Limbach-Kommission - LinkFang.de





Limbach-Kommission


Die Limbach-Kommission, offiziell die Beratende Kommission im Zusammenhang mit der Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogener Kulturgüter, insbesondere aus jüdischem Besitz, wurde am 14. Juli 2003 eingerichtet und kann von Betroffenen zu Fragen der Restitution von Raubkunst angerufen werden. Die Kommission erhielt ihren umgangssprachlichen Namen nach der gewählten Vorsitzenden Jutta Limbach.

Geschichte

Die Kommission wurde als Reaktion auf die Washingtoner Erklärung[1] auf Initiative des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien Michael Naumann (SPD), der Kultusministerkonferenz der Länder und der kommunalen Spitzenverbänden ins Leben gerufen. Sie trat erstmals am 14. Juli 2003 zu ihrer Gründungssitzung in Berlin zusammen und wählte Jutta Limbach zu ihrer Vorsitzenden. Die Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste betreibt die Geschäftsstelle der Kommission[2] und sorgt für Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung der Sitzungen. Die Koordinierungsstelle fungiert gleichzeitig als Ansprechpartnerin für die Antragsteller in den Verfahren.

Rechtlicher Status der Kommission

Nach Auffassung der Kommission handelt es sich bei ihr nicht um eine Behörde, sondern ein "vollkommen unabhängig" agierendes "reines Beratungsgremium", das Verwaltungsentscheidungen weder selbst treffe noch vorbereite.[3] Nach Auffassung des Verwaltungsgerichts Magdeburg "dürfte" es sich bei der Kommission um ein "Mischgebilde" handeln, das weder seiner Organisation noch seiner Funktion nach dem Bund, den Ländern oder den Kommunen eindeutig zugeordnet werden kann. Jedenfalls sei die Kommission keine "Bundeseinrichtung (...), die öffentlich-rechtliche Verwaltungsaufgaben" wahrnehme. Insbesondere übe die Beratende Kommission keine Beratungsfunktion gegenüber der Verwaltung aus.[4]

Funktionsweise

Die Kommission trifft ihre unter Berücksichtigung der Washingtoner Erklärung von 1998, mit der sich die Bundesrepublik verpflichtet hatte, Fälle von NS-Raubkunst ausfindig zu machen, die rechtmäßigen Eigentümer oder deren Erben zu finden und die notwendigen Schritte zu unternehmen, um zu „fairen und gerechten Lösungen“ zu kommen. Sie übernimmt dabei eine Rolle als Mediatorin zwischen den betroffenen öffentlichen Sammlungen und den ehemaligen Eigentümern der Kulturgüter bzw. deren Erben und kann Empfehlungen für oder gegen eine Rückgabe aussprechen. Nach Auffassung des Verwaltungsgerichts Magdeburg beruht ihre Tätigkeit nicht auf Rechtssätzen des öffentlichen Rechts und bemisst sich auch nicht daran; die Abwägungsentscheidungen seien der Funktion dieses Gremiums entsprechend nicht rechtlich gebunden.[5] Die Beratungen der Kommission sind vertraulich. Nach Auffassung des Bundes und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zeichnet sich Tätigkeit der Kommission durch ihre "moralische Autorität" aus.[1] Voraussetzung für ein Verfahren ist, dass beide Seiten der Anrufung der Limbach-Kommission zustimmen.[6]

Rechtsstreit über Akteneinsicht

Im Jahr 2013 verlangte ein früherer, nicht erfolgreicher Antragsteller nach Abschluss des Verfahrens Einsicht in die sein Verfahren betreffenden Akten der Kommission. Er behauptete, die Geschäftsstelle der Kommission habe dem Antragsgegner, der Stiftung Deutsches Historisches Museum weitreichende Empfehlungen erteilt und ein gemeinsames Vorgehen vorbereitet.[7] In diesem Zusammenhang nahm im September 2013 die Geschäftsstelle der Kommission im Namen ihrer Vorsitzenden Stellung zur Arbeitsweise und zu den Maßstäben Stellung, an denen sich die Kommission orientiert und begründete damit, dass die Beratungen der Kommission vertraulich bleiben müssten. Das Verwaltungsgericht Magdeburg fasste diese Stellungnahme so zusammen:

„Bei der Beratenden Kommission handele es sich um ein reines Beratungsgremium von ehrenamtlich tätigen hochrangigen Personen aus der Wissenschaft und dem öffentlichen Leben, die unverbindliche Empfehlungen gegenüber Einrichtungen und Personen aussprächen. Diese Empfehlungen basierten auf ethischen Abwägungsentscheidungen, denen ein moralisches Raisonnement zu Grunde liege. In diesem Zusammenhang erstatteten die Berichterstatter der Kommission nur mündliche Berichte aus den von den Verfahrensbeteiligten eingereichten Akten, die jeweils auch der Gegenseite zugestellt würden. Die dabei hin und wieder schriftlich vorliegenden Berichte beschränkten sich zumeist auf eine summarische Wiedergabe des Akteninhalts und gäben keine Auskunft über die - spätere - moralische Reflektion (sic!) der Kommission hinsichtlich deren Empfehlung. Selbst in den Protokollen der Kommissionssitzungen fänden sich keine Auskünfte hierzu. Die Kommission habe sich bereits anlässlich ihrer Gründung im Jahr 2003 darauf verständigt, zu ihren Sitzungen ausschließlich Verlaufsprotokolle durch die Geschäftsstelle fertigen zu lassen. Überdies bestehe auch das hohe persönliche Interesse aller Kommissionsmitglieder, dass deren Unabhängigkeit in den Beratungen nicht dadurch beeinträchtigt werde, dass Unterlagen der Beratenden Kommission - gleich welcher Art - öffentlich zugänglich gemacht werden. Die Arbeit der Beratenden Kommission sei nur möglich, wenn deren Tätigkeit vertraulich bleibe.“[8]

Reformvorschläge Parzinger

Auf einer Tagung des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste (DZK) am 28. November 2015 forderte der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz Hermann Parzinger weitreichende Reformen. So regte er an, dass die Kommission künftig auch tätig werden solle, wenn nur eine Seite das wünsche. Er meinte, die Geschäftsstelle der Kommission müsse vom DZK unabhängig sein. Außerdem solle sie sich eine Prozessordnung geben. In seiner Rede betonte Parzinger, dass Transparenz einen hohen Stellenwert für die Tätigkeit aller mit Provenienzfragen befassten Institututionen haben müsse und dass für staatliche Kulturinstitutionen die Beweislastregeln der Handreichung von 2001[9] gälten, die von einem Beginn der NS-Verfolgung 1933 ausgingen. Mit Recht liege die Beweislast nicht beim Antragssteller, sondern bei der jeweiligen Kultureinrichtung, die vor allem nachzuweisen habe, dass der Kaufpreis eines Werkes angemessen war und der Käufer darüber frei verfügen konnte. Schließlich sprach sich Parzinger dafür aus, dass demnächst ein Vertreter einer jüdischen Organisation in die Kommission berufen werde.[10] Im März 2016 sagte die Kulturstaatsministerin des Bundes Monika Grütters dazu, sie werde der Kommission empfehlen, jemanden mit jüdischem Hintergrund in "in die Arbeit einzubeziehen". Man könne auch „nach 13 Jahren guter Arbeit über einzelne Aspekte der Arbeitsordnung nachdenken“.[11]

Streit um Notwendigkeit der Vollständigkeit der Kommission bei Anhörung Flechtheim

Bei der Anhörung der Erben des früheren Kunsthändlers Alfred Flechtheim am 12. Februar 2016 war die Kommission nicht vollständig anwesend.[12] Die Erben sahen u.a. darin einen Verfahrensmangel und baten einige Tage nach der Anhörung darum, dass zunächst keine Empfehlung abgegeben werde.[13] Diesen Standpunkt wies die Kommission zurück. Die Erben hätten sich nach der Verhandlung schriftlich „für die ausgezeichnete Verhandlungsleitung der gut vorbereiteten Sitzung“ bedankt. In der Sitzung hätten sie keine Einwendung dagegen erhoben, dass sie ohne die krankheitsbedingt abwesende Vorsitzende angehört werden würden. Sie hätten auch keine Einwendungen dagegen erhoben, als ihnen angekündigt worden sei, ein Mitglied werde während der Verhandlungen wegen anderweitiger Verpflichtungen gehen. Die Kommission ergänzte, sie sei auch hinsichtlich ihres Verfahrens unabhängig. Das Verfahren sei mit der Beratung und Beschlussfassung "ordnungsgemäß abgeschlossen" worden.[14]

Mitglieder

Der Kommission gehören bis zu acht geeignete Persönlichkeiten an. Sie sind ehrenamtlich tätig und werden von der Beauftragten der Bundesregierung für Angelegenheiten der Kultur und der Medien im Einvernehmen mit der Kultusministerkonferenz und den kommunalen Spitzenverbänden ernannt. Laut Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 5. Dezember 2002[15] waren dies zunächst: Thomas Gaehtgens, Jutta Limbach, Günther Patzig, Dietmar von der Pfordten, Reinhard Rürup, Rita Süssmuth, Richard von Weizsäcker und Ursula Wolf. Derzeit sind Mitglieder:[16]

Ehemalige Mitglieder

Bisherige Empfehlungen

Bisher verabschiedete die Kommission folgende Empfehlungen:[17]

  • Julius Freund, 2005, Stattgabe
  • Hans Sachs, 2007, Ablehnung
  • Baumann, 2008, Vergleich
  • Lewin, 2009, Stattgabe
  • Robert Graetz, 2011, Stattgabe
  • Westheim, 2013, Vergleich
  • Alfred Flechtheim, 2013, Stattgabe
  • Hackenbroch u.a. Welfenschatz, 2014, Ablehnung
  • Clara Levy, 2014, Ablehnung
  • Behrens, 2015, Ablehnung
  • Erben nach Ludwig Traube, 2015, Vergleich
  • Erben nach Alfred Flechtheim, 2016, Ablehnung

Verwandte Einträge

Liste von Restitutionsfällen

Weblinks

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 Schriftsatz des Bundes und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz im Welfenschatz-Verfahren vor dem US Court für den District of Columbia vom 29. Oktober 2015, Civ. Action No.: 1:15-cv-00266-CKK, Seite 41
  2. Internetpräsenz der Stiftung , abgerufen am 17. März 2016
  3. Urteil Verwaltungsgericht Magdeburg vom 31. März 2015 - 6 A 81/15, Rn. 14, Berufung zugelassen
  4. Urteil Verwaltungsgericht Magdeburg vom 31. März 2015 - 6 A 81/15, Rn. 24, 25
  5. Urteil Verwaltungsgericht Magdeburg vom 31. März 2015 - 6 A 81/15, Rn. 26
  6. Kultusministerkonferenz: Absprache zwischen Bund und Ländern und kommunalen Spitzenverbänden zur Einsetzung einer Beratenden Kommission im Zusammenhang mit der Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgutes, insbesondere aus jüdischem Besitz (Beschluss der KMK vom 05.12.2002), abgerufen am 17. März 2016
  7. Urteil Verwaltungsgericht Magdeburg vom 31. März 2015 - 6 A 81/15, Rn. 9
  8. Urteil Verwaltungsgericht Magdeburg vom 31. März 2015 - 6 A 81/15, Rn. 6 , s.a. "Jutta Limbach als 'Gelehrte im Theater'. Ihr Job ist „moralisches Räsonieren“, Westfälische Nachrichten, 17. März 2016
  9. Handreichung zur Umsetzung der „Erklärung der Bundesregierung, der Länder und der kommunalen Spitzenverbände zur Auffindung und zur Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgutes, insbesondere aus jüdischem Besitz“ vom Dezember 1999. Fassung vom November 2007
  10. German Advisory Commission - Changes proposed by Hermann Parzinger, President of the SPK , Deutschlandradio Kultur, Sendung FAZIT vom 29. November 2015 "Tagung zu Kulturgutverlusten" , Hermann Parzinger: Kulturgüter und ihre Provenienz – Forschung, Aufklärung, Lösungen. Erfahrungen aus der Sicht der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Rede Rede auf der Konferenz des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste „Neue Perspektiven der Provenienzforschung in Deutschland“ (Es gilt das gesprochene Wort), S.4, 19, zuletzt eingesehen am 15. Dezember 2015.
  11. „Grütters lenkt im Streit um NS-Raubkunst-Gremium ein“, Süddeutsche Zeitung vom 11. März 2016 ; Stefan Koldehoff: "Moralisch, nicht legalistisch." Die Zeit, 17. März 2016, S. 57.
  12. Pressemeldung Kunstsammlung NRW o. D.
  13. "Eklat bei Raubkunst-Streit Flechtheim-Erben beenden Verfahren", Berliner Zeitung vom 26. Februar 2016
  14. Pressemitteilung der Beratende Kommission im Zusammenhang mit der Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogener Kulturgüter, insbesondere aus jüdischem Besitz vom 25. Februar 2016 , [1] , Empfehlung der Beratenden Kommission Alfred Flechtheim Erben ./. Stiftung Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf
  15. Absprache zwischen Bund, Ländern und kommunalen Spitzenverbänden zur Einsetzung einer Beratenden Kommission im Zusammenhang mit der Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturguts, insbesondere aus jüdischem Besitz (Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 05.12.2002) , abgerufen am 30. Juli 2015
  16. Internetpräsenz der Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste, abgerufen am 17. März 2016
  17. Internetpräsenz der Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste, abgerufen am 17. März 2016

Kategorien: Kunstraub | Restitution von NS-Raubgut

Quelle: Wikipedia - http://de.wikipedia.org/wiki/Limbach-Kommission (Vollständige Liste der Autoren des Textes [Versionsgeschichte])    Lizenz: CC-by-sa-3.0

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