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Schanghaien


Schanghaien bezeichnet in der Seemannssprache das gewaltsame Rekrutieren von Seeleuten für Kriegs- und Handelsschiffe. Diese Art der Freiheitsberaubung, auch Pressen genannt, wurde zeitweise auch für die Heeresergänzung angewandt.

Verbreitung

Schanghaien war besonders im 18. und 19. Jahrhundert und vorzugsweise in europäischen (britischen) sowie nordamerikanischen Häfen verbreitet. Berüchtigte Häfen in den USA waren insbesondere Portland, in England London. Auch in Hamburg wurde schanghait, wie Knigge es in seiner Geschichte Peter Clausens[1] darstellt.

Um Matrosen zu schanghaien, durchkämmten Presskommandos (auch Pressgangs genannt) bzw. bewaffnete Schiffsbesatzungen die Hafenviertel, dort vor allem Kneipen und Bordelle. Anwesende Seeleute wurden unter Einsatz von List, Alkohol oder Gewalt entführt und zum Dienst auf Kriegs-, häufig auch Handelsschiffen gezwungen. Gelegentlich konnten sich Pressopfer rückwirkend freiwillig melden; einen Anreiz bildete das üblicherweise gezahlte Werbegeld, das ihnen dann ausgehändigt wurde.

Die britische Royal Navy verwendete Zwangsrekrutierung spätestens ab dem Elisabethanischen Zeitalter, seit 1563 war dies gesetzlich legitimiert.[2] Ab 1597 konnten durch den Vagabonds Act (39 Eliz. c. 4) umherziehende Matrosen, Bettler, Wahrsager und andere fahrende Leute zum „lebenslangen Dienst in den Galeeren dieses Reichs“ gezwungen werden.[3] Besonders ab Beginn des 18. Jahrhunderts wurden genauere Regeln für das Pressen aufgestellt, so 1740 auf britische Bürger zwischen 18 und 55 Jahren beschränkt. In der Praxis wurden diese Beschränkungen jedoch oft ignoriert.[2]

1747 kam es in der britischen Kolonie Boston zu Unruhen, nachdem Admiral Charles Knowles 46 Personen zwangsrekrutieren hatte lassen wollen.[4] Auch nach der amerikanischen Unabhängigkeit wurden weiterhin Amerikaner in die Navy gepresst, da Großbritannien alle als Briten geborenen US-Amerikaner weiterhin als seine Staatsbürger betrachtete. Im Zuge der Koalitionskriege wurden rund 9000 Amerikaner so in die britische Flotte zwangsrekrutiert. Diese Vorgangsweise war ein Grund für den Ausbruch des Britisch-Amerikanischen Kriegs (1812–1815). Nach Ende dieser Kriege verschwand die Praxis weitgehend, auch wenn die juristische Grundlage weiterhin bestand.

Bis ins 18. Jahrhundert wurde auch zu Heeresdiensten an Land gepresst; die preußischen Werber waren gefürchtet. Dementsprechend hoch waren lange Zeit die Desertionsraten der Söldnerheere. Mit Einführung von Wehrpflichtgesetzen im 19. Jahrhundert und dem Aufbau eines Meldewesens wurden derartige Gewaltaktionen obsolet, weil Soldaten nun behördlich einberufen werden konnten.

Das schweizerische Seeschiffahrtsgesetz (SR 747.30) verlangt noch heute, dass ein Konsul anwesend sein muss, um einen Seemann in die Musterrolle eintragen zu können. Der Seemann muss die Eintragung unterschreiben und damit seinen Willen bestätigen, sich anheuern zu lassen. Auch auf deutschen Schiffen darf der Kapitän die Musterrolle nicht selbst verändern.

Wortgeschichte

Der Ausdruck entstand wohl um die Mitte des 19. Jahrhunderts und wurde aus dem Slang US-amerikanischer Matrosen ins Deutsche übernommen.[5] Aus Schanghai, seit den 1840er Jahren der wichtigste Hafen Ostasiens,[6] kamen besonders viele Schiffe (die „Kuli-Klipper“) mit chinesischen Zwangsarbeitern für den Abbau von Guano an der südamerikanischen Küste, für die Farmarbeit in den USA und für den Bau des Panamakanals.[7] Ursprünglich war vielleicht auch die gewaltsame Anwerbung dieser Arbeiter für überseeische Dienste ein Anlass für die Bildung des Wortes.[8]

Ein „regelrechtes System von Entführungen“, ein „systematischer Verkehr mit weißen Sklaven“ in New York, London und Liverpool wurde bereits 1864 beschrieben.[9]

Siehe auch

Anmerkungen

  1. (Bd. I, Riga 1783, S. 239 ff.)
  2. 2,0 2,1 British Navy Impressment , pbs.org
  3. Joseph R. Tanner: Tudor constitutional documents, A.D. 1485-1603. 1922, BEGGARS ACT OF 1598, S. 484–488 (archive.org ).
  4. The Boston Impressment Riot of 1747 , newenglandhistoricalsociety.com
  5. Dietmar Bartz: Seemannssprache. Von Tampen, Pütz und Wanten. Delius Klasing, Bielefeld 2007, ISBN 978-3-7688-1933-6, S. 230 f.
  6. Shanghai#Geschichte
  7. Wolfram Claviez: Seemännisches Wörterbuch. Delius Klasing, Bielefeld 1973, ISBN 3-7688-0166-7, S. 297
  8. Rudolf Köster: Eigennamen im deutschen Wortschatz. DeGruyter, Berlin 2003, S. 159, online , abgerufen am 2. Juni 2015.
  9. Meliora. A quarterly review of social science. Band 6, London 1864, S. 164. Online , abgerufen am 5. Juli 2010

Weblinks


Kategorien: Marinegeschichte | Geschichte der Seefahrt | Arbeitsmarkt

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