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Liman-von-Sanders-Krise


Die Liman-von-Sanders-Krise (auch „Liman-von-Sanders-Affäre“ oder „Liman-Affäre“) war der letzte große diplomatische Konflikt im Vorfeld des Ersten Weltkrieges. 1913 bat das Osmanische Reich um die Entsendung einer deutschen Militärmission nach Konstantinopel. Mit der Leitung dieser Mission betraute man Generalleutnant Otto Liman von Sanders.[1]

Russland und der russische Außenminister Sasonow sahen darin den Versuch einer Einflussnahme auf oder gar Kontrolle der Meerengen (Bosporus, das Marmarameer und die Dardanellen). Diese erlauben den Zugang vom Schwarzen Meer zur Ägäis und berührten damit unmittelbar strategische Interessen des russischen Reiches, da dieses in seinem europäischen Teil unter einem Mangel an eisfreien Häfen mit Zugang zu den Weltmeeren litt. Das Vereinigte Königreich und Frankreich sahen in der Entsendung Liman von Sanders samt dessen Stab ebenfalls eine ernste, doch keine bedrohliche Angelegenheit, da sie selbst über Militärberater im Osmanischen Reich verfügten: England unterhielt eine Marinemission, verbunden mit dem Oberbefehl über die türkische Flotte unter Admiral Arthur Limpus, und Frankreich stellte mit General Albert Baumann (1869–1945) den Kommandanten der Gendarmerie.[2][3][4]

Vorgeschichte

Die Niederlage der osmanischen Armee im Balkankrieg 1912/1913 hatte bei den Großmächten den Eindruck verstärkt, der Zusammenbruch des Osmanischen Reiches stehe bevor. Dadurch drohte an den strategisch wichtigen Meerengen ein Machtvakuum und die Großmächte Großbritannien, Russland und Frankreich wie Deutsches Reich waren bestrebt, ihren Einfluss auf die Türkei, Dardanellen und Bosporus auszubauen. Auch eine Aufteilung des Osmanischen Reiches stand im Raum.

Aufgrund der militärischen Schwäche des Osmanischen Reiches in Folge der Niederlagen in den zurückliegenden Jahren, die die jungtürkisch geprägte Regierung in Istanbul durch nachhaltige Reformen und Reorganisationen z.B. des Militärs zu verbessern wünschte, wandte sich die Regierung in Istanbul am 22. Mai 1913 mit dem Wunsch einer Militärmission mit weitgehenden Befugnissen offiziell an die Regierung des Deutschen Reiches, da bereits seit vielen Jahren immer wieder Militärmissionen von dort ins Osmanische Reich entsandt worden waren. Ebenso hat sich das Deutsche Reich bei den anschließenden Friedensverhandlungen zwischen den Balkanstaaten und dem Osmanischen Reich für Letzteres eingesetzt. Zuvor hatte sich bereits am 3. Januar des gleichen Jahres der neue Istanbuler Außenminister Gabriel Noradunghian an den Botschafter des Deutschen Reiches in Istanbul, Hans von Wangenheim, mit der Bitte gewandt, dieser möge ihm, dem türkischen Außenminister, rasch Kenntnis von Kompetenzen des in griechischen Diensten stehenden französischen General Eydoux verschaffen. Zwei Tage später erläuterte von Wangenheim diese Bitte gegenüber seiner Dienstbehörde, dem Berliner Außenministerium, mit dem Hinweis, die Hohe Pforte (türkisches Außenministerium) erwäge, einen deutschen General als Oberkommandierenden in Friedenszeiten zu erbitten.[5] Und im Februar 1913 führte der türkische Großwesir Mahmud Sehvket dazu aus, er beabsichtige, eine große, deutsche Militärmission für grundlegende Reformen - im Stil der Tätigkeit des General Eydoux in Griechenland - kommen zu lassen.[6]

Das Deutsche Reich wollte durch die Entsendung dieser Militärmission die Beratertätigkeit gerade auch nach der Niederlage des Osmanischen Reiches im Balkan-Krieg 1912 verstärkt fortsetzen. Gründe waren deutscherseits u.a. das angekratzte Image der deutschen Beratertätigkeit durch die Niederlagen der osmanischen Armee in den vorhergehenden Kriegen sowie die Möglichkeit, dem Deutschen Reich damit Einfluss zu sichern, den englischen damit vielleicht zu begrenzen und der deutschen Rüstungsindustrie Aufträge verschaffen.[7]

Verlauf

Unmittelbar nachdem Liman von Sanders mit den ersten Offizieren der Militärmission am 14. Dezember 1913 in der damaligen türkischen Hauptstadt Konstantinopel eingetroffen war, übernahm er gemäß der per Kontrakt getroffenen Vereinbarung mit dem Osmanischen Reich von Dschemal Pascha das Kommando über das türkische I. Armeekorps, dessen Hauptquartier sich am Ort befand.[8] Damit war er nicht nur beratend und in der Reorganisation tätig, sondern auch Truppenführer – und dies in der Metropole an der strategisch bedeutenden Meerenge selbst.[3] Liman von Sanders war zuvor für dieses Kommando eingetreten, um mit dem I. Korps eine Art Musterkorps als Ausbildungsstätte für türkische Offiziere in der Hauptstadt zu schaffen.[8][9] Der russische Botschafter de Giers stellte dazu am 13. Dezember 1913 gleichfalls mit dem britischen und französischen Botschafter beim Großwesir eine Anfrage zu Art und Umfang der Mission von Liman von Sanders, die der Großwesir nicht offiziell, sondern zwei Tage später nur "offiziös" beantworten wollte.[10][11] Besonders die russische Regierung glaubte z.B. in der Ernennung eines Deutschen als Korpskommandanten in Istanbul habe sich [Deutschland] [...] de facto zum Herrn der Situation in Konstantinopel gemacht, habe Rußland in dieser Beziehung vor eine vollendete Tatsache gestellt [...].[12]

Zwei konkrete Umstände, neben den Fragen des Prestiges und der Gesichtswahrung, erschwerten anscheinend eine Lösung: So soll die sich die jungtürkisch geprägte Regierung zunächst gegen jede Änderung des Liman-Auftrag entschieden haben in Abwehr der Auskunfts- und Mitwirkungs-Wünsche von Seiten der Triple Entente-Staaten Russland, Frankreich und Großbritannien. Weiterhin sollen das deutsche Auswärtige Amt und die deutsche Botschaft anfangs vergeblich versucht haben, Liman von Sanders davon zu überzeugen, dass Kommando über das I. Armeekorps zugunsten einer mit einer Rangerhöhung einhergehenden erweiterten Aufgabe, z. B. als Generalinspekteur der türkischen Armee, abzugeben.[13]

Doch Anfang Januar 1914 erfolgte die abrupte Ablösung des verdienten osmanischen Kriegsministers Ahmed İzzet Pascha durch den hiermit zum Generalmajor beförderten 31-jährigen Jungtürken Enver Pascha. Dieser enthob umgehend auf rücksichtslose Weise und oftmals politisch motiviert weit über 200 Offiziere ihrer Funktionen und ließ sie teilweise verhaften. Gleichzeitig ernannte Enver Pascha ohne Erlaubnis von Liman von Sanders einen deutschen Offizier zum Mitglied im türkischen Generalstab, entgegen dem Kontrakt der Militärmission von Liman von Sanders, so dass dieser am 8. Januar die Bereitschaft erklärte, das Kommando für das I. Armeekorps abzugeben. Damit verbunden erwartete er eine Rangerhöhung und eine neue Aufgabe, was schon Ende 1913 zur Lösung des Problems von Seiten der deutschen Politik formuliert worden war. Entsprechend beförderte der deutsche Kaiser am 14. Januar 1914 Liman von Sanders vorzeitig zum deutschen General und damit kontraktgemäß zum osmanischen Marschall, wodurch dieser das Kommando über das I. Armeekorps in türkische Hand übergeben konnte, stattdessen aber zum Generalinspekteur der osmanischen Armee ernannt wurde.[14]

Die Krise, aus der sich eine unmittelbare Kriegsgefahr ergab, konnte zwar durch dieses Nachgeben seitens des Deutschen Reiches beigelegt werden, die Beziehungen zwischen Russland und Deutschem Reich waren aber nachhaltig gestört.[3] Zwar hatten die Deutschen auf das von Russland beanstandete Kommando verzichtet, doch war ihr Rückzug ohne bedeutenden Prestige- oder Machtverlust innerhalb des Osmanischen Reiches gelungen, so dass Russland und die Entente dem eigentlichen Ziel einer Entkräftung der deutschen Militärmission und des deutschen Einflusses in der Meerenge kaum näher gekommen waren.[3] Für das Ansehen der Militärmission war allerdings ungünstig gewesen, dass zeitnah jene Türkei-interne Militärkrise statt gefunden hatte, in der im Januar 1914 die abrupte Ablösung des verdienten osmanischen Kriegsministers Ahmed İzzet Pascha durch den hiermit zum Generalmajor beförderten 31-jährigen Jungtürken Enver Pascha erfolgt war und Enver sogleich viele Offiziere entlassen hatte.

Wirkung und Bewertung

Zuweilen wurde die Frage aufgeworfen, inwieweit die Tätigkeit der deutschen Militärmission den Ausbruch des Ersten Weltkrieges begünstigt hat. Die Aussicht einer effektiven Reorganisation des osmanischen Militärs kann zu einer erhöhten Kriegsbereitschaft Russlands geführt haben, für das die Meerengen strategische Bedeutung hatten und welches im April, Mai und Juni 1914 umfangreiche Probemobilisierungen vornahm.[15]

  • Für Russland war die Kontrolle über die Meerengen erklärtes Ziel. Seine Politik war daher auf Destabilisierung des Osmanischen Reiches und gegen eine Stärkung desselben durch eine Reorganisation des Heeres angelegt.[16]
  • Großbritannien hatte sich zum Zeitpunkt der Liman-Krise selber umfangreicher in der Türkei engagiert. So kommandierte seit 1912 der britische Admiral Limpus die türkische Flotte und reorganisierte die türkische Marine. Anfang Dezember 1913 war weiterhin ein Vertrag zwischen einem britischen Werftenverbund und der Türkei geschlossen worden, der den Neubau und die Erhaltung von Docks, Arsenalen und Werften für die türkische Marine vorsah. Zugleich konnte die türkische Regierung dank französischer Finanzierung zwei moderne, große Kriegsschiffe in Großbritannien bestellen und bauen lassen.[17][18][19] Entsprechend folgte die britische Regierung den Forderungen von Außenministers Sasonow des Triple Entente-Partner Russland insgesamt eher zögerlich bis bremsend.
  • Frankreich hatte sich hauptsächlich wirtschaftlich im Osmanischen Reich engagiert und war Hauptgläubiger des bankrotten Staates. Es war insoweit an einer Stabilisierung desselben interessiert, wie dies für Frankreichs wirtschaftliche Betätigung und für die Rückzahlung der Schulden nötig war, konnte aber kein Interesse daran haben, dass sein Einfluss weiter zugunsten des deutschen sank. Es war zudem offizielle Schutzmacht der Katholiken im Osmanischen Reich und besonders in Syrien engagiert.[16]
  • Deutschland war aus verschiedenen Gründen an einer Stärkung des Osmanischen Reiches interessiert. Zum einen suchte das politisch weitgehend isolierte Reich für den drohenden Krieg einen militärischen Partner zur Entlastung der Fronten. Zum anderen war ein stabiles Osmanisches Reich Voraussetzung für die wirtschaftliche Ausschöpfung der ehrgeizigen Projekte im Orient. Auch versprach der Bau der Bagdadbahn trotz vieler Hindernisse eine gewisse zukünftige Beteiligung an den reichen Ölvorkommen im Osten des Reiches.[16]

Die deutsche Militärmission setzte sich nicht aktiv für das Zustandekommen eines deutsch-osmanischen Waffenbündnisses ein und war tatsächlich trotz ihrer politisch motivierten Berufung nicht politisch tätig.[20][21] Zwar war die Mission deutscherseits eine wichtige Bedingung für eine deutsch-osmanische Waffenallianz[20], doch blieb die Verbindlichkeit des Bündnisses nahezu bis in die letzten Wochen vor Kriegseintritt des Osmanischen Reiches gering. Selbst der geheime osmanisch-deutsche Vertrag vom 2. August 1914 hatte die Osmanen noch nicht zwingend auf eine Koalition mit den Mittelmächten festgelegt.[22]

In Anbetracht der generellen Interessenlage der Mächte und speziell der europäischen Bündniskonstellation vor Beginn des Weltkrieges kann somit geschlossen werden, dass nicht die Tätigkeit der Militärmission selbst oder gar die Übernahme des I. Armeekorps durch Liman von Sanders, sondern allgemein der wachsende – vor allem wirtschaftliche – deutsche Einfluss im Orient und in Europa zum Ausbruch des Krieges beigetragen haben.[23] Die jungtürkische Führung – wenn auch vom Deutschen Reich zur Eile gedrängt[24][25] – schloss sich den Mittelmächten aus eigenem Interesse an und verfolgte damit selbständige Ziele.[23] Eine Kontrolle der Deutschen über die Meerengen hat nie bestanden[26][27] und war zumindest seitens der Militärmission auch nicht angestrebt worden.[27]

Einzelnachweise

  1. Otto Liman von Sanders: Fünf Jahre Türkei. Scherl, Berlin 1920, S. 10 f.
  2. Liman von Sanders, S. 23-25.
  3. 3,0 3,1 3,2 3,3 Nikolaus Brauns: Die deutsch-türkischen Beziehungen vor dem Ersten Weltkrieg 1914, Magisterarbeit am Institut für Neuere Geschichte der Universität München, Wintersemester 1996/1997, unpaginierte Fassung, Kap. 5.4.3.
  4. Alan Palmer: Verfall und Untergang des Osmanischen Reiches. Heyne, München 1994 (engl. Original: London 1992), S. 320.
  5. Die Grosse Politik der Europäischen Kabinette 1871-1914. 38. Band. Neue Gefahrenzonen im Orient 1913—1914. Berlin 1926, S. 193 - 195 (u.a. Botschafter von Wangenheim in Istanbul am 21. Januar 1913)
  6. Heinz A. Richter: Der Krieg im Südosten. Band 1: Gallipoli 1915. Verlag Franz Philipp Rutzen, Ruhpolding und Harrasowitz Verlag, Wiesbaden 2013, S. 37. (PELEUS. Studien zur Archäologie und Geschichte Griechenlands und Zyperns. Band 65)
  7. Jehuda L. Wallach: Anatomie einer Militärhilfe. Die preußisch-deutschen Militärmissionen in der Türkei 1835-1919. Droste Verlag, Düsseldorf 1976, S. 121 - 125.
  8. 8,0 8,1 Liman von Sanders, S. 14.
  9. Joseph Pomiankowski: Der Zusammenbruch des Ottomanischen Reiches – Erinnerungen an die Türkei aus der Zeit des Weltkrieges, Amalthea, Wien 1928, S. 36 f.
  10. British Documents on the Origins of the War 1898-1914. Vol. X, PART I, THE NEAR AND MIDDLE EAST ON THE EVE OF WAR. London 1936, S. 379, Nr. 426
  11. Die Grosse Politik der Europäischen Kabinette 1871-1914. 38. Band. S. 250 - 251
  12. So der russische Ministerpräsident Kokowzow gegenüber dem deutschen Botschafter in Petersburg am 12. Dezember 1913. Die Grosse Politik der Europäischen Kabinette 1871-1914. 38. Band. S. 248.
  13. Jehuda L. Wallach, Anatomie einer Militärhilfe. S. 142 - 143.
  14. Die Grosse Politik.... 38. Band, S. 290 - 291.
  15. Pomiankowski, S. 37 f.
  16. 16,0 16,1 16,2 Brauns, Kap. 2.1.
  17. Jost Düffler, Martin Kröger, Rolf-Harald Wippich (Hrsg.): Vermiedene Kriege. Deeskalation von Konflikten der Großmächte zwischen Krimkrieg und Erstem Weltkrieg (1856 - 1914). Oldenbourg Verlag, München 1997. S. 663 - 664
  18. British Documents on the Origins of the War 1898-1914. Vol. X, PART I, S. 361 - 362, Nr. 407.
  19. Heinz A. Richter, Der Krieg im Südosten. Band 1: Gallipoli 1915, S. 33.
  20. 20,0 20,1 Brauns, Kap. 5.6.2.
  21. Liman von Sanders, S. 11.
  22. Palmer, S. 322.
  23. 23,0 23,1 Brauns, Kap. 8.
  24. Pomiankowski, S. 85.
  25. Liman von Sanders, S. 34 f.
  26. Shaw, Stanford J. & Ezel Kural Shaw, Reform, Revolution, and Republic: The Rise of Modern Turkey, 1808-1975, in: Shaw, Stanford Jay, History of the Ottomoman Empire and Modern Turkey, 2, S. I-XXV + 1-518, Cambridge University Press, Cambridge et al. 1977, ISBN 0-521-21449-1 + ISBN 0-521-29166-6, S. 308.
  27. 27,0 27,1 Brauns, Kap. 5.6.1.

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