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Mittelhelladikum


Als Mittelhelladikum bezeichnet man die mittlere Phase der helladischen Periode, wie die Bronzezeit auf dem griechischen Festland genannt wird. Das Mittelhelladikum umfasst ungefähr den Zeitraum von etwa 2050 bis etwa 1700/1600 v. Chr. Über die Entwicklungen jener Epoche ist bisher vergleichsweise wenig bekannt.

Die von Carl Blegen in den 1920er-Jahren aufgestellte These, zu Beginn des Mittelhelladikums seien indogermanische Stämme nach Griechenland eingewandert, gilt schon lange als widerlegt.

Die für die Epoche charakteristischen Keramikstile waren die mattbemalte und die minysche Keramik.

Chronologie

Siehe auch: Minoische Eruption
Siehe auch: Minoische Kultur

Für die Ägäische Bronzezeit gibt es seit der Anwendung naturwissenschaftlicher Methoden zwei unterschiedliche absolute Chronologien, zwischen denen ein Abstand von rund 100 Jahren liegt. Die Debatte zwischen den Anhängern der beiden verschiedenen Datierungen erfuhr bisher keine definitive Antwort.

Die ältere Datierung (niedrige, kurze oder traditionelle Chronologie) geht im Prinzip auf Arthur Evans zurück, der während seiner Ausgrabungen in Knossos die erste Chronologie der minoischen Kultur konstruierte. Er orientierte sich dabei hauptsächlich an der Stratigraphie – den aufeinanderfolgenden Siedlungsschichten, die die Reihenfolge für die Keramikstile angeben sollten. Evans, der dachte, die minoische Kultur hätte sich ähnlich wie die ägyptische entwickelt (was in der heutigen Forschung als widerlegt gilt), teilte deshalb in Analogie zum Alten, Mittleren und Neuen Reich die minoische Kultur in drei Phasen ein: Frühminoikum, Mittelminoikum und Spätminoikum. Diese relative Chronologie hat sich bis heute gehalten und wurde auf das Festland und die Kykladen übertragen, obgleich sie Probleme birgt, wie etwa die Tatsache, dass Evans Keramikstile und Perioden den gleichen Namen gab, letztere sich jedoch teilweise überschneiden. Evans war schließlich auch der erste, der durch historiographisch-archäologische Analyse von Fundstücken eine absolute Chronologie aufstellte, welche im Lauf der Zeit immer weiter verfeinert wurde, zuletzt 1986 durch Peter Warren und Vronwy Hanke, welche diese in ihrer grundlegenden Publikation Aegean Bronze Age Chronologie schlüssig mit der recht gesicherten Chronologie Ägyptens verknüpften.

Neue naturwissenschaftliche Untersuchungen, die vor allem auf der Radiokarbonmethode und Dendrochronologie beruhen, ergaben jedoch eine um rund 100 Jahre von der klassischen Datierung abweichende neue Datierung des Vulkanausbruchs von Thera, was zur Herausbildung einer neuen Chronologie (hohe, lange oder neue Chronologie) geführt hat, die, falls richtig, große Probleme für die archäologisch-historiografiische Forschung bedeuten würde. Während Warren und Hanke den Ausbruch auf ca. 1520 v. Chr. datierten, sprechen die naturwissenschaftlichen Ergebnisse für Anfang bis Mitte des 17. Jahrhunderts v. Chr. Neben den Verfechtern der einen oder anderen Chronologie gibt es auch Befürworter für eine Kompromisslösung, die noch gerade mit den naturwissenschaftlichen Ergebnissen vereinbar ist und nicht allzu sehr mit den traditionellen Synchronismen kollidiert.[1]

Jedenfalls umfasst die mittelhelladische Epoche nach traditioneller Chronologie den Zeitraum von 2050 bis 1600 v. Chr., nach neuer Chronologie den Zeitraum von 2050 bis 1700 v. Chr.[2]

Debatte über indogermanische Einwanderung

Carl Blegen warf in seiner 1928 erschienenen Arbeit The coming of the Greeks als erster die These auf, in der Übergangsphase zwischen Früh- und Mittelhelladikum seien Indoeuropäer nach Griechenland eingewandert. Für diese Annahme spricht u. a. die Tatsache, dass erst für die mykenische Zeit Neuerungen wie das Pferd und Wagen nachgewiesen sind.[3]

Bereits 1896 hatte der Linguist Paul Kretschmer in seiner Einleitung in die Geschichte der griechischen Sprache darauf hingewiesen, einige Ortsnamen in Griechenland mit den Endungen „-nthos“ und „-ssos“ könnten nicht als indogermanisch und damit nicht als ursprünglich griechisch aufgefasst werden, sondern wiesen vielmehr eine Gemeinsamkeit mit anatolischen und damit nicht-indogermanischen Sprachendungen auf; daher, so Kretschmer, sei bewiesen, dass ein prohellenisches Sprachsubstrat im Griechischen enthalten sei, was auf die Anwesenheit einer nichtindogermanischen Bevölkerung im frühgeschichtlichen Griechenland hinweise.[4]

Bis zu den britischen Ausgrabungen von Lerna in den 1950er-Jahren unter Leitung von John Langdon Caskey galten diese Thesen in der Fachwelt als allgemein anerkannt. Caskey hingegen datierte eine erste Einwanderungswelle auf die Zeit zwischen FH II und FH III, während er eine weitere Zäsur in Zentralgriechenland für das Ende von FH III ansetzte.[5] Diese Meinung war lange Zeit unter Archäologen vorherrschend, wird neuerdings jedoch auch in Zweifel gezogen. Manche Forscher halten eine indogermanische Einwanderung bereits im Neolithikum oder FH I für wahrscheinlich.

Siedlungsstruktur

Die bisher bekannt gewordenen Siedlungen waren größtenteils befestigt und meist auf Anhöhen gelegen. Im Zentrum der Siedlung lag der Wohnsitz des Anführers. Gewöhnlich wurden Gebäude in rechteckiger Hausform[6], teilweise in Megaron-Form[6] errichtet. Auch sind Apsiden – und Ovalbauten bekannt.[6] Im Laufe der Zeit wurden viele der Plätze besetzt, bzw. auf den Siedlungsresten des Frühhelladikums neu besiedelt, die zum Teil in den folgenden Jahrhunderten große Bedeutung hatten: z. B. Mykene, Tiryns und die Insel Aigina. Unter den gut ausgegrabenen und deshalb bekannten Orten sind Malthi in Messenien (das antike Dorion) und Lerna (Schicht V) hervorzuheben. Andere Orte des Frühhelladikums wurden vorerst verödet liegen gelassen und ggf. erst im Späthelladikum wieder besiedelt[6] . Die Siedlungsweise des Mittelhelladikums zeigt keine grundlegenden Unterschiede zu der des Frühhelladikums.[7]

Weitere Fundorte waren:

Kunst und Keramik

Hauptartikel: minysche Keramik
Hauptartikel: mattbemalte Keramik

In dieser Epoche ist die Kunst noch wenig entwickelt, aber es setzt sich in vielen Regionen ein Typ feiner, auf der Drehscheibe gearbeiteter, polierter Keramik durch, die monochrom, meist grau, oft aber auch schwarz (vor allem in der Argolis), selten rot oder gelb gefärbt ist. Sie wurde bereits von Heinrich Schliemann als minysche Keramik bezeichnet – nach den sagenhaften Minyern, welche nach Homer die Bewohner von Orchomenos in Böotien waren. Entgegen früheren Meinungen ist die minysche Keramik offenbar nicht von Einwanderern zu Beginn des Mittelhelladikums in Griechenland eingeführt worden, denn es sind frühe Formen dieses Keramiktyps neuerdings in Fundzusammenhängen zu Tage getreten, die aus der späten Phase des Frühhelladikums (FH III) stammen (z. B. in Tiryns). Neben der minyschen Keramik gibt es noch die sog. „Matt-Painted“ (matt bemalte)-Keramik, die nach heutigem Forschungsstand keinen Vorläufer im Frühhelladikum hat.

Mit Ausnahme der Keramik fiel das Kunsthandwerk im Mittelhelladikum verglichen mit der Kunst des Frühhelladikums qualitativ ab.[8]

Literatur

  • Hans-Günter Buchholz (Hrsg.): Ägäische Bronzezeit, 1987. (Aufsatzsammlung)
  • R. J. Buck: The Middle Helladic Period. In: Phoenix, Bd. 20, N. 3, S. 193–209, Classical Association of Canada 1966 (online, aufgerufen am 16. April 2016 ).
  • John L. Caskey: Greece and the Aegean Islands in the Middle Bronze Age. In: Cambridge Ancient History, Bd. 2, Kapitel iv (a), S. 32, überarbeitete Auflage, Cambridge University Press 1966, ISBN 978-0-521-04470-7.
  • Sofia Voutsaki: Mainland Greece. In: Eric H. Cline (Hrsg.): The Oxford Handbook of the Bronze age Aegean (ca. 3000-1000 BC). Oxford University Press, Oxford 2010, ISBN 978-0-19-536550-4, S. 99–112.
  • Oliver Dickinson: The Origins of Mycenaean Civilisation. Göteborg 1977.
  • Oliver Dickinson: The Aegean Bronze Age. Cambridge University Press, 1996, ISBN 0-521-45664-9.
  • Wolfgang Schiering: Griechenland, II. Vorgeschichtliche Kulturen,[4] Mittlere Bronzezeit. In: Lexikon der alten Welt, Artemis-Verlag, Zürich-München 1990, Unveränderter Nachdruck der einbändigen Originalausgabe von 1965, ISBN 3-7608-1034-9, S. 1142–1143.
  • Helène Whittaker: Religion and Society in Middle Bronze Age Greece. New York, Cambridge University Press, 2014, ISBN 978-1-107-04987-1.
  • James Clinton Wright: Early Mycenaean Greece. In Cynthia W. Shelmerdine (Hrsg.): The Cambridge Companion to the Aegean Bronze Age. Cambridge and New York, Cambridge University Press 2008, ISBN 978-0-521-81444-7, S. 19–46 (online, aufgerufen am 16. April 2016 ).
  • Nicholas I. Xirotiris: The Indo-Europeans in Greece: An Anthropological Approach to the Population of Bronze Age Greece. Journal of Indo-European Studies 8 (1–2), S. 201–210, 1980.
  • C. W. Zerner: The Beginning of the Middle Helladic Period at Lerna, 1978. (University Microfilms 79–04772).

Weblinks

Einzelnachweise und Anmerkungen

  1. Vgl. J. Lesley Fitton: Die Minoer. Theiss, Stuttgart 2004, S. 22–32.
  2. Vgl. Der Große Ploetz. Die Enzyklopädie der Weltgeschichte. Vadenhoeck und Ruprecht, 35. Aufl., Freiburg 2008, ISBN 978-3-525-32008-2, S. 135.
  3. Vgl. John Evander Coleman: An Archaeological Scenario for the “Coming of the Greeks” ca. 3200 B.C. In: The Journal of Indo-European Studies, Bd. 28, Nr. 1&2, Frühling/Sommer 2000, S. 101–153 (als PDF-Datei online, aufgerufen am 17. April 2016 ), hier S. 104
  4. Vgl. Paul Kretschmer: Einleitung in die Geschichte der griechischen Sprache. Vadenhoeck, Göttingen 1896, S. 401 als PDF-Datei online, aufgerufen am 17. April 2016 .
  5. Vgl. John L. Caskey: The Early Helladic Period in the Argolid. Hesperia (The American School of Classical Studies at Athens) 29 (3), S. 285–303, 1960, (als PDF-Datei online, aufgerufen am 13. April 2016) , hier S. 301 f.
  6. 6,00 6,01 6,02 6,03 6,04 6,05 6,06 6,07 6,08 6,09 6,10 6,11 6,12 6,13 6,14 Vgl. Schiering, Wolfgang: Griechenland, II. Vorgeschichtliche Kulturen,[4] Mittlere Bronzezeit. In: Lexikon der alten Welt, Artemis-Verlag, Zürich-München 1990, Unveränderter Nachdruck der einbändigen Originalausgabe von 1965, ISBN 3-7608-1034-9, S. 1142
  7. Vgl. Schiering, Wolfgang: Griechenland, II. Vorgeschichtliche Kulturen,[4] Mittlere Bronzezeit. In: Lexikon der alten Welt, Artemis-Verlag, Zürich-München 1990, Unveränderter Nachdruck der einbändigen Originalausgabe von 1965, ISBN 3-7608-1034-9, S. 1142: „Siedlungs- und Bauweise sowie Hausformen […] unterschieden sich unwesentlich von FH […]“
  8. Vgl. Schiering, Wolfgang: Griechenland, II. Vorgeschichtliche Kulturen,[4] Mittlere Bronzezeit. In: Lexikon der alten Welt, Artemis-Verlag, Zürich-München 1990, Unveränderter Nachdruck der einbändigen Originalausgabe von 1965, ISBN 3-7608-1034-9, S. 1143


Kategorien: Griechische Geschichte (Antike)

Quelle: Wikipedia - http://de.wikipedia.org/wiki/Mittelhelladikum (Vollständige Liste der Autoren des Textes [Versionsgeschichte])    Lizenz: CC-by-sa-3.0

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