Ohrwurm - LinkFang.de





Ohrwurm


Dieser Artikel behandelt das Phänomen eines besonders eingängigen Musikstücks. Zu anderen Bedeutungen siehe Ohrwurm (Begriffsklärung).

Ohrwurm ist die umgangssprachliche Bezeichnung für ein eingängiges und merkfähiges Musikstück, das dem Hörer für einen längeren Zeitraum in Erinnerung bleibt und einen hohen akustischen Wiedererkennungs- und Reproduktionswert besitzt. Der Duden definiert Ohrwurm als „Lied, Schlager, Hit, der sehr eingängig, einprägsam ist“, abgeleitet von den gleichnamigen Insekten, die nach volkstümlicher Vorstellung „gern in Ohren“ kriechen.[1]

Der Begriff soll bildlich ausdrücken, dass die Musik wie ein Wurm in den Gehörgang hineinkriecht und dort bleibt. Dieser Begriff wurde als Lehnwort earworm ins Englische übernommen. Weitere im Englischen gebräuchliche Begriffe sind sticky music (‚klebrige Musik‘) oder head music (‚Kopfmusik‘).[2]

Gedächtnisforschung

Störende Ohrwürmer, die sich nicht oder nur sehr schwer "ausschalten" lassen, sind Gegenstand der Gedächtnisforschung. So wurde festgestellt, dass die Wahrscheinlichkeit des "Einschaltens" (Wiedererinnerung und Festsetzung) eines Ohrwurms dann am größten ist, wenn das Arbeitsgedächtnis wenig ausgelastet ist, zum Beispiel bei Routine-Arbeiten, Autofahren oder Spazierengehen. Ohrwürmer können dann freie Kapazitäten des Arbeitsgedächtnisses besetzen und sich dort festsetzen. Umgekehrt lassen sich Ohrwürmer am besten aus dem Arbeitsgedächtnis vertreiben durch erhöhte andere Anforderungen, wie Rätselaufgaben (etwa Sudoku) oder ein spannendes Buch. Interessanterweise gelingt diese "Vertreibung" des Ohrwurms nicht oder weniger effektiv, wenn die andere Anforderung zu hoch ist. Wenn die Rätselaufgabe zu schwer ist, wird das Arbeitsgedächtnis nicht erfolgreich beschäftigt und der Ohrwurm behält dort seinen Freiraum.[3][4]

Eine weitere Möglichkeit der "Vertreibung" eines Ohrwurms aus dem Arbeitsgedächtnis besteht in der Aktivierung von motorischen Programmen der beim Sprechen (Artikulation) beteiligten Organe. Hier hat sich gezeigt, dass einfaches Kauen von Kaugummi diese motorischen Programme ausreichend aktivieren kann, um Ohrwürmer zu vertreiben. Das bedeutet, dass das Arbeitsgedächtnis nicht mit sprachlichen oder bildlichen Inhalten gefordert werden muss. Die rein mechanische, inhaltsleere Aktivierung der Sprechorgane - bei Kauen von Kaugummi - ist ausreichend.[5]

Voraussetzungen

Ohrwürmer können aus sämtlichen Genres der Musikwelt stammen. Der Musikwissenschaftler und Musikpädagoge Hermann Rauhe sieht ein Motiv aus nur drei Tönen, das sich durch ständige Wiederholungen einprägt, als wesentliche Grundlage für die Entwicklung zum Ohrwurm.[6]

Das Prinzip der Wiederholung dürfe dann allerdings nicht überstrapaziert werden, weil dies kurzlebige Schnulzen zur Folge habe. Ein Evergreen, der Jahrzehnte überdauert hat, beinhalte nach zwei- oder dreimaliger Wiederholung dieses Motivs eine Überraschung. Diese könne aus einem besonders erregenden Tonsprung bestehen wie etwa der Sextsprung bei Tea for Two oder Strangers in the Night. In der Dosierung von Vertrautheits- und Überraschungseffekt liege Rauhe zufolge das Erfolgsgeheimnis. Wesentlich sei auch die Ausstrahlungskraft des Interpreten bei der Entwicklung zum Evergreen. Von ganz besonderer Bedeutung für den Ohrwurm sind die Hookline und der Riff. Die Hookline ist eine griffige und eingängige Text- und/oder Musikpassage innerhalb eines Musikstückes, die dessen Wiedererkennungswert enorm steigert und dessen Reproduzierbarkeit aus der Erinnerung ermöglicht. Der Riff, oft im Intro begonnen und während des Stücks häufig wiederholt, ist eine prägnante instrumentale Klangfigur, deren markante Tonfolge ebenfalls für einen hohen Wiedererkennungswert sorgt.

Markante Passagen

Musikwissenschaftler Jan Hemming ist der Auffassung, dass ein Ohrwurm unbewusst und unwillkürlich aus der Erinnerung hervortrete, jedoch insbesondere subjektiver Natur sei und häufig von Hörer zu Hörer differiere.[7] Ohrwürmer seien eine emotionale Angelegenheit und würden vor allem bei Musikstücken auftreten, denen man entweder sehr positiv oder sehr negativ gegenüberstehe. Nicht ganze Titel würden zu Ohrwürmern, vielmehr bohrten sich markante Passagen ins Unbewusste, die die Aufmerksamkeitsschwelle und das Kurzzeitgedächtnis des Hörers keinesfalls überforderten. Wichtig sei auch die emotionale Einstellung: herrscht beim Hören eine starke Gefühlsregung vor, so grabe sich die Musik stärker ins Gedächtnis ein.[8]

Sofern ein Zuhörer mit einem bestimmten Titel gut vertraut ist, erhöht dies die Chancen des Musikstücks, zum Ohrwurm zu werden. In einer Versuchsreihe am Kasseler Institut für Musik zeigte sich, dass 60,5 % der Stücke, die sich bei den Probanden zum Ohrwurm entwickelten, den Betroffenen bereits bekannt waren. 24,4 % der Stücke, die sich zur musikalischen „Endlosschleife“ entwickelten, waren für die Probanden dagegen neu. Eine wichtige Rolle spiele offenbar der Text. So waren bei der Kasseler Testreihe drei der fünf eingängigsten Titel Lieder mit deutschen Texten, während reine Instrumentalstücke nur selten Ohrwurmstatus erreichten.[9]

James Kellaris, Professor an der University of Cincinnati, wies in seinen Studien nach, dass Menschen unterschiedliche Anfälligkeiten für das Ohrwurmphänomen besitzen, dass aber nahezu jeder einmal im Laufe der Zeit mit einem Ohrwurm zu tun hatte. Auch seien Frauen und Musiker eher dafür anfällig als andere Personen.[10]

Rezeption in der Popmusik

Das Lied Ohrwurm von den Wise Guys (Weil ich in deinen Ohren steck, und ich geh hier nie mehr weg!, Ich bin zwar nicht grad virtuos, doch du wirst mich nie mehr los!, Ich bin ziemlich penetrant, sonst wär ich nicht so bekannt!; Juni 2004)[11] und The Chicken Song von Spitting Image (mit der Textzeile And though you hate this song, you’ll be humming it for weeks, April 1986; deutsch: Und obwohl du dieses Lied hasst, wirst du es wochenlang summen.),[12] beschreiben anschaulich das Phänomen des Ohrwurms, dessen Melodie so eingängig ist, dass man sie nicht mehr loswird, auch wenn sie nicht dem eigenen Geschmack entspricht.

Einzelnachweise

  1. Ohrwurm , duden.de, abgerufen am 4. Januar 2012
  2. Wie werde ich bloß den Ohrwurm los? , Frankfurter Rundschau vom 13, Dezember 2011
  3. Ira E. Hyman, Naomi K. Burland, Hollyann M. Duskin, Megan C. Cook, Christina M. Roy, Jessie C. McGrath, Rebecca F. Roundhill: Going Gaga: Investigating, Creating, and Manipulating the Song Stuck in My Head. In: Applied Cognitive Psychology. 27, 2013, S. 204-215, doi:10.1002/acp.2897 .
  4. Richard Gray: Get that tune out of your head - scientists find how to get rid of earworms . In: The Daily Telegraph, 24. März 2013. Abgerufen am 25. März 2013. 
  5. C. P. Beaman, K. Powell, E. Rapley: Want to block earworms from conscious awareness? B(u)y gum! In: Quarterly journal of experimental psychology (2006). Band 68, Nummer 6, 2015, S. 1049–1057, doi:10.1080/17470218.2015.1034142 , PMID 25896521 .
  6. SPIEGEL SPECIAL 12/1995 vom 1. Dezember 1995, Anatomie des Ohrwurms, S. 21
  7. Thüringer Zeitung vom 18. Februar 2011, Lenas Song: Musikprofessor untersucht „Ohrwurm“-Phänomen
  8. Virtuos - Das Magazin der GEMA, April 2012, S. 52
  9. Scinexx Das Wissensmagazin vom 28. Mai 2010, Was macht einen Song zum Ohrwurm?
  10. BBC: Kellaris über den Ohrwurm
  11. Wiseguys, Songtexte
  12. Liedtext von The Chicken Song

Literatur

  • Engmann, Birk; Reuter, Mike: Melodiewahrnehmung ohne äußeren Reiz. Halluzination oder Epilepsie? Nervenheilkunde 2009 28 4: 217-221. ISSN 0722-1541
  • Sacks, Oliver: Der einarmige Pianist. Über Musik und das Gehirn. Rowohlt. Reinbek. 2008.
  • Manfred Spitzer: Musik im Kopf: Hören, Musizieren, Verstehen und Erleben im neuronalen Netzwerk, Schattauer, 2002. ISBN 3-7945-2427-6
  • Hemming, Jan: Zur Phänomenologie des 'Ohrwurms.' In: Wolfgang Auhagen, Bullerjahn, Claudia & Höge, Holger (Hrsg.): Musikpsychologie - Musikalisches Gedächtnis und musikalisches Lernen (S. 184–207). Göttingen 2009: Hogrefe (= Jahrbuch der Deutschen Gesellschaft für Musikpsychologie; 20).

Weblinks

 Wiktionary: Ohrwurm – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Kategorien: Musikpsychologie

Quelle: Wikipedia - http://de.wikipedia.org/wiki/Ohrwurm (Vollständige Liste der Autoren des Textes [Versionsgeschichte])    Lizenz: CC-by-sa-3.0

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