses von Choren, der als der Verfasser der im 8./9. Jahrhundert entstandenen „Geschichte Armeniens“ gilt, behauptet der Autor der „Urgeschichte“, seine Quelle sei die Schrift eines Mar Abbas gewesen. Nach den Angaben des Moses von Choren habe dieser Mar Abbas die Archive der Parther im Schloss von Ninive studiert und dort ein auf Griechisch verfasstes Buch gefunden. Daraus habe er die für Armenien wesentlichen Informationen herausgeschrieben. Tatsächlich geben beide Autoren etwa dieselbe Darstellung der früharmenischen Zeit. Ob nun Moses von Choren das Werk des Sebeos als Quelle benutzte oder nur beide Verfasser dieselbe Tradition wiedergaben, ist unklar.[2]

Auf einen gewissen Sebeos, der im 7. Jahrhundert aus der Perspektive des Zeitgenossen schildert, kann wahrscheinlich nur der Hauptteil des disparaten Werkes zurückgeführt werden. Weil der Titel „Geschichte des Herakleios“ unzutreffend ist, zweifeln Robert W. Thomson und James Howard-Johnston an der Urheberschaft des Sebeos und möchte das Werk eher „Geschichte des Chosrau“ genannt haben und den Verfasser als Pseudo-Sebeos bezeichnen. Die Identität eines Bischofs Sebeos sei ähnlich zu hinterfragen wie diejenige der anderen früharmenischen Historiker, namentlich Moses von Choren, Faustus von Byzanz, Agathangelos, Yeghishe Vardapet, Ghewond (8. Jahrhundert) und Towma Arzruni (9./10. Jahrhundert). Die beiden Historiker meinen, dass die ersten Teile des Werkes deutlich später verfasst worden seien. Erst Anfang des 19. Jahrhunderts habe demnach ein anonymer Text allmählich den Titel „Geschichte des Herakleios“ erhalten und sei mit einem Sebeos genannten Verfasser in Verbindung gebracht worden.

T’adeos Mihrdatean veröffentlichte 1851 in Istanbul als erster den Text unter dem Titel „Geschichte des Bischofs Sebeos über Heraklios“. Als Grundlage dienten ihm zwei anonyme Manuskripte aus dem 16. und 17. Jahrhundert, die keine Titel trugen. Das eine Manuskript wurde 1672 im Täuferkloster von Bitlis verfasst und befindet sich unter der Nummer 2639 im Matenadaran in Jerewan. 1833 identifizierte es der Mönch Jean Chakhatounof als das Werk des Sebeos. In einem Brief von 1831 sprach er bereits im Zusammenhang mit der Kirche von Swartnoz über die „Geschichte des Sebeos“. Daneben verwendete Mihrdatean ein zweites Manuskript von 1568, das heute verschollen ist. Alle Ausgaben und Übersetzungen gehen auf das einzige erhaltene Manuskript 2639 zurück.[3]

Ausgaben und Übersetzungen

  • F. Macler: Histoire d’Héraclius par l’évêque Sebéos. Imprimerie Nationale. Paris 1904 (Internet Archive ).
  • G. V. Abgarian: Parmut’iwn Sebeosi. Jerewan 1979 (kritische armenische Edition).
  • Robert Bedrosian: Sebeos’ History. 1985 (Kapitelzählung nach F. Macler 1904).
  • Robert W. Thomson (Übersetzung), James Howard-Johnston (Kommentar): The Armenian History Attributed to Sebeos. 2 Bände (Translated Texts for Historians). Liverpool University Press, Liverpool 1999, ISBN 0-85323-564-3 (wichtige englische Übersetzung mit umfangreicher Einleitung, einem ausführlichen historischen Kommentar und mit neuer Kapitelzählung).

Literatur

  • M. Kristin Arat: Bischof Sebeos und die ersten Aussagen der Armenier zum Islam. In: Al-Masaq 6 (1993), S. 107-129.
  • Joseph David C. Frendo: Sebeos and the Armenian historiographical tradition in the context of Byzantine-Iranian relations. In: Peritia 4 (1985), S. 1-20.
  • Claudio Gugerotti (Hrsg.): Storia. Sebeos. (Eurasiatica. Quaderni del Dipartimento di studi eurasiatici, Università degli studi di Venezia, Bd. 4), Verona 1990.
  • James Howard-Johnston: Witnesses to a World Crisis. Historians and Histories of the Middle East in the Seventh Century. Oxford 2010, S. 71ff.
  • James D. Howard-Johnston: Armenian historians of Heraclius. An examination of the aims, sources and working-methods of Sebeos and Movses Daskhurantsi. In: Gerrit J. Reinink/Bernard H. Stolte (Hrsg.): The Reign of Heraclius (610-641). Crisis and Confrontation. Leuven 2002, S. 41-62.
  • Jean-Pierre Mahé: Critical Remarks on the Newly Edited Excerpts from Sebeos. In: Thomas J. Samuelian/Michael E. Stone (Hrsg.): Medieval Armenian Culture 1983, S. 218-239.

Anmerkungen

  1. Christina Maranci: Building Churches in Armenia: Art at the Borders of Empire and the Edge of the Canon. In: The Art Bulletin, Vol. 88, No. 4, Dezember 2006, S. 656–675, hier S. 669.
  2. Martin Schottky: Media Atropatene und Groß-Armenien in hellenistischer Zeit. (Habelts Dissertationsdrucke. Reihe Alte Geschichte, Heft 27) Dr. Rudolf Habelt, Bonn 1989, S. 148–150.
  3. Robert W. Thomson: II. The Armenian Text. In: Robert W. Thomson, James Howard-Johnston, S. XXXI.


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Quelle: Wikipedia - http://de.wikipedia.org/wiki/Sebeos (Vollständige Liste der Autoren des Textes [Versionsgeschichte])    Lizenz: CC-by-sa-3.0

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