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Kontaktinnovation


Als Kontaktinnovation bezeichnet man Innovationen, die durch interpersonale Kommunikation (z. B. mit unzufriedenen Kunden oder anderen Akteuren in der Umwelt) ausgelöst, weitergegeben bzw. übernommen werden (die also nach der Theorie von Everett M. Rogers von einem Innovator an einen Follower übergeben werden). Ebenso bezeichnet man Innovationen, die an den Grenzlinien zweier Kulturen oder sozialer Systeme entstehen und aus denen sich für beide Systeme Innovationseffekte oder andere Emergenzphänomene ergeben. Während im Regelfall Kulturgrenzen eher als schwer zu überwindende Innovationsbarrieren gelten, entstehen Innovationen in Wissenschaft und Technik heute immer häufiger an Systemgrenzen, z. B. an Grenzen zwischen Institutionen (Universitäten und Praxisorganisationen) oder an den Grenzen zwischen wissenschaftlichen Disziplinen.

Rogers geht davon aus, dass die Entscheidung zur Übernahme von Innovationen vor allem vom erfolgreichen Verlauf oder Scheitern der interpersonalen Kommunikation abhängt. Allein durch Verbreitung einer Information kann die Innovation eine Kulturschwelle nicht überspringen. Die These von der großen Bedeutung von Kulturkontakten steht insofern dem modernen Diffusionismus nahe. Dieser betont jedoch, dass die Innovation in einer Richtung verläuft, während das Konzept der Kontaktinnovation die Interaktion zwischen und den Nutzen für mehrere Akteure oder Kulturen betont.

Beispiele

Schon in der Vergangenheit entstanden Innovationen häufig entlang von Fernstraßen und anderen Verkehrsachsen oder wurden z. B. durch Migration induziert.[1] So kann z. B. die Erfindung der Bronze nur durch Kontaktinnovation erklärt werden, da die hierfür benötigten Grundstoffe Kupfer und Zinn in der frühen Bronzezeit, also im 3. Jahrtausend v. Chr., in weit voneinander entfernten Regionen gewonnen wurden. Während das Kupfer aus Anatolien oder dem Kaukasus kam, stammte das Zinn vermutlich aus dem Serafschan im heutigen Tadschikistan. Außerdem sind sowohl Kupfer als auch Zinn weicher als Bronze, so dass die Legierung wohl nicht durch systematisches Experimentieren und gezielte Suche nach einem härteren Werkstoff zustande kam, sondern durch Zufallskontakte oder ritualisierten Austausch von glänzenden gediegenen Metallen.

Ein bekanntes Paradebeispiel diffusionistischer Theorien ist der bronzezeitliche Streitwagen. Das Speichenrad, das sich im Unterschied zum sumerischen Vollscheibenrad für pferdebespannte Wagen eignet, wurde zwar von den Pferdezüchtern in den eurasischen Steppen erfunden. Doch wurde die Kombination "Pferd und Streitwagen" sicherlich nicht durch die semitischen Völker in fertiger form von dort übernommen und erst recht nicht durch Wanderungen einer „überlegenen“ Kulturgruppe verbreitet. Vielmehr wurde die Innovation erst in den Palastwirtschaften des vorderen Orients optimiert und wegen seiner zweifelhaften Funktionalität primär wohl als Prestigeobjekt, weniger zu Kriegszwecken verwendet.[2]

Verallgemeinert gesprochen: An jeder Kultur- bzw. Systemgrenze entstehen Interaktionsprozesse mit hohem kombinatorischen Potenzial, die verhindern, dass Innovationsflüsse als Einbahnstraßen verlaufen und Technologien beim Crossing Over unverändert übernommen werden. Auch die Funktionsbestimmung der Technologie oder des Prozesses kann sich beim Überschreiten von Kulturgrenzen durch gelingende oder misslingende Interaktionsprozesse verändern und eingeschränkt bzw. erweitert werden. Im Extremfall kann die technische Funktionalität oder Effizienz abhandenkommen und durch eine rein symbolische Zweckbestimmung ersetzt werden.

Linguistik

In der Linguistik, speziell in der Kontaktlinguistik wird das Phänomen der Emergenz neuer Sprachen in einer heterogenen Gemeinschaft als Kreolisierung bezeichnet. Die Kreolsprache wird in der Generation, die sie geschaffen hat, nicht zur vollwertigen Sprache. Aber die Kinder dieser Generation wachsen in dieser Umgebung auf und erlernen sie als Muttersprache. Auch Szenejargons wie Kanak Sprak oder Pidginsprachen sind Kontaktphänomene, meist mit asymmetrischer Beteiligung der Kontaktparteien. Sie stellen „Überschichtungsphänomene“ dar: Beim Pidgin z. B. übernehmen die Kolonisierten den Wortschatz der Kolonialherren, ein sprachliches Superstrat, um diese verstehen zu können, verwenden aber ihre Grammatik (das sprachliche Substrat) weiter.

Betriebswirtschaftslehre

Als Kontaktinnovationen werden auch Innovationen bezeichnet, die in einem Dialogprozess zwischen Entwickler und Kunden entwickelt bzw. perfektioniert werden (Customer contact innovation). Dieser Kontakt kann persönlich oder technikgestützt, z. B. über Innovationsplattformen oder -börsen erfolgen. Der Kunden- (oder auch Lieferanten-)kontakt wird damit zum wichtigen Faktor der Kreativität und des Innovationserfolgs.

Beispielsweise kann die Vielfalt der Verwendungsmöglichkeiten moderner Materialien nur ausgelotet werden, indem man sie durch möglichst viele verschiedene Anwendergruppen - Laien wie Professionals - anfassen, riechen, schmecken, testen usw. lässt.[3]

Siehe auch

Sonstiges

Contact Innovation ist auch der Name eines Bildbearbeitungsprogramms.

Einzelnachweise

  1. Assaf Yasur-Landau, Old Wine in New Vessels: Intercultural Contact, Innovation and Aegean, Canaanite and Philistine Foodways, in: Journal of the Institute of Archaeology of Tel Aviv University, Vol. 32, No. 2, September 2005 , S. 168-191.
  2. Stefan Burmeister, Peter Raulwing, Festgefahren. Die Kontroverse um den Streitwagen, in: Peter Anreiter u.a. (Hrsg.), Archaeological, Cultural andLinguistic Heritage. Festschrift for Erzsébet Jeremin Honour of her 70th Birthday, ARCHAEOLINGUA ALAPÍTVÁNY 2012, S. 93-113
  3. Materials in Art and Design Education, Konferenz des Institute of Materials, Minerals and Mining, London, 25. April 2008, online-Bericht: [1]

Literatur

Rogers, Everett M. (1983), Diffusion of Innovations. New York: Free Press 1983 ISBN 978-0-02-926650-2 (zuerst 1962)


Kategorien: Kultursoziologie | Technischer Fortschritt | Linguistische Typologie | Betriebswirtschaftslehre

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