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Liebenberger Kreis


Liebenberger Kreis oder Liebenberger Tafelrunde bezeichnet den engeren Freundeskreis Kaiser Wilhelms II. zwischen 1886 und 1907. Der Name leitet sich von Schloss Liebenberg ab, dem Landbesitz Philipp zu Eulenburg-Hertefelds im Norden der Provinz Brandenburg.

Die Tafelrunde

Noch als Prinz von Preußen fand Kaiser Wilhelm II., der zu seinen Eltern in Opposition stand und eine unglückliche Kindheit und Jugend erlebt hatte, Anschluss bei dem zwölf Jahre älteren Diplomaten Philipp Graf zu Eulenburg (1847–1921), der ihm neben intellektueller Zerstreuung und männerbündlerischem Amüsement die seelische Wärme bot, die er am preußischen Königshof nicht gefunden hatte. Seit 1886 hielt er sich, Jahr für Jahr, regelmäßig auf Schloss Liebenberg auf, offiziell zur Jagd, tatsächlich aber vor allem wegen des emotionalen Umfeldes, das der – 1900 von ihm in den Fürstenstand erhobene – Graf ihm hier bot und das ihm, vor allem seit seiner Thronbesteigung im Jahr 1888, Entspannung und Ablenkung verschaffte.

Die reine Männerrunde war von einem homoerotischen Grundgefühl bestimmt, die homosexuelle Neigung einiger ihrer Mitglieder, jedenfalls die Eulenburgs, gilt heute als erwiesen. Der Liebenberger Kreis war auch eine Stätte politischer Einflussnahme, die indessen informell blieb: zum einen, weil seine Angehörigen in der Regel keine wirklich einflussreichen Positionen im Staatsdienst bekleideten; zum anderen, weil Eulenburg selbst, der den Ton angab, eher als unpolitischer Charakter galt. Gleichwohl sieht ein Teil der Geschichtswissenschaft, besonders seit den Forschungen John Röhls, in Letzterem den maßgeblichen Initiator des Persönlichen Regiments des jungen Kaisers (1890–1900) und ordnet entsprechend die Liebenberger Geselligkeit in diesen Zusammenhang ein.

In Liebenberg ging es mal kultiviert – Fürst Eulenburg war ein passabler Sänger, spielte Klavier und komponierte selber –, mal ziemlich vulgär zu. Georg von Hülsen soll dem Grafen Görtz im Herbst 1892 folgende „Einlage“ zur Belustigung des Kaisers vorgeschlagen haben:

„Sie müssen von mir als dressierter Pudel vorgeführt werden! – Das ist ein ,Schlager’ wie kein anderer. Bedenken Sie: hinten ,geschoren’ (Tricot), vorn langer Behang aus schwarzer oder weißer Wolle, hinten unter dem echten Pudelschwanz eine markierte Darmöffnung und, sobald Sie ,schön machen’, ,vorne’ ein Feigenblatt. Denken Sie wie herrlich, wenn Sie bellen, zur Musik heulen, eine Pistole abschießen oder andere Mätzchen machen. Das ist einfach ,großartig!’ […] Ich sehe bereits S[eine] M[ajestät] lachen wie wir.[1]

Nach dem Eulenburg-Prozess von 1907, der mit der gesellschaftlichen Ächtung Eulenburgs endete und diesen die Freundschaft mit dem Kaiser kostete, zerfiel der Liebenberger Kreis. An Eulenburgs Stelle als engster Freund Kaiser Wilhelms trat Max Egon Fürst zu Fürstenberg.

Angehörige

Zum engeren Liebenberger Kreis gehörten:

Auch Bernhard von Bülow stand als Protegé Eulenburgs, der seine Berufung zum Reichskanzler beim Kaiser in den 1890er Jahren forciert hatte, mit dem Liebenberger Kreis in Verbindung.

Politische Bedeutung

Durch die Harden-Eulenburg-Affäre von 1907/08, in der der Vorwurf der Homosexualität gegen den – aus dem diplomatischen Dienst mittlerweile ausgeschiedenen – Fürsten Eulenburg zum Politikum wurde, kam der Liebenberger Kreis in öffentlichen Misskredit. Der Publizist Maximilian Harden war seit 1906 zu der Überzeugung gelangt, dass die diplomatische Strategie der Reichsleitung in der Ersten Marokko-Krise von 1905 vor allem deshalb gescheitert war, weil der Liebenberger Kreis den Kaiser dazu bewogen habe, einen Krieg mit Frankreich nicht zu riskieren. Für Harden war dies der Anlass, eine Kampagne gegen diesen Kreis zu starten, in der er seinen Mitgliedern, offiziell vor allem Eulenburg und Moltke, ihre Homosexualität – damals de jure eine Straftat (§ 175 RStGB), de facto eine soziale „Schande“ - öffentlich vorwarf, was unter anderem zum Verleumdungsprozess Harden/Moltke sowie zu einer Meineidsklage gegen Eulenburg führte, dessen Behauptung, niemals homosexuelle Handlungen vollzogen zu haben, durch die Gegenaussage eines früheren Liebhabers zweifelhaft geworden war.

Trotz des glimpflichen Ausgangs der Strafverfahren – das gegen Eulenburg wurde krankheitsbedingt ad ultimum vertagt, jenes gegen Moltke gegen eine Vergleichszahlung an Harden eingestellt, während die Vorwürfe selber offiziell unbestätigt blieben – sah sich der Kaiser, unter der Hand längst selber in den Verdacht homosexueller „Übertretungen“ geraten, gezwungen, seine Freunde fallen zu lassen. Politisch war er fortan in den tonangebenden Kreisen - bei Konservativen, vor allem aber auch bei Liberalen - als „Weichling“ und „Schwächling“ verschrien („Wilhelm der Friedfertige“), der – vom „männlichen“ Kurs Bismarcks abgekommen – sich vor dem vermeintlich notwendigen Risiko eines Krieges scheute und damit Deutschlands Macht und Ansehen international aufs Spiel setzte. Gesellschaftlich führte die Affäre um den Liebenberger Kreis die öffentliche Diskussion über Homosexualität, die damals in der patriarchal bestimmten preußischen Gesellschaft gerade in den führenden Kreisen, etwa im Offizierkorps, weit verbreitet war, dabei aber absolut tabuisiert und verschwiegen wurde[2], zu einem Höhepunkt.

Literatur

Quellen

Sekundärliteratur

  • Sebastian Haffner: Philipp zu Eulenburg. In: Sebastian Haffner, Wolfgang Venohr: Preußische Profile. Neuausgabe, 2. Auflage. Econ Ullstein List, München 2001, ISBN 3-548-26586-3, S. 195–215 (Propyläen-Taschenbuch 26586).
  • Isabel V. Hull: The entourage of Kaiser Wilhelm II. 1888–1918. Cambridge University Press, Cambridge u. a. 1982, ISBN 0-521-23665-7 (Zugleich: Yale, Univ., Diss., 1978).
  • John C. G. Röhl: Graf Philipp zu Eulenburg – des Kaisers bester Freund. In: John C. G. Röhl: Kaiser, Hof und Staat. Wilhelm II. und die deutsche Politik. 3. unveränderte Auflage. Beck, München 1988, ISBN 3-406-32358-8, S. 35–77.
  • John C. G. Röhl: Wilhelm II. Der Aufbau der persönlichen Monarchie 1888–1900. Beck, München 2001, ISBN 3-406-48229-5.
  • Nicolaus Sombart: Wilhelm II. Sündenbock und Herr der Mitte. Verlag Volk & Welt, Berlin 1996, ISBN 3-353-01066-1, darin v. a. S. 159–204: Die Eulenburg-Affaire.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Vgl. Hülsen an Görtz, 17. Oktober 1892, in: Eulenburg, Korrespondenz, Bd. 2, S. 953. Siehe auch Röhl 1988, S. 24.
  2. Vgl. Sombart, a. a. O., Haffner, a. a. O.

Kategorien: Homosexualität in der Politik | Geschichte der Homosexualität (Deutschland) | Organisation (Deutsches Kaiserreich)

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