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Lernpsychologie


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Die Lernpsychologie beschäftigt sich mit den psychologischen Vorgängen des Lernens und ähnlichen kognitiven Prozessen; also wie Menschen oder Tiere Informationen erwerben, verarbeiten und speichern. Produkte dieser Wissenschaft sind Lerntheorien.

Nachbardisziplinen sind auf der Grundlagenseite die Verhaltensforschung, die Neurobiologie und Hirnforschung, sowie auf der Anwendungsseite die Pädagogische Psychologie und Didaktik.

Während die philosophische Theorie Lernen lange rein spekulativ erklärte, z. B. Platon als Wiedererinnerung an Wissen vor der Geburt, trat etwa mit Beginn des 20. Jahrhunderts eine experimentell-naturwissenschaftlich orientierte Lerntheorie auf.

Geschichtliche Übersicht

Anfänge (um 1900)

Am Anfang stand der Versuch, seelische Vorgänge durch experimentelle Selbstbeobachtung oder Introspektion zu erforschen. Dies leisteten in Deutschland zuerst Wilhelm Wundt (1879) und Hermann Ebbinghaus, dessen Buch über die Experimente mit seinen eigenen Gedächtnisleistungen (mit sinnfreiem Lernmaterial) 1885 erschien. Sie bildeten die Grundlage für die Experimentelle Gedächtnispsychologie, die einige Regeln und Gesetze formulierte:

Wegen der Unsicherheit der Selbstbeobachtungsmethode begannen andere Psychologen, Experimente zum Lernen an Tieren durchzuführen. In den USA entstand aus der Kritik an der Selbstbeobachtung der Behaviorismus. Aus einer Verbindung von Assoziationspsychologie, Reflexologie und Behaviorismus im Konnektionismus entwickelte Edward Lee Thorndike 1898 eine Lerntheorie, die das Reiz-Reaktions-Schema um den Aspekt „Verstärkung“ erweiterte: Aus zufallsverteiltem Verhalten wird dasjenige gelernt, das kontingent (unmittelbar und spezifisch) und ausreichend häufig verstärkt wird. Thorndikes Regeln für „Instrumentelles Konditionieren“ und für erfolgreiches Lernen sind:

  • Gesetz der Bereitschaft (law of readiness)
  • Gesetz der Wirkung (law of effect)
  • Gesetz der Übung (law of exercise)

Theorien im frühen 20. Jahrhundert

Aus seiner Forschung über die Verdauungssekrete von Hunden entstand die klassische Reflexologie des russischen Physiologen Iwan Pawlow, der ab 1905 die Regeln für die

In Fortsetzung von Thorndikes Arbeit schuf Skinner die Regeln für "Operantes Konditionieren". Einige konkrete pädagogische Anwendungen bestehen bis in die Gegenwart:

Eine Gegenauffassung vertrat die Gestaltpsychologie bzw. Gestalttheorie:

  • Lernen als Einsicht und produktives Denken (Karl Duncker, Max Wertheimer). Gelernt wird nicht durch Gewöhnung an die richtige (effektivste) Verfahrensweise in vielen Versuchen mit rein zufälligen Variationen (= Behaviorismus), sondern durch Erkennen der effektivsten Verfahrensweise für ein Problem. Die Struktur der Ausgangssituation sowie Erfahrung (Problemraum), Intelligenz und die Ziele des lernenden Wesens beeinflussen diese Einsicht in die richtige Problemlösung, bei der bestimmte Teillösungen dann so ineinandergreifen, dass der Lösungsweg eine einsichtige Gestalt-Form annimmt. Eine Lösung kann somit in nur einem Versuch gefunden und für immer gelernt werden. Auch kann der Mensch Fehlendes selbstständig zur "Gestalt" ergänzen, Lernen ist nicht bloßes Abbilden.[1]

„Kognitive Wende“ um ca. 1960

Hauptartikel: Kognitive Wende

Einen neuen Einschnitt bildete die Entwicklungstheorie von Jean Piaget (1896–1980, Epistemologischer Funktionalismus), der die im Lernenden entwickelten kognitiven Strukturen und Stufen als Voraussetzung des Lernaktes betont und auf das Alter aufmerksam macht. Der Mensch lernt nicht durch Abbildung der Außenwelt, sondern nimmt die Außenwelt je nach erreichtem Stadium in der kognitiven Entwicklung anders wahr. Die Entwicklung selbst vollzieht sich nicht einfach als Reifung, sondern im Wechselspiel von Lerner und Umwelt. Damit war ein breites Feld geschaffen für die

In Abkehr vom Black-Box-Modell der behavioristischen Verhaltenspsychologie will man die im Lernenden ablaufenden Prozesse der Informationsverarbeitung erklären. Es ist also ein Paradigmenwechsel und eine Entwicklung von der behavioristischen zu einer kognitiven Denkweise, die zwar die Black-Box immer noch nicht durchleuchten kann, sich dessen aber bewusst ist.

  • Sozial-kognitives Modell-Lernen: Ältere Theorien, die Lernen nur auf äußerliche Imitation oder innere Identifikation zurückführten, wurden durch das kognitiv orientierte Modell-Lernen erweitert, das, ausgehend vom aggressiven Verhalten Jugendlicher, ab 1963 der Kanadier Albert Bandura wesentlich prägte.

Von großer Bedeutung für die Lernpsychologie war ferner die Unterscheidung verschiedener Speicherformen im Gedächtnis: das Sensorische Gedächtnis, das Kurzzeit- oder Arbeitsgedächtnis und das Langzeitgedächtnis (R.C. Atkinson u. R.M. Shiffrin, 1968). Die Forschung weist bis in die Gegenwart zahlreiche Weiterentwicklungen dieser Theorie auf, die den komplizierten Weg der kognitiven Verarbeitung zum nachhaltigen Wissen und Können aufzeigen.

Konstruktivismus

Daraus entstanden konstruktivistische Lerntheorien, die ein Fundament im erkenntnistheoretischen Konstruktivismus hatten:

Der Begriff Lernen wird gegenwärtig wesentlich weiter gefasst als beim Auswendiglernen der frühen Gedächtnis­forschung, ablesbar an der Vielzahl der denkbaren Ziele des Lernens:

  • Lernen mit dem Ziel Können, das Automatisieren von Fähigkeiten zu geistigen und motorischen Fertigkeiten;
  • Lernen mit dem Ziel Problemlösen;
  • Lernen mit dem Ziel Behalten und Präsenthalten von Wissen;
  • Lernen von Verfahren (Lernen lernen, Arbeiten lernen, Nachschlagen lernen, kritisch Lesen lernen);
  • Lernen zur Steigerung der Fähigkeiten und Kräfte mit dem Ziel späterer Übertragung (formale Bildung: die klassische Begründung, Latein lernen zu lassen);
  • Lernen mit dem Ziel des Aufbaus einer Gesinnung, Werthaltung, Einstellung;
  • Lernen mit dem Ziel, vertieftes Interesse an einem Gegenstand zu gewinnen;
  • Lernen mit dem Ziel einer Verhaltensänderung (Roth 1963 nach Seel 2003).

Lernen ist etwas anderes als Gewöhnung. Lernen ist ein Merkmal intelligenten Verhaltens. Lernen und Denken geschehen unter Zuhilfenahme von (gestischen, bildhaften, sprachlichen, symbolischen) Zeichen. Denken schafft neues Wissen auf der Basis des bereits vorhandenen. "Der bedeutendste Einzelfaktor, der Lernen beeinflusst, ist, was der Lernende bereits weiß." (Ausubel 1968 nach Seel 2003).

Neueste Ansätze erweitern das kognitiv-konstruktivistische Modell, indem sie auch motivationale, affektive und sozio-kulturelle Variablen berücksichtigen.

Siehe auch

Literatur

  • Ulrich Neisser: Kognitive Psychologie, Stuttgart 1974
  • George Mandler A history of modern experimental psychology: From James and Wundt to cognitive science. Cambridge, MA: MIT Press 2007
  • Hans Aebli: Denken: Das Ordnen des Tuns, 2 Bde., Stuttgart 1980-81
  • Robert M. Gagné: Die Bedingungen menschlichen Lernens, Hannover 1980 (in USA 1965)
  • Geoffrey Caine, Renate N. Caine: Making Connections: Teaching and the Human Brain 1991; revised paperback edition: Dale Seymour Publications 1994
  • Walter Edelmann: Lernpsychologie. Psychologie Verlags Union, Weinheim, 6., vollst. überarb. Aufl. 2000
  • Norbert M. Seel: Psychologie des Lernens. Ernst Reinardt (UTB), München, 2. Aufl. 2003
  • Guy Lefrançois: Psychologie des Lernens. Springer, Berlin, 4. u. erw. Aufl. 2008

Weblinks

Einzelnachweise

  1. siehe Max Wertheimer 1957, Produktives Denken (Deutsche Übersetzung von Productive Thinking durch Wolfgang Metzger), Frankfurt: Waldemar Kramer; Karl Duncker 1935, Zur Psychologie des produktiven Denkens, Berlin: Springer; Ferdinand Herget 2001, Einsichtiges Lernen, Berlin: Lit-Verlag.

Kategorien: Lernpsychologie

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