Landgewinnung - LinkFang.de





Landgewinnung


Landgewinnung oder Neulandgewinnung bedeutet in erster Linie die künstliche Beschleunigung des Verlandungsvorgangs an geeigneten Stellen von Küsten im Wattenmeer. Das Wort wird aber auch für das Aufschütten großer Flächen im Küstenbereich, z. B. mittels Saugbaggern, und traditionell für die Urbarmachung von bisher landwirtschaftlich nicht genutzten Flächen verwendet.

Landgewinnung durch Ablagerung

Im Nordseeraum wird zur Landgewinnung häufig ein System aus Buhnen und Lahnungen angelegt, um das Wasser zu beruhigen und ein Abfließen der im Wasser mitgetragenen Schwebteilchen bei Ebbe zu verzögern. Im ruhigen Wasser setzen sich diese als Sedimente oder Schlick auf dem Meeresboden ab.

Die Flut transportiert Sand, Schluff, Ton, organisches Material und anderes als Schwebstoffe an. Während der Ruhephase des Wassers während des Gezeitenwechsels setzt sich dieses Material als Schlick zwischen den Buhnen und Zäunen sowie in den damit umgrenzten Becken ab, der Meeresboden erhöht sich allmählich. Pionierpflanzen wie zum Beispiel der Queller oder der Strandhafer können sich ansiedeln.

Erreicht der Meeresboden die Fluthöhe, werden Gräben ausgehoben und der ausgehobene Schlick zur weiteren Erhöhung auf dem Land verteilt. In den Gräben können sich jetzt wieder neue Sedimente ablagern. Das auf diese Weise gewonnene Land liegt meist vor dem schützenden Deich und wird daher als Vorland bezeichnet. Als solches dient es auch dem Schutz des Deiches, indem es auf den Deich zulaufende Flutwellen bremst.

Ist das Vorland groß genug und soll es dauerhaft genutzt werden, wird es mit Deichen vor Sturmfluten geschützt. Das eingedeichte Land nennt man je nach Region Koog (Schleswig-Holstein), Groden (Oldenburg) oder Polder (Niederlande, Ostfriesland). Erst die Eindeichung ermöglicht langfristig eine vollständige Entsalzung des Bodens. Dies geschieht durch Niederschläge, welche das im Boden vorhandene Salz ausspülen. In der Regel wird dieses Niederschlagswasser in Wettern gesammelt und durch Siele abgeleitet, die zugleich ein erneutes Eindringen von Salzwasser verhindern. Üblicherweise galt das Vorland als reif für die Eindeichung, wenn dort der Weißklee blüht, da diese Art einen ähnlichen Salzgehalt toleriert wie landwirtschaftliche Nutzpflanzen.

Indem man Eindeichungen zunehmend durch Maßnahmen zur Ablagerung vorbereitet hat, sind in einigen Marschländern Poldertreppen entstanden. Dort liegen die später eingedeichten Flächen höher als die früher eingedeichten.[1]

In Deutschland wurden bisher ca. 180 Köge bzw. Polder gewonnen. Bei einigen Eindeichungsprojekten wie dem Hauke-Haien-Koog wurde das Koogland nicht für die Landwirtschaft, sondern als Vogelschutzgebiet genutzt.

Landgewinnung durch Abdämmung

In den Niederlanden hat man – in Verbindung mit dem Küstenschutz – nach der Eindämmung des IJsselmeeres eine andere Form der Landgewinnung betrieben, indem man in den vom Meer abgedämmten Bereich zunächst die Deiche baute und dann die so neu umgrenzten Polder zunächst mit Windpumpen, später auch mit dampf- oder motorbetriebenen Pumpen leer pumpte. Die klassische, zeit- und kostenintensive Neulandgewinnung durch Sedimentablagerung wurde hier nicht angewandt, der Boden liegt also auch heute noch durchgängig unter dem Meeresspiegel (= Depression). Der Nachteil dieser Vorgehensweise ist, dass die Niederschläge dauerhaft abgepumpt werden müssen. Teilweise wurde das Verfahren auch andernorts angewandt (u. a. beim Bau des Speicherkooges in der Meldorfer Bucht), wenn die Landgewinnung durch Ablagerung noch nicht so weit fortgeschritten wie erwünscht war.

Landgewinnung durch Aufschüttung

In Einzelfällen wird Land aber auch durch massive Aufschüttung von Sand oder Steinen gewonnen, z. B. zur Küstensicherung oder um Baugrund zu gewinnen. In Singapur wurden 135, in Tokio sogar 249 Quadratkilometer Land aufgeschüttet und gesichert, in Japan als Umetate chi bezeichnet. So werden auch in Deutschland für den Bau des JadeWeserPorts in der Nähe von Wilhelmshaven 360 Hektar Land aufgespült.[2] Auch auf den Malediven wird ein ähnlicher Ansatz verfolgt, auch um gegen den Anstieg der Meere zu bestehen. So wurde die Flughafeninsel Hulhulé und die benachbarte Insel Hulhumalé durch Landgewinnung vergrößert.

Ein ähnliches Projekt war auch beispielsweise der Bau der Palm Islands vor Dubai. Aktuell geplant wird der Bau der Maasvlakte 2 zur Vergrößerung des Rotterdamer Europoort. Solche Großvorhaben des Erdbaus sind erst seit einigen Jahren technisch möglich, sie stellen aber keine Landgewinnung im eigentlichen Sinn dar, da es sich bei dem neuen Land nicht um ursprünglichen Meeresboden handelt.

Als gegenwärtiges (2014) Projekt zählt der in Bau befindliche Stadtbezirk Le Portier im Fürstentum Monaco an der Côte d’Azur.

Gesellschaftliche Diskussion

Der Nutzen der Landgewinnung ist umstritten. Einerseits soll sie dem Küstenschutz dienen, indem besiedelten Gebieten Köge vorgelagert werden, andererseits werden durch Landgewinnung wertvolle Ökosysteme wie das Watt und Salzwiesen zerstört.

In Deutschland wurde zuletzt 1923/24 der Neufelder Koog aus rein kommerziellen Gründen angelegt (finanziert aus privater Hand). Neuere Köge wie der Hauke-Haien-Koog von 1958 bis 1960 umfassen bewusst große Vogelschutzgebiete. Die letzte große Eindeichung Deutschlands war der Bau des Beltringharder Kooges (Deichschluss 1987) mit einer Fläche von 3350 ha, der heute das größte Naturschutzgebiet des schleswig-holsteinischen Festlandes darstellt.

Bedeutungsvariante: Urbarmachung bisher ungenutzter Flächen

Als Neulandgewinnung bezeichnet man ebenfalls die Gewinnung von Ackerland, also die Urbarmachung von landwirtschaftlich ungenutzter Wildnis. Am bekanntesten sind die Neuland-Kampagnen (russisch: zelina) in der ehemaligen Sowjetunion in Schwarzerdegebieten von Südsibirien, Kasachstan, Usbekistan und Turkmenistan in den 1920er, 1930er und auch 1950er Jahren. Diese großflächige Neulandgewinnung ging meist mit der Anlage von Schutzwaldstreifen gegen die Winderosion und zum Teil mit der Schaffung von großen Bewässerungssystemen einher. Die erhoffte Ertragssteigerung bei landwirtschaftlichen Erzeugnissen (Weizen, Baumwolle) blieb auf Dauer meist aus, und es ergaben sich massive ökologische Probleme wie zum Beispiel am Aralsee.

Aber auch die Gewinnung von Land in der Ukraine, Südrussland, dem Mittleren Westen der USA, Argentinien, Teilen Afrikas oder Australien zwischen dem 18. und 20. Jahrhundert folgte ähnlichen Prinzipien.

Weblinks

 Commons: Landgewinnung  – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Landgewinnung – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Quellen

  1. Karl-Ernst Behre: Geschichte der Landschaft um den Jadebusen, Wilhelmshaven 2012, ISBN 978-3-941929-02-9, S. 136 – 148
  2. http://www.jadeweserport.de/cms/index.php?idcat=25
pl:Rekultywacja

Kategorien: Siedlungsgeographie | Geomorphologie | Küstenbau

Quelle: Wikipedia - http://de.wikipedia.org/wiki/Landgewinnung (Vollständige Liste der Autoren des Textes [Versionsgeschichte])    Lizenz: CC-by-sa-3.0

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