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Mutmassungen über Jakob


Mutmassungen über Jakob ist ein 1959 veröffentlichter Roman des deutschen Autors Uwe Johnson.

Einordnung

Uwe Johnsons erstes veröffentlichtes Romanmanuskript thematisiert wie sein gesamtes Œuvre die Probleme der Menschen im geteilten Deutschland, v. a. in der DDR in der Zeit des Kalten Krieges und führt die Ideologiediskussion seines posthum erschienenen Erstlings Ingrid Babendererde fort. Die Protagonisten der Mutmaßungen treten auch in andern Werken Johnsons auf. Namentlich Gesine Cresspahl ist die Protagonistin seines Werkes Jahrestage.

Inhalt

Die in fünf Teile untergliederte Handlung beginnt mit dem Tod des Reichsbahnbeamten (Beruf Dispatcher) Jakob Abs, der in seinem Wohnort, einer ungenannten Stadt an der Elbe, bei der es wahrscheinlich um Dresden handelt,[1] beim Überqueren der Gleise im Nebel von einer Lokomotive zerquetscht wird. Dieses Ereignis begründet die anschließend aus der Retrospektive geschilderten Geschehnisse und die Mutmaßungen des Erzählers über Jakob und seinen Tod: War es ein Unfall, Selbstmord, oder vielleicht Mord?

Vorgeschichte (Teil I)

Jakob Abs, 1928 in Hinterpommern geboren, ist am Ende des Zweiten Weltkriegs mit seiner Mutter auf der Flucht vor der heranrückenden Roten Armee nach dem fiktiven Ort Jerichow an der mecklenburgischen Ostseeküste gelangt, wo sie Aufnahme bei dem einheimischen Kunsttischler Heinrich Cresspahl und seiner Tochter Gesine finden und mit ihnen wie in einer Familie zusammenleben.

Haupthandlung

Die Haupthandlung des Romans spielt im Spätherbst 1956, zwischen 7. Oktober und 10. November, zur Zeit der beginnenden Entstalinisierung im Ostblock, des Ungarischen Volksaufstands und der Sueskrise.

Weil seine Mutter, wie Gesine bereits vor drei Jahren, nach einem Verhör des Hauptmanns der Stasi Rohlfs die DDR verlassen hat, wird Jakob am darauffolgenden Tag von diesem zu einem Gespräch geladen. Rohlfs hat den Auftrag, Gesine, die bei der NATO als Dolmetscherin arbeitet, für Spionagezwecke zu gewinnen. Als sie im Oktober illegal Jakob besucht und mit diesem zu ihrem Vater nach Jerichow reist, verwickelt sie Rohlfs, der alle Aktionen während der gesamten Romanhandlung beschattet, in ein Gespräch, bestehend aus Drohungen und Grundsatzerörterungen über die Vorteile des sozialistischen Systems gegenüber dem kapitalistischen und den Aufgaben eines Staatsbürgers, die DDR gegenüber den Feinden zu unterstützen. Dennoch überlässt er, auf die Überzeugungskraft seiner Argumente vertrauend, Gesine und Jakob die Entscheidung.

In Jerichow treffen die Protagonisten auf eine weitere Hauptfigur des Romans: den wissenschaftlichen Assistenten für Anglistik Dr. Jonas Blach (Teil II). Dieser hat Gesine im Frühjahr in Berlin kennengelernt und mit ihr eine Affäre begonnen, obwohl sie eigentlich nur Jakob liebt. Nun will er nach seiner Rede bei einer akademischen Veranstaltung in Berlin über notwendige demokratische Reformen in der DDR seine Gedanken in Cresspahls Haus in Ruhe zu Papier bringen und mit Hilfe der Freunde ins Ausland schleusen.

Gesine fährt nach Westdeutschland zurück. Jakob reist mit Rohlfs Billigung kurz darauf ebenfalls dorthin, um seine Mutter im Flüchtlingslager zu besuchen. Trotz seiner Liebe zu Gesine, die ihre Stelle bei der NATO gekündigt hat und nun einen Radiosprachkurs Deutsch für amerikanische Soldaten produziert, kehrt er schon nach einer Woche in die DDR zurück, enttäuscht vom Leben in der Bundesrepublik und durch die britische Okkupation des Suezkanals in seiner Meinung über den Kapitalismus bestätigt. Auf dem Weg zum Stellwerk am Tage seiner Rückkehr wird er von einer Rangierlok erfasst und getötet. Während Gesine von Rohlfs mehrmals freies Geleit erhält und mit ihm in Berlin ein rückblickendes Gespräch (v. a. Teil IV) führt, lässt er Blach, dessen Essay dem Außenministerium der Vereinigten Staaten in die Hände gespielt wurde, wegen Kriegs- und Boykotthetze verhaften.

Struktur und Erzählform

In die Rahmenerzählung (Teil I, Anfang und Teil V) des zwar nicht chronologisch erzählten, aber insgesamt am Handlungsverlauf orientierten Romans sind drei, die Ereignisse rekonstruierende, zentrale Dialoge eingeschlossen (Teile I und II: Jonas – Jöche, Teil III: Gesine – Jonas, Teil IV: Rohlfs – Gesine), und diese implizieren wiederum verschiedene im nächsten Abschnitt genannte Erzählformen.[2]

Hauptmerkmal ist neben der Bevorzugung parataktischer Stilelemente die Montagetechnik mit wechselnden Erzählperspektiven: Dialoge, Innere Monologe, auktoriale Erzählweise und verschiedene Ich-Perspektiven wechseln einander ab, wobei die abrupten Übergänge gelegentlich durch den unterschiedlichen Textsatz angedeutet werden. Verschiedene Sprachen finden unübersetzt Eingang in den Romantext, so das Englische, das Russische und das Mecklenburger Platt, in dem Vater Cresspahl sich äußert. So entsteht ein polyperspektivisches, lückenhaftes Mosaikbild der Personen, ihrer Aktionen und Motive. Wer die Gesprächsteilnehmer sind, wird nur aus dem Zusammenhang oder aus dem weiteren Verlauf des Romans deutlich. Auch viele andere Aspekte bleiben undurchsichtig, klar werden eigentlich nur die Schilderungen der technischen Abläufe im Stellwerk dargestellt.[3] Nach Hans Magnus Enzensberger wird dem Leser, der ähnlich wie im brechtschen Epischen Theater „aus seiner genießerischen Passivität befreit“ werde, dadurch eine aktive Rolle übertragen: Er müsse die verstreuten Informationen wie ein Detektiv selbst zu einer Handlung zusammenkombinieren.[4]

Rezeption

Die westdeutsche Literaturkritik würdigte überwiegend Mutmaßungen über Jakob als sprachlich innovatives, herausragendes Werk[5], u. a. Jürgen Becker („Uwe Johnson [...] hat zwei Romane geschrieben, die in der deutschen Literatur heute keinen Vergleich finden“), und machte den Autor als „der Dichter der beiden Deutschland“ (Günter Blöcker) bekannt. Der deutsch-britische Journalist Alan Posener erklärte 2011 den Roman für missglückt: Die Sprache sei über weite Strecken gesucht-dunkel, Gesine und Jonas redeten bei ihrer ersten Begegnung falsches und unverständliches Englisch, und die DDR erscheine im Vergleich trotz allem als das bessere Deutschland.[6]

DDR-Rezensionen (z. B. von Hermann Kant, Peter Hacks) bemängelten dagegen sowohl Johnsons undogmatische, individuelle Position wie seine Sprache. Den zweiten Aspekt fokussierten auch BRD-Schriftsteller und Wissenschaftler: Während etwa Hermann Kesten, Kasimir Edschmid oder Karlheinz Deschner[7] schlechtes Deutsch und sinnlose Manierismen beobachteten, betonten andere (Herbert Kolb[8] Hugo Steger[9]) die poetischen Funktionen der Stilmerkmale. [10]

1960 wurde der Roman mit dem Fontane-Preis der Stadt Berlin ausgezeichnet.

Der Hessische Rundfunk produzierte 1984 eine Lesung der Mutmaßungen in 21 Folgen mit Gert Haucke als Sprecher.[11]

Ausgaben (Auswahl)

Erstausgabe:

  • Mutmassungen über Jakob : Roman, 1. - 5. Tausend, Suhrkamp: Frankfurt/Main 1959.

Spätere Ausgaben:

  • Mutmassungen über Jakob : Roman Faksimile der Erstausgabe von 1959, einmalige Sonderausg., 1. Auflage, Suhrkamp: Frankfurt/Main 2009, ISBN 978-3-518-42090-4.
  • Mutmassungen über Jakob : Roman Süddeutsche Zeitung GmbH: München 2004, Süddeutsche Zeitung - Bibliothek Band 18, ISBN 3-937793-19-4.
  • Mutmassungen über Jakob : Roman, 4. Auflage, Suhrkamp: Frankfurt am Main 1995 Edition Suhrkamp Neuen Folge Bd. 818, ISBN 3-518-11818-8.
  • Mutmassungen über Jakob : Roman, Suhrkamp: Frankfurt/Main 1974, (suhrkamp-taschenbücher Nr. 147) ISBN 3-518-06647-1.

Englisch:

  • Speculations about Jakob Übersetzt von Ursule Molinaro, Grove Press, New York 1963 (englische Ausgabe auch London 1963).

Französisch:

  • Conjectures sur Jakob : roman = (La frontière) (aus dem Deutschen übersetzt von Marie-Louise Ponty), Vorwort von Hans Magnus Enzensberger, neue Ausgabe, revidiert von Pierre Rusch, Gallimard: Paris 1994, ISBN 2-07-073754-3.

Italienisch:

  • Congeturre su Jakob, übersetzt von Enrico Filippini, bei Giangiacomo Feltrinelli Editore Milano, 1961

Koreanisch:

Spanisch:

  • Conjeturas sobre Jakob Ins Spanische übersetzt und kommentiert von Ursula Heinze ; Ramón Lorenzo, Madrid : Verlag Narcea, Madrid 1973

Polnisch:

  • Domniemania w sprawie Jakuba übersetzt von Sława Lisiecka; Wydawnictwo Czytelnik: Warschau 2008, ISBN 978-83-07-03170-5.

Holländisch:

  • Vermoedens omtrent Jakob, übersetzt von Carolien Brouwer, Meulenhoff 1990, ISBN 9789029038263.

Einzelnachweise

  1. so der Klappentext der Taschenbuchausgabe, Fischer, Frankfurt am Main und Hamburg 1962; Jörg Drews: Mutmassungen über Jakob. In: Kindlers Literatur Lexikon, dtv, München 1986, Bd. 8, S. 6530.
  2. Hansjürgen Popp: Einführung in Mutmaßungen über Jakob. In: Rainer Gerlach u. Matthias Richter (Hrsg.): Uwe Johnson. Suhrkamp Frankfurt a. M. 1984, S. 56 f.
  3. Jörg Drews: Mutmassungen über Jakob. In: Kindlers Literatur Lexikon, dtv, München 1986, Bd. 8, S. 6531.
  4. Hans Magnus Enzensberger: Die große Ausnahme. In: Einzelheiten. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1962, S. 234–239.
  5. Bernd Neumann: Utopie und Mythos. Über Uwe Johnson: Mutmaßungen über Jakob. In: Rainer Gerlach und Matthias Richter (Hrsg.): Uwe Johnson. Suhrkamp Frankfurt a. M. 1984, S. 106.
  6. Alan Posener: Wer unverständlich schreibt, liebt auch die DDR. In: Die Welt vom 21. November 2011 (online , Zugriff am 20. Juli 2015).
  7. Deschner, Karlheinz: Uwe Johnson <Das dritte Buch über Achim>. In: ders.: Talente, Dichter, Dilettanten. Wiesbaden 1964, S. 187-202.
  8. Kolb, Herbert: Rückfall in die Parataxe. Anläßlich einiger Satzbauformen in Uwe Johnsons erstveröffentlichtem Roman. In: NDH 10, H. 96. 1963, S. 42-74.
  9. Steger, Hugo: Rebellion und Tradition in der Sprache von Uwe Johnsons Mutmaßungen über Jakob. In: Gerlach, Rainer u. Matthias Richter (Hrsg.): Uwe Johnson. Suhrkamp Frankfurt a. M. 1984, S. 83-104.
  10. Gerlach, Rainer u. Matthias Richter (Hrsg.): Uwe Johnson. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1984, S. 10f.
  11. [1] , Ankündigung einer Sendung im Jahr 2009 durch Radio Bremen – Nordwest-Radio, abgerufen am 1. Mai 2014

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Quelle: Wikipedia - http://de.wikipedia.org/wiki/Mutmassungen über Jakob (Vollständige Liste der Autoren des Textes [Versionsgeschichte])    Lizenz: CC-by-sa-3.0

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