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Sammlung Prinzhorn


Die Sammlung Prinzhorn in Heidelberg ist ein Museum für historische Werke aus psychiatrischen Anstalten sowie von Psychiatrieerfahrenen heute. Die einzigartige Spezialsammlung ist angeschlossen an die Klinik für Allgemeine Psychiatrie des Universitätsklinikums Heidelberg.

Museum Sammlung Prinzhorn

Die Sammlung entstand auf der Basis einer kleinen Lehrsammlung der Psychiatrischen Klinik Heidelberg, die der Kunsthistoriker und Arzt Hans Prinzhorn (1886–1933) nach dem Ersten Weltkrieg umfassend erweiterte.[1][2][3] Seit 2001 ist sie einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. Das Universitätsmuseum mit internationaler Ausstrahlung präsentiert in temporären Ausstellungen historische Anstaltskunst bis hin zu Werken Psychiatrieerfahrener der Gegenwart[4].

Kunst aus Anstalten

Anstaltswerke können ‚fremd’ und vertraut wirken; ästhetische Konventionen werden überschritten, eigenwillige Systeme und fiktive Welten imaginiert, doch Konventionen auch bewahrt. Bildfindungen des Ein- und Ausschlusses sind oft ‚anders’ und doch mit dem Außen verbunden. Eigengesetzlichkeit, ästhetische Energien, aber auch Verletzungen durch die Lebensgeschichte und den Ort der Anstalt sind darin eingezeichnet. Sie sind ein „Leidschatz“ (Aby Warburg).[5]

Historischer Bestand bis 1933

Die Sammlung Prinzhorn bewahrt rund 6000 historische Werke von etwa 450 Anstaltsinsassen, mehrheitlich aus der Zeit um 1890–1933. Vielfältig, doch von knappen Ressourcen der Anstalten beschränkt, sind Bild- und Textsorten, künstlerische Techniken und Materialien: Zeichnungen und Aquarelle, Ölgemälde, textile Arbeiten, Notationen sowie Bücher und Hefte. Unter den Produzenten finden sich alle sozialen Klassen. Etwa 80 Prozent sind männlich, obgleich damalige Anstalten ähnlich viel Frauen wie Männer verwahrten. Als Klassiker gelten heute: Else Blankenhorn, Franz Karl Bühler, Karl Genzel, Paul Goesch, Emma Hauck, August Klotz, Peter Meyer, August Natterer, Agnes Richter, Joseph Schneller, Barbara Suckfüll, Oskar Voll und Adolf Wölfli.

Neue Sammlung nach 1945

Rund 14.000 Objekte umfasst die neuere Sammlung, darunter den Fundus des Malateliers von Gisela Petschner in der Anstalt Merxhausen (Sammlung Petschner [1963–1983]) und die Sammlungen der Psychiater Manfred in der Beeck aus Schleswig und Hemmo Müller-Suur aus Göttingen sowie Werkbestände der Outsider Art, wie Friedrich Boss, Gudrun Biersky, Sonja Gerstner, Vanda Viera Schmidt, Alfred Stief und Dietrich Orth.

Konservatorischer Zustand

Die meist fragilen Bildträger aus minderwertigen Alltagspapieren (Zeitung, Zuckertüten, Apfelsinenpapier) sowie eine über Jahrzehnte unsachgemäße Lagerung sind verantwortlich für die Sensibilität der Werke. 1980-84 konnte der Zerfall durch ein Restaurierungsprojekt der Volkswagenstiftung gebremst werden. Doch bleibt die kontinuierliche konservatorische und restauratorische Bearbeitung besonders der hochempfindlichen Altbestände eine Kernaufgabe des Museums.

Ausstellungen/Forschungsprojekte

Temporäre Ausstellungen und universitäre Forschungsarbeiten sind vor allem in Kunst- und Kulturwissenschaft sowie Psychiatrie- bzw. Medizingeschichte eingebunden. Untersucht wurden z. B. psychotische Bildproduktionen,[6] die Geschlechterverhältnisse,[7] der Ort der Anstalt, Lebensgeschichten[8] und die Rezeption des Heidelberger Fundus vom Expressionismus bis heute in Kunst, Literatur und Musik.[9] Über Kooperationen mit Institutionen zu Art Brut und Outsider Art rückt ein lange Zeit ignoriertes ästhetisches Feld in den Focus.

Museumsgebäude

2000 bis 2001 erfolgte der Umbau des Hörsaals der alten Medizinischen Klinik zum Ausstellungshaus mit Depot- und Arbeitsräumen. Im Hörsaalgebäude, von Josef Durm 1890/91 im Stil der Neorenaissance gebaut, hielt der Begründer einer anthropologischen Medizin, der Neurologe Viktor von Weizsäcker, von 1920 bis 1941 Vorlesungen. Mit erfolgreicher Etablierung des Museums und weiterhin wachsenden Beständen sind die Ansprüche an das Haus gestiegen. Eine Erweiterung der Flächen wird angestrebt mit Platz für Dauerausstellung, Depots, Grafisches Kabinett, Bibliothek, Medien- und Seminarraum.

Geschichte

Vorgeschichte: Kraepelin, Weygandt, Wilmanns

Emil Kraepelin (1856–1926) sammelte als Leiter der Psychiatrischen Klinik Heidelberg kuriose Zeichnungen und anderes für ein kleines, 1896 eingerichtetes Psychiatriemuseum. Er war bestrebt, durch vermehrte Asylierungen vor Geisteskranken wie „gegen ansteckende Kranke“ zu schützen.[10] Dazu unternahm er 1896, ähnlich wie zuvor Cesare Lombroso und Max Nordau, einen frühen Versuch, moderne Kunst als ‚entartet’ zu pathologisieren.[11] Zwei seiner Heidelberger Assistenten sammelten mit konträren Absichten weiter. Wilhelm Weygandt (1870–1939) suchte nach „Irrenkunst“. Als Direktor der Klinik Hamburg-Friedrichsberg setzte er die volkshygienischen Ansätze Kraepelins fort und wandte sich in den 1920er Jahren öffentlich gegen das ‚Entartete‘ moderner Kunst.[12] Karl Wilmanns (1873–1945), seit 1902 Assistent Kraepelins, bewahrte die Zeichnungen von Vagabunden und Bettlern, deren Gefängnispsychosen er erforschte. Dabei wuchs die „Lehrsammlung“ auf etwa 80 „Fälle“. Als Klinikleiter (1919–1933) förderte Wilmanns das Projekt Hans Prinzhorns.

Sammeltätigkeit Hans Prinzhorns

Der promovierte Kunsthistoriker und Arzt Hans Prinzhorn (1887–1933) baute als Assistent der Heidelberger Klinik (1919–1921) die „Lehrsammlung“ aus, um sie im Kontext von Krankheit zu erforschen. Verstört durch die Katastrophe des Ersten Weltkriegs hoffte er „Echtes“ in den Werken in sich gekehrter Anstaltsinsassen zu finden. Mit dieser Intention mobilisierte Prinzhorn Anstaltsdirektoren im deutschen Sprachraum ihm Arbeiten zu schicken. Als Prinzhorn Juli 1921 die Klinik verließ, war die Sammlung auf über 4500 Werke von etwa 450 (anonymisierten) „Fällen“ gewachsen. Und sie wuchs weiter.

Prinzhorns „Bildnerei der Geisteskranken“ (1922)

Prinzhorn suchte nach dem „Ausdruck von eigenem Erleben“, sammelte also mit einer zentralen Kategorie der Kunst der Moderne im Kopf. Ausgeklammert war dabei jedoch alles, was allzu gegenständlich oder aber ‚deformiert’ war, mithin der spätexpressionistischen Sicht des Autors nicht entsprach.[13] Prinzhorns Konstrukt verlangte nach spontanen Werken ungeübter Geisteskranker.[14] Sein Buch „Bildnerei der Geisteskranken“ (1922) suggerierte, es repräsentiere die Heidelberger Sammlung und damit die Gestaltungsmodi „Geisteskranker“; dass zur ‚Irrenkunst’ auch künstlerische bzw. kulturell geprägte Werke gehörten, unterschlug er. Von der Anstaltsrealität der Künstler, die oftmals tatsächlich kreative Vorbildung hatten, war das weit entfernt. Wegen seines ästhetischen Reichtums wurde das Buch über Sprachgrenzen hinaus berühmt – ‚Bibel der Surrealisten’ nannte es Werner Spies. Bis heute ist die Anziehungskraft der Anstaltskunst ein Phänomen.[15]

Impulse zur Umwertung als Kunst gab neben Prinzhorn der Schweizer Psychiater Walter Morgenthaler. 1921 erschien in Bern sein Buch über Adolf Wölfli „Ein Geisteskranker als Künstler“. Doch schon damals dachten deutsche Juristen und Psychiater an die „Euthanasie“ angeblich „leerer Menschenhülsen“[16] – gemeint waren genau jene Langzeitpatienten, für deren schöpferische Intelligenz Prinzhorn mit Sammlung und Buch ein Forum eröffnet hatte.

Ausstellungen bis 1933

Die Zeugnisse aus Anstalten erfuhren in der avantgardistischen Kunst- und Kulturszene viel Resonanz. Zwischen 1928 und 1933 tourten mindestens elf umfangreiche Ausstellungen durch Kunstvereine und Museen Deutschlands und der Schweiz. Verantwortlich war Professor Hans Gruhle.

Pathologische und „Entartete Kunst“ 1933–1945

Die Nationalsozialisten nutzten den Fundus zur Pathologisierung unliebsamer Kunstproduktionen. Exponate aus Heidelberg waren an der Wanderausstellung „Entartete Kunst“ (1937–1941) seit der Berliner Station 1938 beteiligt.[17] Die Leihgaben brachte der 1933 eingesetzte Leiter der Heidelberger Psychiatrischen Klinik, Carl Schneider (1881–1946), in die Ausstellung ein. Als Obergutachter der Aktion T4 war er seit 1939 für die systematische Ermordung „unheilbarer“ Insassen verantwortlich.[18] Die Bildersammlung blieb verwahrt in einem Schrank vor dem Hörsaal der psychiatrischen Klinik.

Wiederentdeckung nach 1945

Während Psychopharmaka in den 1950er Jahren eine schnelle Normalisierung bei psychischen Krisen zu versprechen schienen, gerieten die Bilder aus den lauten Zeiten der Verwahrpsychiatrie ins Abseits. 1963 zeigte Harald Szeemann eine Auswahl in der Kunsthalle Bern. 1965 organisierte die Psychiaterin Maria Rave-Schwank eine Präsentation in der Galerie Rothe in Heidelberg. Zur Betreuung der Sammlung erhielt 1973–2001 die Ärztin Inge Jarchov eine Kustodenstelle.[19] Sie erreichte mit Fördermitteln der Volkswagenstiftung 1979–1984 eine erste Restaurierung und museumswissenschaftliche Aufarbeitung.

Eine neue Ära begann: Mit der Aufarbeitung des Bestandes und der Recherche biographischer Informationen zum Beispiel aus Krankenakten wurde es erleichtert, die Werke in Kunstinstitutionen zu zeigen.[20] In den Blick rückten nun auch die traumatisierenden Konflikte der Insassen und deren Versuche, sich mit künstlerischen Mitteln selbst zu vergewissern. Psychische „Krankheit“ wurde nicht mehr nur als Störung, sondern auch als Form der Krisenbewältigung begriffen. Die Sammlung stellt in dieser Hinsicht auch einen einzigartigen Gedächtnisspeicher und Forschungsraum dar, dessen hochkomplexes und verschlüsseltes Bild- und Textmaterial wohl kaum abschließend erschlossen werden kann.

Weblinks

 Commons: Sammlung Prinzhorn  – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Zu Prinzhorn siehe Thomas Röske: Der Arzt als Künstler. Ästhetik und Psychotherapie bei Hans Prinzhorn (1886–1933), Bielefeld 1995.
  2. Zur Geschichte der Sammlung siehe Bettina Brand-Claussen: Das „Museum für pathologische Kunst“ in Heidelberg. Von den Anfängen bis 1945. In: Wahnsinnige Schönheit, Prinzhorn-Sammlung. Ausstellungskatalog Osnabrück, Kulturhistorisches Museum u. a., Heidelberg 1997, S. 6-23.
  3. Der Sammlung angeschlossen ist das Hans-Prinzhorn-Archiv.
  4. Eckart Roloff und Karin Henke-Wendt: Kunst aus der Klinik - ein Leidschatz der Menschheit. (Sammlung Prinzhorn, Heidelberg) In: Besuchen Sie Ihren Arzt oder Apotheker. Eine Tour durch Deutschlands Museen für Medizin und Pharmazie. Band 2, Süddeutschland. Verlag S. Hirzel, Stuttgart 2015, S. 56-58, ISBN 978-3-7776-2511-9
  5. Gottfried Böhm: Die Kraft der Bilder. Die Kunst von „Geisteskranken“ und der Bilddiskurs. In: Ders.: Wie Bilder Sinn erzeugen. Die Macht des Zeigens. Berlin 2007, S. 229–242. Böhm bezeichnet die Sammlung als „historischen Sonderfall“ (S. 230) und hebt damit ihre Einzigartigkeit hervor.
  6. Inge Jádi und Bettina Brand-Claussen (Hrsg.): Vision und Revision einer Entdeckung. Katalog zur Eröffnungsausstellung, Sammlung Prinzhorn, Heidelberg 2001.
  7. Bettina Brand-Claussen und Viola Michely (Hrsg.): Irre ist weiblich. Künstlerische Interventionen von Frauen in der Psychiatrie um 1900. Ausstellungskatalog Sammlung Prinzhorn, Heidelberg 2004, 2. Auflage 2009.
  8. Thomas Röske und Doris Noell-Rumpeltes (Hrsg.): Durch die Luft gehen – Josef Forster, die Anstalt & die Kunst, Ausstellungskatalog, Heidelberg 2011 (mit einer erstmals vollständig publizierten Krankengeschichte aus dem Archiv der Sammlung).
  9. Herwig Guratzsch (Hrsg.): Expressionismus und Wahnsinn, bearb. von Thomas Röske. Ausstellungskatalog Schleswig, Schloss Gottorf, München / Berlin / London / New York 2003. Thomas Röske und Ingrid von Beyme (Hrsg.): Surrealismus und Wahnsinn, Ausstellungskatalog, dt./engl., Heidelberg 2009. Ingrid von Beyme und Thomas Röske (Hrsg.): Ungesehen und Unerhört I. Künstler reagieren auf die Sammlung Prinzhorn, Heidelberg 2013. Ingrid von Beyme und Thomas Röske (Hrsg.): Ungesehen und Unerhört II. Künstler reagieren auf die Sammlung Prinzhorn, Heidelberg 2014.
  10. Emil Kraepelin: Die psychiatrischen Aufgaben des Staates. Jena 1900, S. 16, zitiert nach Hans Walther Schmuhl: Rassenhygiene, Nationalsozialismus, Euthananasie – von der Verhütung zur Vernichtung ‚lebensunwerten‘ Lebens, 1890-1945 (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Bd. 75). Göttingen 1987, S. 82.
  11. Bettina Brand-Claussen: »Sciens nescieris« Max Klingers Philosoph und Emil Kraepelins diagnostisches Bildwissen. In: Wissen und Nicht-Wissen in der Klinik: Dynamiken der Psychiatrie um 1900. Bielefeld 2012. S. 143–169.
  12. Bettina Brand-Claussen: Häßlich, falsch, krank. ‚Irrenkunst’ und ‚irre Kunst‘ zwischen Wilhelm Weygandt und Carl Schneider. In: Christoph Mundt, Gerrit Hohendorf, Maike Rotzoll (Hrsg.): Psychiatrische Forschung und NS-Euthanasie. Heidelberg 2001, S. 265–320.
  13. Bettina Brand-Claussen und Thomas Röske (Hrsg.): Künstler in der Irre. Ausstellungskatalog, Heidelberg 2008.
  14. Röske 1995.
  15. vgl. Gottfried Böhm, 2007
  16. Karl Binding, Alfred Hoche: Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens. Ihr Maß und ihre Form. Leipzig 1920.
  17. Christoph Zuschlag: »Entartete Kunst«. Ausstellungsstrategien im Nazi-Deutschland, Worms 1995 (Heidelberger Kunstgeschichtliche Abhandlungen; Neue Folge, Band 21).
  18. Bettina Brand-Claussen, Thomas Röske und Maike Rotzoll (Hrsg.): Todesursache: Euthanasie. Verdeckte Morde in der NS-Zeit. 2. Auflage, Heidelberg 2012.
  19. vgl. Jádi, 2001
  20. Siehe auch die erfolgreiche Ausstellungstournee 1980/81 Die Prinzhornsammlung. Ausstellungskatalog, Hrsg. Inge Jarchov und Hans Gercke, Königstein/Taunus 1980.

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Quelle: Wikipedia - http://de.wikipedia.org/wiki/Sammlung Prinzhorn (Vollständige Liste der Autoren des Textes [Versionsgeschichte])    Lizenz: CC-by-sa-3.0

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