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Lorscher Arzneibuch


Das Lorscher Arzneibuch (Msc.Med.1, alte Signatur L.III.8, früher auch als Codex Bambergensis medicinalis 1 bezeichnet) ist eine Handschrift aus der Zeit Karls des Großen, entstanden um 800. Es ist das älteste erhaltene Buch zur Klostermedizin aus dem abendländischen Frühmittelalter. Geschrieben wurde es in lateinischer Sprache im Kloster Lorsch (heute Kreis Bergstraße, Hessen). Seit ca. 1000 Jahren befindet es sich in Bamberg und wird heute in der Staatsbibliothek Bamberg verwahrt. Seit Juni 2013 gehört das Lorscher Arzneibuch zum UNESCO-Weltdokumentenerbe.[1][2]

Herkunft und Geschichte

Das Lorscher Arzneibuch wurde von mehreren Händen im Benediktinerkloster Lorsch geschrieben. Dies konnte aufgrund der karolingischen Minuskelschrift im älteren Lorscher Stil durch den Paläögraphen Bernhard Bischoff nachgewiesen werden.[3]

Die Datierung ist jedoch umstritten. Sie schwankt zwischen dem ausgehenden 8. und dem beginnenden 9. Jahrhundert. Bernhard Bischoff datierte die Handschrift zunächst auf „zwischen 781 und 783“ und „nur wenig über 800“[4], später dann auf „IX. Jh. Anfang“[5]. Der Medizinhistoriker Gundolf Keil datierte sie anfangs in das Jahr 795, ging später auf 792, dann auf 790 zurück und sprach sich zuletzt für die Zeit „um 788“ aus.[6] Klaus-Dietrich Fischer, ebenfalls Medizinhistoriker, widersprach Keils Argumenten und bezog sich für die zeitliche Einordnung wiederum auf Bischoff.[7]

Rezeptnachträge und althochdeutsche Vermerke zeugen von fortdauernder Benutzung im 9. und 10. Jahrhundert.

Die Handschrift enthält auf einer halbleeren Seite (fol. 42v) das einzige bekannte (Teil-)Verzeichnis einer kaiserlichen Bibliothek des Frühmittelalters, niedergeschrieben durch Leo von Vercelli (gest. 1026), den Lehrer und Vertrauten Kaiser Ottos III. Diese Bücherliste erlaubt es auch, die Geschichte des Lorscher Arzneibuches weitgehend zu rekonstruieren: Nach dem frühen Tod Kaiser Ottos III. im Jahre 1002 kam die Handschrift in den Besitz seines Nachfolgers Kaiser Heinrich II., der sie der Dombibliothek des von ihm im Jahr 1007 gegründeten Bistums Bamberg schenkte. Von dort gelangte sie im Zuge der Säkularisation 1803 in die Kurfürstliche Bibliothek Bamberg, die heutige Staatsbibliothek Bamberg, wo sie unter der Signatur Msc.Med.1 verwahrt wird.

Umfassend wissenschaftlich untersucht wurde die zuvor nur wenigen Fachleuten bekannte Handschrift in den 1980er Jahren vom Institut für Geschichte der Medizin der Universität Würzburg. Ergebnisse der Untersuchungen wurden 1989 im Rahmen eines Symposiums in Lorsch vorgetragen, im selben Jahr wurde eine zweibändige Ausgabe mit einer Reproduktion der Handschrift und einer Übersetzung herausgegeben. Eine populärwissenschaftliche Einführung in den Codex erschien ebenfalls 1989, eine Dissertation mit Text, Übersetzung und Fachglossar 1992.

Inhalt und Aufbau

Das Lorscher Arzneibuch umfasst 75 Kalbspergamentblätter im Format 32 x 22,5 cm, die einspaltig mit 32 bis 33 Zeilen dicht beschrieben sind. Die medizinisch-pharmazeutische Handschrift erweist sich als ein planmäßig angelegtes Kompendium, konzipiert als Nachschlagewerk für die praktische Alltagsarbeit eines Klostermediziners sowie auch als einführendes Lehrbuch. Den Hauptteil (ab Blatt 17)[8] bildet eine Sammlung von 482 Rezepturen griechisch-römischer Tradition. Beschrieben werden die Zutaten, die Herstellung und die Anwendung der Arzneimittel. Eingebettet ist diese Sammlung in Abhandlungen zur Medizingeschichte sowie zur ärztlichen Ethik.

Direkt als Quellen nachweisen lassen sich die Physica Plinii, die byzantinische Medizin sowie die Schriften des Aurelius Aesculapius. Indirekt flossen auch Werke des Dioskurides, Galenos sowie die Medicina Plinii in den Codex mit ein.

Die einzelnen Textsegmente:

Vorwort: Rechtfertigung der Heilkunde (Defensio artis medicinae)

Im Vorwort wird die Heilkunst gegen Vorbehalte namhafter Christen verteidigt, die in ihr einen unzulässigen Eingriff in den göttlichen Heilsplan sahen. Die Argumentation dieser Rechtfertigung zielt demgegenüber darauf ab, das ärztliche Handeln geradezu als ein Gebot christlich gebotener Nächstenliebe zu bestimmen.

Carmen (Versus seu Carmina)

Bei diesem Segment handelt es sich um eine Medizinalordnung in Versform. Es wird die Forderung erhoben, dass die Heilkunst nicht nur den Reichen, sondern gleichermaßen den Armen zugänglich sein müsse. Empfohlen wird außerdem, nicht nur die teuren Kräuter aus dem Orient, sondern zur Kostendämpfung auch ebenso wirksame einheimische Kräuter zu verwenden.[9]

Einführung in die Medizin (Initia medicinae)

Dieses Segment behandelt die Geschichte der Medizin, die Anatomie sowie den hippokratischen Eid.

Die Fragen von Aristoteles (Problemata Aristotelis)

Pseudo-aristotelische Sammlung heilkundlicher Aufgaben in Frage- und Antwortform.

Der astrologischen Literatur nahestende Vertreter literarischer Kleinformen

Enthält „Kritische Tage“ (Dies incerti) und „Ägyptische Tage“ (Dies aegyptiaci).

Dietätisch relevante Texte

Thematisiert werden ein Monatstrank (Hippocras), Monatsregeln und ein Vierjahreszeiten-Trank.

Austauschliste (Antemballomena sive De succedaneis)

Fragmentarisch sind für viele Arzneidrogen Alternativen angegeben.

Inhaltsverzeichnis (Conspectus curationum capitulationibus V comprehensorum)

Ein nahezu vollständiges Verzeichnis aller der im Werk enthaltenen Rezepte.

Gräko-lateinisches Glossar (Hermeneumata sive Glossarium pigmentorum vel herbarum)

Eine Liste von Arzneidrogen mit griechischen und lateinischen Synonymen.

Maße und Gewichte

Hier werden die in den Rezepten verwendeten Maß- und Gewichtseinheiten beschrieben.

Rezeptsammlungen (Curationes capitulationibus V comprehensae)

In fünf Bücher untergliedert finden sich insgesamt 482 Rezepte, die in ihrer Komplexität stark variieren. Behandelt werden insbesondere Arzneiformen wie Tränke, Latwerge, Pillen, Pflaster, Umschläge, Zäpfchen, Salben und Öle. Einige Abschnitte befassen sich mit der Gewinnung bzw. Herstellung von Arzneistoffen wie Schwefel und Grünspan, mit der Herkunft von Gewürzen wie Pfeffer und Ingwer oder mit der Herstellung und Lagerung von Arzneimitteln im Allgemeinen.

Unter den Rezepten finden sich einige für die damalige Zeit hochinnovative Verfahren wie der Einsatz von Herzglykosiden zur Kreislaufstabilisierung, der psychiatrische Einsatz von Johanniskraut oder ein Antibiotikum auf der Basis von Schafdung, Honig und Käse zur Behandlung tiefer Wunden und Geschwüre.[10][11][12]

Anthimus-Brief (De observatione ciborum epistula ad Theodericum regem Francorum)

Brief des Arztes Anthimus an König Theuderich I., in dem gesunde Ernährung thematisiert wird.

Wissenschaftliche Bedeutung

Das Lorscher Arzneibuch verbindet erstmals Erkenntnisse der antiken Medizin griechisch-römischer Tradition mit christlichen Glaubensinhalten und bahnte der frühmittelalterlichen Mönchsmedizin den Weg in den europäischen Wissenschaftskanon.

Das gesamte Werk kann als Zeugnis für eine Neubewertung der Medizin im Zuge der karolingischen Bildungsreform um 800 gewertet werden. Das Vorwort bietet eine Rechtfertigung gegen Vorbehalte solcher Christen, die in der Heilkunst einen unstatthaften Eingriff in den göttlichen Heilsplan sahen. Die Verteidigung leitet aus der Bibel und aus theologischen Schriften das Recht und zugleich die Pflicht ab, den Kranken mit den von Gott gegebenen Kenntnissen und Mitteln zu helfen, als ein Akt christlich gebotener Nächstenliebe. Diese Ausführungen bieten das umfangreichste und früheste argumentative Textzeugnis zur Rezeption antiker Überlieferungen im Zuge der karolingischen Bildungsreform: Sie dokumentieren den ersten nachantiken Impuls zu einem Transformationsprozess, der in der Annahme des antiken Erbes unter christlichem Vorzeichen mündete. Speziell für die Medizin wurden so die Weichen gestellt, die bis heute fortwirken in der Verbindung von säkularer Wissenschaft und einer Ethik des Helfens. Auch für diese aus dem Mönchtum stammende Innovation steht die Bamberger Handschrift.

Siehe auch

Literatur

  • Karl Sudhoff: Eine Verteidigung der Heilkunde aus den Zeiten der ‚Mönchsmedizin‘. In: Archiv für Geschichte der Medizin 7 (1913), Heft 4, S. 223–237.
  • Bernhard Bischoff: Die Abtei Lorsch im Spiegel ihrer Handschriften. Lorsch: Verlag Laurissa, 2. erweiterte Auflage, 1989, S. 31–33, 67 und 102.
  • Gundolf Keil (Hrsg.): Das Lorscher Arzneibuch. (Handschrift Msc. Med. 1 der Staatsbibliothek Bamberg); Band 1: Faksimile; Band 2: Übersetzung von Ulrich Stoll und Gundolf Keil unter Mitwirkung von Altabt Albert Ohlmeyer. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 1989, ISBN 3-8047-1078-6
  • Adelheid Platte / Karlheinz Platte (Hrsg.): Das ‚Lorscher Arzneibuch‘. Klostermedizin in der Karolingerzeit. Lorsch: Verlag Laurissa, 1989.
  • Ulrich Stoll / Gundolf Keil / Ria Jansen-Sieben: Brief des erlauchten Anthimus an Theoderich, den König der Franken. Auszug aus dem ‚Lorscher Arzneibuch‘. Übersetzung der Handschrift Msc.Med.1 der Staatsbibliothek Bamberg. Stuttgart: Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, 1989.
  • Gundolf Keil / Paul Schnitzer (Hrsg.): Das ‚Lorscher Arzneibuch‘ und die frühmittelalterliche Medizin. Verhandlungen des Medizinhistorischen Symposiums im September 1989 in Lorsch. Lorsch: Verlag Laurissa, 1991.
  • Ulrich Stoll: Das ‚Lorscher Arzneibuch‘. Ein medizinisches Kompendium des 8. Jahrhunderts (Codex Bambergensis medicinalis 1). Text, Übersetzung und Fachglossar. Stuttgart: Steiner, 1992. Diss. Universität Würzburg, 1989. Google Books Dazu Rezension von Alf Önnerfors in: Gnomon. Kritische Zeitschrift für die gesamte klassische Altertumswissenschaft 66 (1994), S. 688–695.
  • Alf Önnerfors: Sprachliche Bemerkungen zum sogenannten ‚Lorscher Arzneibuch‘. In: Latin vulgaire – latin tardif III. Actes du IIIème Colloque international sur le Latin vulgaire et tardif. Hrsg. Maria Iliescu and Werner Marxgut. Tübingen: Niemeyer, 1992, S. 255–281.
  • Silke Körlings-König: Das ‚Lorscher Arzneibuch‘. Vergleichende Untersuchung eines Arzneibuches aus dem 8. Jahrhundert. Diss. Tierärztliche Hochschule Hannover, 1992.
  • Hermann Schefers: Iste est laudabilis ordo. Ein Beitrag zum Stellenwert der Medizin am Hof Karls des Großen und zum Problem der karolingischen ‚Hofschule‘. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 11 (1993), S. 175–203.
  • Bernhard Bischoff: Katalog der festländischen Handschriften des neunten Jahrhunderts (mit Ausnahme der wisigotischen). Teil 1: Aachen – Lambach. Wiesbaden: Harrassowitz, 1998, S. 50, Nr. 223.
  • Rolf Bergmann / Stefanie Stricker: Katalog der althochdeutschen und altsächsischen Glossenhandschriften. Band 1, Berlin / New York: de Gruyter, 2005, S. 172–174.
  • Rolf Bergmann: Lorscher Glossenhandschriften. In: Rolf Bergmann / Stefanie Stricker (Hrsg.): Die althochdeutsche und altsächsische Glossographie. Ein Handbuch. Band 2, Berlin / New York: de Gruyter, 2009, S. 1301–1305, hier S. 1302.
  • Klaus-Dietrich Fischer: Das ‚Lorscher Arzneibuch‘ im Widerstreit der Meinungen. In: Medizinhistorisches Journal 45 (2010), S. 165–188 (PDF; 511 kB).
  • Werner Taegert: Ausgezeichnete Handschrift aus Kaisers Hand. Das „Lorscher Arzneibuch“ der Staatsbibliothek Bamberg im UNESCO-Register „Memory of the World“. In: Bibliotheksforum Bayern [N.F.] 9 (2015), Nr. 1, S. 39–43 (PDF; 846 kB).

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Deutsche UNESCO-Kommission e.V.: Lorscher Arzneibuch.
  2. UNESCO: Lorsch Pharmacopoeia (The Bamberg State Library, Msc.Med.1).
  3. Bernhard Bischoff: Die Abtei Lorsch im Spiegel ihrer Handschriften. Lorsch: Verlag Laurissa, 2. erweiterte Auflage, 1989, S. 31–33, 67 und 102, hier S. 31–33.
  4. Bernhard Bischoff: Die Abtei Lorsch im Spiegel ihrer Handschriften. Lorsch: Verlag Laurissa, 2. erweiterte Auflage, 1989, S. 31–33, 67 und 102, hier S. 31.
  5. Bernhard Bischoff: Katalog der festländischen Handschriften des neunten Jahrhunderts (mit Ausnahme der wisigotischen). Teil 1: Aachen – Lambach. Wiesbaden: Harrassowitz, 1998, S. 50, Nr. 223.
  6. Nachweise im Überblick bei Klaus-Dietrich Fischer: Das ‚Lorscher Arzneibuch‘ im Widerstreit der Meinungen. In: Medizinhistorisches Journal 45 (2010), S. 165–188, hier S. 171 (PDF; 511 kB).
  7. Klaus-Dietrich Fischer: Das ‚Lorscher Arzneibuch‘ im Widerstreit der Meinungen. In: Medizinhistorisches Journal 45 (2010), S. 165–188, hier S. 170–173 (PDF; 511 kB).
  8. Gundolf Keil: Einleitung. In: Gundolf Keil (Hrsg.): Das Lorscher Arzneibuch. (Handschrift Msc. Med. 1 der Staatsbibliothek Bamberg); Band 2: Übersetzung von Ulrich Stoll und Gundolf Keil unter Mitwirkung von Altabt Albert Ohlmeyer. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 1989, S. 9 f.
  9. Forschergruppe Klostermedizin: Erste Werke der Klostermedizin.
  10. Forschergruppe Klostermedizin: Lorscher Arzneibuch ist Welterbe.
  11. Martin Paetsch: Wundsalbe aus Schafdung. Würzburger Wissenschaftler durchforsten mit Hilfe der Pharmaindustrie mittelalterliche Kräuterbücher. Die Forscher hoffen auf neue Medikamente aus dem Klostergarten. In: Der Spiegel, Ausgabe 38/2000, S. 174, 176 (PDF; 195 kB).
  12. Samiha Shafy: Gottesfürchtige Giftmischer. Würzburger Forscher testen die Heilmittel mittelalterlicher Klöster: Einige Rezepte sind erstaunlich wirksam. In: Der Spiegel, Ausgabe 12/2010, S. 172–173 (PDF; 660 kB).

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