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Nettokreditaufnahme


Nettokreditaufnahme bezeichnet

Die Zentralbank ermittelt innerhalb der gesamtwirtschaftlichen Finanzierungsrechnung die Einnahmen- wie Ausgabenüberschüsse (sektorale Finanzierungssalden) und die korrelierende Nettokreditaufnahme der Sektoren pro Kalenderjahr: Wenn für die Finanzierung eines Ausgabenüberschusses (Defizit) eines einzelnen Sektors nicht einzig Kreditaufnahmen, sondern zusätzlich monetäre Reserven (nicht verbrauchte Einnahmenüberschüsse aus Vorperioden des jeweiligen Sektors) genützt werden, ist die Nettokreditaufnahme geringer als das jeweilige Defizit (aus dem laufenden Geschäftsjahr) des jeweiligen Sektors („Innenfinanzierung“).[1] Scheinbar paradoxerweise erhöht jedoch die vermehrte Bildung monetärer Reserven des einen Sektors den Kreditbedarf der anderen.[2]

Die Nettokreditaufnahme der Sektoren erhält im konjunkturellen Zusammenhang außerdem von der Kredit- wie Saldenmechanik besondere Beachtung. Aus der Nettokreditaufnahme (Nettoverbindlichkeiten) eines Sektors fließen anderen Sektoren Nettoforderungen zu.[3] Der Ausgabenverzicht der privaten Nichtunternehmer zum Zweck eigener Geldvermögenserhöhung hinterlässt eine Budgetlücke bei den Unternehmen,[4][5] weshalb Wolfgang Stützel auch darauf hinwies, dass, um eine Höherverschuldung des Unternehmenssektors mit dem Risiko verstärkter Konjunkturschwankungen zu vermeiden, mittels staatlicher Nettokreditaufnahme zu kompensieren[6] wesentlich sein kann.[7] Kann ein Exportüberschuss (Nettokreditaufnahme des Auslands) in geeigneter Höhe (Zahlungsbilanz) die gesamtwirtschaftliche Budgetlücke der inländischen Unternehmen ausgleichen oder entsparen die Privaten (und verzichten zukünftig auf Einnahmeüberschüsse), entfällt selbstverständlich der Bedarf der Finanzierung aus der Nettokreditaufnahme des inländischen Staates.

Gesamtsektoral rückläufige und negative Nettokreditaufnahme (Nettokredittilgung)

Konjunkturelle Schwankungen resultieren aus Veränderungen der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage.[8] Veränderungen des Nettokreditvolumens der beiden inländischen Sektoren Staat und Unternehmen gesamt (bei gleichbleibender Nachfrage aus dem Ausland) beeinflussen (nach oben oder nach unten) die gesamtwirtschaftliche Nachfrage.[9] Sofern das Ausland seine Nachfrage nicht erhöht, führt also eine rückläufige Nettokreditaufnahme der beiden Sektoren Staat und Unternehmen zu rückläufigem Konjunkturimpuls und (wenn dieser anhält) in weiterer Folge zu Produktionsabbau sowie weiteren Investitionsrückstellungen der Unternehmen.[10] Absatzkrisen aufgrund deflationärer Tendenz sind also stark davon geprägt,[11] dass sowohl die Nettokreditaufnahme der öffentlichen Haushalte[12] als auch die Nettokreditaufnahme der privaten Sektoren sinken[13] oder die Nettokreditaufnahme einzelner Sektoren sogar negativ verläuft – offene Schulden vermehrt und letztlich netto getilgt werden.[14][15] Gesamtsektorale Nettokredittilgung kann nur aus einer Verminderung bestehender Geldvermögen finanziert werden (entsparen).

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung: Jahresgutachten 2013/14: Gegen eine rückwärtsgewandte Wirtschaftspolitik. (PDF; 6,0 MB) S. 76:
    „Die deutlich gesunkene Nachfrage nach Unternehmenskrediten – insbesondere von großen Unternehmen – ist der Umfrage zufolge vor allem auf die Nutzung der Innenfinanzierung durch die Unternehmen zurückzuführen.“
  2. Heinz-Peter Spahn: Geldpolitik. Finanzmärkte, neue Makroökonomie und zinspolitische Strategien. 2. Auflage. München 2011, S. 73. (online auf: books.google.at)
  3. Wolfgang Stützel: Zum Einfluß der öffentlichen Verschuldung auf den Kapitalmarktzins. In: Staatsverschuldung Kontrovers. Köln 1981. S. 50-51:
    „Im Zuge jeder Erhöhung der staatlichen Nettokreditaufnahme, d. h. erhöhter staatlicher Ausgabenüberschüsse (verglichen mit dem vorangegangenen Zeitraum oder mit vorher bestehenden Plänen), erhöht sich also der Einnahmeüberschuß der Gesamtheit aller übrigen Wirtschaftssubjekte in genau dem gleichen Maße; bei einigen von ihnen spiegelt sich dies in Form höherer Einnahmeüberschüsse, bei anderen in Form niedrigerer Ausgabenüberschüsse wider.“
  4. Wolfgang Stützel: Volkswirtschaftliche Saldenmechanik. Tübingen 2011 (Nachdruck der 2. Auflage). S. 80:
    „Die Unternehmergewinne bleiben stets nur genau um jenen Betrag hinter dem Unternehmeraufwand für Konsum und Investition zurück, um den die Nichtunternehmer Einnahmeüberschüsse bilden.“
  5. Wolfgang Stützel (Hrsg.), Wilhelm Lautenbach: Zins, Kredit und Produktion. Tübingen 1952. (PDF) S. 48-49:
    „Geben die Nichtunternehmer das, was sie vereinnahmt haben, nicht ganz aus, sparen sie also, dann wächst das Kreditvolumen in dem Maße, in dem sie sparen von Termin zu Termin. Durch diese Ersparnisse beteiligen sich die Nichtunternehmer am Sozialvermögen. Der Kreditbedarf der Unternehmer entsteht hier also gerade dadurch, daß Nichtunternehmer sparen, einerlei, ob es Private sind oder ob es die öffentliche Hand ist, die Überschüsse hat.“
  6. Wilhelm Lautenbach: Kreditausweitung im Aufschwung. In: Wirtschaftskurve 1936. (PDF ) S. 1:
    „Wenn der Staat in großem Stil Kredit nimmt, wird die ganze Kreditwirtschaft aufgelockert. Die Geld- und Kreditmärkte werden flüssig, die Unternehmer werden liquide, ihre Bankkredite nehmen ab, die Geschäftsdepositen steigen […].“
  7. Bundeszentrale für Politische Bildung (Hrsg.): Aus Politik und Zeitgeschichte. Ausgaben 27-52. Bonn 1981. S. 18. (online auf: books.google.at)
  8. Matthias Premer: Grundzüge der Volkswirtschaftslehre. Makroökonomik und Mikroökonomik. München 2011. S. 131. (online auf: books.google.at)
  9. Stefan Ziffzer: Ökonomische Grenzen der staatlichen Kreditaufnahme. Berlin 1980. S. 81. (online auf: books.google.at)
  10. Berufsbildungswerk der Deutschen Versicherungswirtschaft (Hrsg.); Georg Erdmann, Harald Popp, Michael Tolksdorf: Betriebswirtschaft, Volkswirtschaft. 4. Auflage. Karlsruhe 2006. (online auf: books.google.at) S. 340:
    „Die Rezession verschärft sich multiplikativ, weil die Zurückhaltung der Kunden weiteren Produktionsabbau und Beschäftigungsrückgang verursacht und zusätzliche Konsumzurückhaltung erzwingt.“
  11. Hans J. Barth: Potentialorientierte Verschuldung. Das Konzept des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. In: Staatsverschuldung Kontrovers. Köln 1981. S. 59:
    „Konjunkturneutral sind die öffentlichen Haushalte dann, wenn der Staat mit seinen Ausgaben und mit seinen Einnahmeregelungen nicht von dem abweicht, woran die Privaten gewöhnt sind, wenn der Staat also für sich genommen keine Abweichung von der Normalauslastung des Produktionspotentials bewirkt. Weicht das tatsächliche Haushaltsvolumen vom konjunkturneutralen Haushalt ab, steht die Differenz für den konjunkturen Impuls.“
  12. Werner Ehrlicher: Die Finanzwirtschaft der Bundesrepublik Deutschland. In: Handwörterbuch der Wirtschaftswissenschaft. Band 3. 1981, S. 170. (online auf: books.google.at)
  13. Richard Koo: The Age of Balance Sheet Recessions: What Post-2008 U.S., Europe and China Can Learn from Japan 1990-2005. (PDF; 304 KB) Vgl. Schaubilder ab S. 13.
  14. Vgl. Hans Gestrich: Neue Kreditpolitik. Stuttgart und Berlin 1936 (PDF ; 652,3 KB), S. 40: „Besteht eine starke eingefrorene Verschuldung der wirtschaftlichen Unternehmungen, so werden die neu entstehenden Girogelder in der ersten Periode einer Kreditausweitung zunächst von den Empfängern zum Abbau ihrer Schulden benutzt.“
  15. Vgl. Heinrich Rittershausen: Bankpolitik. Eine Untersuchung des Grenzgebiets zwischen Kredittheorie, Preistheorie und Wirtschaftspolitik. Frankfurt 1956. S. 32:
    „Umgekehrt bedeutet die Tilgung einer Bankschuld eine Sterilisierung von Kredit. Auch hier liegt wieder einer der Fälle vor, auf welche die Banken und die staatliche Wirtschaftspolitik nur sehr wenig Einfluß nehmen können: so war die Stagnation der 30er Jahre in Deutschland und anderen Ländern besonders dadurch gekennzeichnet, daß die Versuche der Banken und der staatlichen Stellen, den Kredit auszudehnen, jahrelang an der Neigung der Kundschaft scheiterten, vorhandene Schulden zurückzuzahlen. Es kam immer wieder durch die deflationären Wirkungen von Tilgungen zu einer Kompensation und damit Vernichtung jener aktiven Effekte, welche eingeleitet worden waren.“

Kategorien: Haushaltsrecht | Geldpolitik | Konjunkturpolitik | Staatsverschuldung | Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung | Bankwesen | Volkswirtschaftslehre

Quelle: Wikipedia - http://de.wikipedia.org/wiki/Nettokreditaufnahme (Vollständige Liste der Autoren des Textes [Versionsgeschichte])    Lizenz: CC-by-sa-3.0

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