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Johann Jakob Bachofen


Johann Jakob Bachofen (* 22. Dezember 1815 in Basel; † 25. November 1887 ebenda) war ein Schweizer Rechtshistoriker, Altertumsforscher und Anthropologe, dessen Werk Das Mutterrecht als Ursprung moderner Theorien zum Matriarchat gilt.

Leben

Johann Jakob Bachofen entstammte einer wohlhabenden Basler Familie, deren Reichtum auf verlagsmäßig organisierter Seidenbandweberei basierte. Der Vater Johann Jacon Bachofen-Merian war Bandfabrikant, die Mutter war Valeria Merian. 1825 ließ der Vater das östliche der beiden klassizistischen Palais erbauen, die heute das Antikenmuseum Basel beherbergen. Bachofen lebte in seinem Elternhaus bis zur späten Heirat. Bachofen fiel schon als Schüler und Student als ausgesprochen begabt auf und zeigte schon früh einen starken Hang zum Altertum, in dem er in einer sich schnell entwickelnden Zeit etwas Beständiges, Dauerhaftes und Halt fand. Er studierte ab 1834 Altertumswissenschaften in Basel und ging 1835 an die Berliner Universität. In Berlin hörte er bei August Boeckh, Karl Ferdinand Ranke und Friedrich Carl von Savigny, den Protagonisten der idealistischen Geschichtswissenschaft, was Bachofen stark ansprach. Zudem hörte er bei Karl Lachmann und wurde stark von Carl Ritter geprägt, der ihm die Bedeutung des Verständnisses der räumlichen Gegebenheiten der alten Kulturen nahe brachte. Die Ausrichtung auf die Rechtsgeschichte war dem Einfluss Savignys zu verdanken. Sie wurde zunächst zum Mittelpunkt Bachofens Interesses. Für das Wintersemester 1837/1838 ging er an die Universität Göttingen, wo er Gustav von Hugo und vor allem Karl Otfried Müller kennenlernte. In Basel promovierte er 1838 mit der Arbeit De Romanorum iudiciis civilibus und erhielt anschließend in den Jahren 1839/1840 eine praktische Ausbildung in Paris, London und studierte an der University of Cambridge. Nach der Rückkehr erhielt er in Basel 1841 erst 25-jährig den Lehrstuhl für Römisches Recht, verzichtete aber fast umgehend auf die Position und das Gehalt. Er lehrte noch bis 1842 als Privatdozent und beendete dann seine Lehrtätigkeit völlig. 1844 wurde er ins Appellationsgericht in Basel gewählt[1] und trat die Stelle 1845 an. Zudem wurde er Mitglied des Großen Rates von Basel; dieses Amt gab er aber wie seine Lehrtätigkeit nach kurzer Zeit aus religiösen Gründen wieder auf. Seine konservative Sicht auf die Geschichte und seine selbst empfundene religiöse Verantwortung beeinflusste Bachofens Leben so nachhaltig, dass er sich dem Zeitgeist nicht anpassen wollte. Einzig das Richteramt behielt er die folgenden 25 Jahre. 1865 heiratete Bachofen Louise Elisabeth Burckhardt. Seine Grabstätte befindet sich auf dem Wolfgottesacker in Basel.

Bachofen, ein disziplinierter Arbeiter, der täglich um vier Uhr morgens mit der Arbeit begann, war häufig auf Reisen. In Mitteleuropa hat er nach Auskunft seiner Biografen alle Museen besucht. Seit 1842 war er immer wieder in Italien, 1851 fast ein ganzes Jahr in Griechenland, worüber er seine Griechische Reise verfasste, sowie in Rom, Unteritalien und Etrurien. 1861 bereiste er Spanien. Eng verbunden war er mit der Stadt Rom und dem dort angesiedelten Instituto di corrispondenza archeologica. Freundschaftliche Beziehungen pflegte er hier mit August Kestner, Wilhelm Henzen, Emil Braun und Ludwig Ross. Auf Betreiben Otto Jahns wurde Bachofen 1857 ordentliches Mitglied des heutigen Deutschen Archäologischen Instituts. Rom kannte er so gut, dass er als einer der kenntnis- und geistreichsten Ciceroni (Stadtführer) der Stadt galt.

Forschung

Das Mutterrecht

In seinem 1861 erschienenen Hauptwerk Das Mutterrecht vertrat Bachofen die These, dass die moderne Gesellschaft sich in drei Stufen entwickelt habe. Danach gab es in der ursprünglichen Form der Gesellschaft, dem „Hetärismus“ keinerlei Gesetze oder Heirat, sie gründete völlig in der natürlichen Produktivität der Frauen. Darauf folgte eine vom Mutterrecht bestimmte Gesellschaftsform, die Bachofen in Anlehnung an altgriechische Texte Gynaikokratie nannte, und die heute als Matriarchat bezeichnet wird. In dieser Gesellschaftsform war nach Bachofen die Mutter das Oberhaupt der Familie, da die Abstammung über die Mutter ermittelt wurde (Matrilinearität), demzufolge sei die Mutter als lebensspendende Göttin verehrt worden. Das Matriarchat sei dann durch die Männer entmachtet worden, die an seiner Stelle das Patriarchat etablierten. Bachofen verbindet die Produktionsweise mit der jeweiligen Sozial- und Geschlechterordnung und postuliert, dass Frauen nach dem Patriarchat der Jäger- und Sammlergesellschaft in der frühen Ackerbaugesellschaft durch die hausnahe produktive Arbeit wieder hohe Macht und Bedeutung fanden, so dass ein weiteres Matriarchat historisch möglich wurde.

Von antiken Matriarchatsvorstellungen unterscheidet sich die Bachofens vor allem in der Bewertung. Während die antiken Vorstellungen von Frauen- oder Sklavenherrschaft heute eher als Legitimation der bestehenden Ordnung durch Gegenüberstellung des Zerrbildes gesehen wurde, und die Gynaikokratie somit mit Gewalt und Unruhe in Verbindung gebracht wurde, gibt Bachofen der Matriarchatsidee eine andere, positive Prägung. Nachdem es anfangs auf heftige Ablehnung gestossen war, fand das Werk später Beachtung unter anderem durch Friedrich Engels, Lewis Henry Morgan, August Bebel und Edward Bulwer-Lytton, Ludwig Klages, Erich Fromm, C.G. Jung, und beeinflusste maßgeblich den modernen spirituellen Feminismus sowie die moderne Matriarchatsforschung.

Bachofens Buch Das Mutterrecht entstand im Kontext einer Altertumswissenschaft, die sich gerade erst im modernen Sinn zu etablieren begann. Dabei lehnte Bachofen jedoch die quellenkritische Methode und empirische Herangehensweise ab, wie sie insbesondere durch Theodor Mommsen vertreten wurde, und berief sich für sein Werk auf intuitive Analysen von Mythologie sowie empathische Einfühlung. So basiert sein Werk vorwiegend auf der Interpretation griechisch-römischer Mythen als Widerschein des Kampfes zwischen den matriarchalen und patriarchalen Prinzipien. Von neuerer Bachofenforschung wird vor allem die Rationalitätskritik mit der damaligen Situation in Basel in Zusammenhang gebracht: Das auf dem Verlagssystem basierende Handwerk wurde von moderneren Produktionsweisen verdrängt, und Bachofen sah sich somit als Bürger wie auch als Vertreter eines untergehenden Wirtschaftszweiges als Vertreter einer vergangenen Welt gegenüber der rationellen Modernisierung.

Altertumswissenschaften

Auch bei seinen altertumswissenschaftlichen, vorrangig religionshistorischen, archäologischen, aber auch historischen Studien folgte Bachofen wie bei seinen sozio-ethnologischen Studien zum Mutterrecht weniger der faktischen Aussage der schriftlichen Quellen als seiner intuitiven Interpretation der schriftlichen und vor allem archäologischen Hinterlassenschaft der Antike. Bachofen war Vertreter der Autonomie der Wissenschaft vom Römischen Recht innerhalb des altertumswissenschaftlichen Fächerkanons. Von der Rechtsgeschichte kam er über religionshistorische Studien zur Erforschung der Mythologie. Bachofen war von der antiken Gräberwelt fasziniert, die er in einer wortreichen Sprache beschrieb. In der 1859 erschienenen Gräbersymbolik der Alten beschrieb er nicht nur einzelne Bildwerke, sondern versuchte auch die Grabsitten in ihrer Gänze zu erfassen. Dem folgten Einzelstudien wie dem Aufsatz Über die römische Wölfin auf Grabdenkmälern des Altertums oder Die Unsterblichkeitslehre der orphischen Theologie auf den Grabdenkmälern des Altertums (1867). Er arbeitete die Bedeutung von Tod, Grab und Erde in den antiken Kulturen heraus und konnte aus den Ergebnissen auch Erkenntnisse über den Beginn des Privateigentums gewinnen. Die Einsicht, dass Erde mit Mutterschaft verbunden sei, führte zum Mutterrecht.

Auch die mit Franz Dorotheus Gerlach verfasste Geschichte der Römer (1851) versuchte die große Synthese aller Bereiche der Römischen Geschichte, die einen Schwerkpunkt auf die Religionsgeschichte legte. In Einzelstudien untersuchte er Themenbereiche wie Hände und Würfel, das Volk der Lykier, zudem die Rolle von Bären in antiken Religionen wie überhaupt die Darstellung von Bären in der antiken Kunst. Einzelstudien betrieb er unter anderem zum Sarkophag Fortunati und der Lupa Romana. Zentral in Bachofens Forschungen war die Suche nach dem Gehalt der Werke. Hierzu erforschte er neben den schon genannten Themen etwa auch Canosiner Askoi und Sarkophagreliefs mit Meerwesen-, Protesilaos- und Alope-Darstellungen. Wenig konnte Bachofen deshalb dem in seinen Augen modernistischen, quellen- und textkritischen Geschichtsbild Barthold Georg Niebuhrs und Theodor Mommsens abgewinnen. Bachofens Buch Die Sage von Tanaquil. Eine Untersuchung über den Orientalismus in Griechenland und Italien (1870) wurde von Anhängern um Karl Meuli zur „Metaphysik der Alten Welt“ erhoben, konnte sich jedoch gegen den stetig wachsenden Einfluss der Mommsenschen Geschichtsauffassung nicht im Sinne des Verfassers durchsetzen. Symbole nahm er Friedrich Creuzer folgend als Ausdruck von Weltanschauungen und nahm damit viel der späteren Kunsttheorie vorweg.

Bachofens aus etwa 900 Stücken bestehende Antikensammlung ist heute Teil des Antikenmuseums Basel und somit weiterhin in seinem Elternhaus befindlich. Sie bestand aus Vasen, Lampen, Bronzen sowie weiteren Gegenständen vor allem der Kleinkunst.

Rezeption

Nach einer Periode der Vergessenheit entdeckte Ludwig Klages Bachofen neu, der durch ihn zu einem wichtigen Anreger wurde, der im frühen 20. Jahrhundert Rainer Maria Rilke und Thomas Mann beeinflusste, Otto Gross, die Altertumsforscherin Jane Ellen Harrison und den Dichter Robert Graves, ferner den Künstler Wolfgang Paalen und den Mythenforscher Joseph Campbell, aber auch radikal rechte Denker wie Alfred Baeumler und Julius Evola. Nationalsozialistische Vordenker wollten Bachofen als einen ihrer Vorgänger stilisieren. Ebenso reklamierten Marxisten Bachofens Erkenntnisse als urkommunistisch für sich. Für Walter Benjamin war er einer der „wissenschaftlichen Propheten“ von Anthropologie und Psychologie. Auch dem Feminismus gilt er als einer der wissenschaftlichen Urväter.

Heute gilt Bachofen als einer der Begründer der Soziologie, insbesondere der Soziologie der Familie, ebenso wie der vergleichenden Rechts- sowie der vergleichenden Religionswissenschaft. Arnaldo Momigliano untersuchte Bachofens Rolle in der Religionswissenschaft des 19. Jahrhunderts. Seine ehemals ihn zum wissenschaftlichen Außenseiter machenden Forschungsinhalte sind heute teilweise zentrale Forschungsthemen der Soziologie und der Rechtsgeschichte. Neben dem deutsch- und englischsprachigen Raum ist Italien ein Zentrum der modernen Bachofenforschung.

Schriften

  • De legis actionibus de formulis et de condictione. Dissertation Basel. Dieterich, Göttingen 1840. Digitalisat
  • Das Naturrecht und das geschichtliche Recht in ihren Gegensätzen. Antrittsrede Basel 1841. MDZ Reader Neudruck: Off. Librorum, Lauterbach 1995, ISBN 3-928406-19-1
  • Römisches Pfandrecht. Schweighauser, Basel 1847. MDZ Reader Neudruck: Keip, Goldbach 1997, ISBN 3-8051-0688-2
  • Ausgewählte Lehren des römischen Civilrechts. Leipzig 1848. Neudruck: Keip, Goldbach 1997, ISBN 3-8051-0689-0
  • mit Franz Dorotheus Gerlach: Die Geschichte der Römer, 2 Halbbände [unvollendet], Basel 1851
  • Versuch über die Gräbersymbolik der Alten. Basel 1859
  • Oknos der Seilflechter : ein Grabbild : Erlösungsgedanken antiker Gräbersymbolik. Basel 1859. Neudruck: Beck, München 1923
  • Das Mutterrecht: eine Untersuchung über die Gynaikokratie der alten Welt nach ihrer religiösen und rechtlichen Natur. Stuttgart 1861 (archive.org , Digitalisat ).
    • Mutterrecht und Urreligion. Eine Auswahl. Herausgegeben von Rudolf Marx. Kröner: Stuttgart 1927 (Kröners Taschenausgabe Band 52)
    • Das Mutterrecht. Eine Untersuchung über die Gynaikokratie der alten Welt nach ihrer religiösen und rechtlichen Natur. Eine Auswahl. hrsg. v. Hans-Jürgen Heinrichs. Suhrkamp Taschenbücher Wissenschaft Nr.135 9. Aufl. 1997 Suhrkamp ISBN 3-518-27735-9
    • Il matriarcato. Ricerca sulla ginecocrazia del mondo antico nei suoi aspetti religiosi e giuridici. Ital. Ausgabe mit einer Einführung von Furio Jesi, hrsg. von Giulio Schiavoni. Verlag Einaudi, Turin 2016, ISBN 978-88-06-22937-5
  • Antiquarische Briefe vornemlich zur Kenntniss der ältesten Verwandtschaftsbegriffe. 2 Bde. Trübner, Strassburg 1880 & 1886
  • Römische Grablampen nebst einigen andern Grabdenkmälern vorzugsweise eigener Sammlung. Basel 1890
  • Gesammelte Werke. Mit Benutzung des Nachlasses herausgegeben von Karl Meuli. Basel 1943 - 1967 (bislang 8 Bände erschienen: I-IV, VI-VIII und X)

Literatur

  • Albert Teichmann: Bachofen, Johann Jakob. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 47, Duncker & Humblot, Leipzig 1903, S. 743–745.
  • Erik Wolf: Bachofen, Johann Jakob. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 1, Duncker & Humblot, Berlin 1953, ISBN 3-428-00182-6, S. 502 f. (Digitalisat ).
  • Uwe Wesel: Der Mythos vom Matriarchat. Über Bachofens Mutterrecht und die Stellung von Frauen in frühen Gesellschaften vor der Entstehung staatlicher Herrschaft. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-518-07933-6.
  • Lionel Gossman: Basle, Bachofen and the Critique of Modernity in the Second Half of the Nineteenth Century, in: Journal of the Warburg and Courtauld Institutes 47 (1984), S. 136–185.
  • Karl Schefold: Johann Jacob Bachofen 1815 – 1887. In: Reinhard Lullies, Wolfgang Schiering (Herausgeber): Archäologenbildnisse. Porträts und Kurzbiographien von Klassischen Archäologen deutscher Sprache. Verlag Philipp von Zabern, Mainz 1988, ISBN 3-8053-0971-6, S. 41–42.
  • Bernd Müllenbach: Johann Jakob Bachofen als Rechtshistoriker. In: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte. Germanistische Abteilung. Savigny-Stiftung, Wien, Köln, Weimar. Band 105 (1988), S. 17–96, ISSN 0323-4045
  • Sylvia Schilter-Gander: Bachofen, Johann Jakob. In: Michael Stolleis (Hrsg.): Juristen. Ein biographisches Lexikon. C. H. Beck, München 1995. ISBN 3-406-39330-6, S. 55–56.
  • Josef Rattner, Gerhard Danzer: Johann Jakob Bachofen und die Mutterrechtstheorie, in: Europäische Kulturbeiträge im deutsch-schweizerischen Schrifttum von 1850 - 2000. Königshausen & Neumann, Würzburg 2003, ISBN 3-8260-2541-5, S. 9–28.
  • Furio Jesi: Bachofen. (1972) Bollati Boringhieri, Turin 2005, ISBN 978-88-339-1607-1 (italienisch)
  • Peter Davies: Myth, Matriarchy and Modernity, Johann Jakob Bachofen in German Culture 1860–1945. De Gruyter, Berlin/New York 2010, ISBN 978-3-11-022708-6.
  • Sotera Fornaro: Bachofen, Johann Jakob. In: Peter Kuhlmann, Helmuth Schneider (Hrsg.): Geschichte der Altertumswissenschaften. Biographisches Lexikon (= Der Neue Pauly. Supplemente. Band 6). Metzler, Stuttgart/Weimar 2012, ISBN 978-3-476-02033-8, Sp. 42–44.

Weblinks

 Commons: Johann Jakob Bachofen  – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Felix Flückiger: Bachofen, Johann Jakob (1815-1887). In: Helmut Burkhardt und Uwe Swarat (Hrsg.): Evangelisches Lexikon für Theologie und Gemeinde. Band 1. R. Brockhaus Verlag, Wuppertal 1992, ISBN 3-417-24641-5, S. 167.


Kategorien: Matriarchatsforschung | Geschlechterforscher | Richter (Schweiz) | Gestorben 1887 | Geboren 1815 | Hochschullehrer (Universität Basel) | Mitglied des Deutschen Archäologischen Instituts | Rechtswissenschaftler (19. Jahrhundert) | Schweizer | Ethnologe | Mann

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