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Jahr ohne Sommer


Als das Jahr ohne Sommer wird das vor allem im Nordosten Amerikas und im Westen und Süden Europas ungewöhnlich kalte Jahr 1816 bezeichnet. In den Vereinigten Staaten bekam es den Spitznamen „Eighteen hundred and frozen to death“ und wurde auch im Deutschen als das Elendsjahr „Achtzehnhundertunderfroren“ berüchtigt. Als Hauptursache wird heute der Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora im April 1815 angesehen, der von Vulkanologen als deutlich stärker eingestuft wird als der Ausbruch des Vesuv im Jahr 79 n. Chr. und jener von Krakatau 1883.[1]

Details

Anfang Juli und Ende August 1816 gab es im Nordosten der Vereinigten Staaten Nachtfrostperioden. Im Osten Kanadas und in Neuengland fiel Schnee, der in Québec eine Höhe von 30 Zentimetern erreichte. Dies führte zu schweren Ernteeinbußen und in der Folge zu stark gestiegenen Getreidepreisen, eine ausgesprochene Hungersnot gab es in diesem Jahr jedoch noch nicht. Der Getreidepreis erreichte erst im Folgejahr (1817) das Anderthalbfache des Niveaus von 1815.[2]

In Mitteleuropa kam es zu schweren Unwettern. Zahlreiche Flüsse (unter anderem der Rhein) traten über die Ufer.[3] In der Schweiz schneite es jeden Monat mindestens einmal bis auf 800 m Meereshöhe und am 2. und 30. Juli bis in tiefe Lagen.[4] Die Folge der niedrigen Temperaturen und anhaltenden Regenfälle in Teilen Europas waren katastrophale Missernten. Am stärksten betroffen war das Gebiet unmittelbar nördlich der Alpen: Elsass, Deutschschweiz, Baden, Württemberg, Bayern und das österreichische Vorarlberg. Hier erreichte der Getreidepreis im Juni 1817 das Zweieinhalb- bis Dreifache des Niveaus von 1815.[2] An einzelnen abgelegenen Orten wurde auch das Vierfache erreicht. In der Zentralschweiz war die Hungersnot besonders groß, nach Beschreibungen des Frühmessers Augustin Schibig verzehrten die Leute „die unnatürlichsten, oft ekelhaftesten Sachen, um ihren Heißhunger zu stillen“. In Ybrig, in Rothenthurm, in der Altmatt und in den Berggegenden „haben die Kinder oft im Gras geweidet wie die Schafe, auch Wiesenblumen waren begehrt“.[4] Insbesondere das Elend in der Ostschweiz veranlasste Kaiser Alexander I. zu einer Spende von 100.000 Rubeln und Getreidelieferungen aus Russland.[5]

Durch die geringere Schneeschmelze im Vorjahr und die angesammelten zusätzlichen Schneefälle zum Beispiel in den Alpen führte die Schneeschmelze örtlich zu katastrophalen Überschwemmungen. Hungersnöte brachen aus. Tausende der zusätzlich noch unter den Folgen der Napoleonischen Kriege leidenden Europäer wanderten schließlich in die Vereinigten Staaten von Amerika aus.

In Osteuropa (geprägt vom Kontinentalklima) und Skandinavien waren dagegen kaum Auswirkungen feststellbar. So stieg in Polen der Getreidepreis von 1815 bis 1817 wegen der verstärkten Exportnachfrage um lediglich ein Viertel.[2]

Zur Erinnerung an diese Zeit wurden in Deutschland mancherorts sogenannte Hungertaler geprägt; auch andere Formen von Erinnerungsstücken sind bekannt.[6]

Indirekte Folgen

Die Hungersnot von 1817 war Anlass für verschiedene Maßnahmen zur Förderung der Landwirtschaft, darüber hinaus auch für Organisationsreformen im staatlichen Bereich, die auch im Zusammenhang von Restauration und Verfassungsdiskussion zu sehen sind, sowie für die Stiftung karitativer Organisationen. Im stark betroffenen Württemberg beispielsweise initiierte König Wilhelm I. 1817 die Gründung eines landwirtschaftlichen Vereins, dessen Centralstelle ab 1818 jährlich ein landwirtschaftliches Fest mit Wettbewerben veranstaltete, das heutige Cannstatter Volksfest. Seine Gattin Katharina plante und leitete den Wohltätigkeitsverein, der ab 1817 als halbstaatliche Organisation Funktionen vergleichbar einer innerstaatlichen Entwicklungshilfe, außerdem der Hunger- und Katastrophenhilfe übernahm und durch den wiederum 1818 die Württembergische Sparkasse gegründet wurde.[7] Ebenfalls 1818 gründete Wilhelm eine landwirtschaftliche Unterrichts-, Versuchs- und Musteranstalt, heute die Universität Hohenheim.

In Bayern hatte die Krise wesentlichen Anteil an der Entlassung von Minister Maximilian von Montgelas im Jahr 1817, und die bislang unterdrückte Volksfrömmigkeit blühte auf. In Scharen pilgerte man nach Altötting, und Bittgottesdienste für eine gute Ernte wurden nun sogar von der Obrigkeit angeordnet. In acht Monaten wurden über 60.000 Laib Brot und 45.000 Portionen der Rumfordsuppe kostenlos bzw. verbilligt ausgegeben. Auch König Max Joseph versuchte im April 1817 die Rumfordsuppe in einer Münchner Suppenküche und ließ verkünden, er habe sie regelrecht genossen.[8]

Der Chemiker Justus von Liebig wurde durch die Erinnerung an die Hungersnöte zu seinen Untersuchungen über die Bedingungen des Pflanzenwachstums angeregt. Dazu entwickelte er die organische Chemie und führte die Mineraldüngung ein, die zu einer Steigerung der Erträge der Landwirtschaft führte.

Die Entwicklung der Draisine, des Ur-Fahrrades, geht auf das Pferdesterben infolge der Futtermittelknappheit 1816/17 nach der Tambora-Eruption zurück.[9]

In den Vereinigten Staaten bewogen Missernten viele Farmersfamilien aus Neuengland und anderen Küstenstaaten, in den Nordwesten an die Frontier zu ziehen, so dass innerhalb weniger Jahre die Staaten Ohio, Indiana und Illinois besiedelt wurden.

Im südwestdeutschen Raum kam es zu Auswanderungen, insbesondere aus Württemberg, wo 1816 das Auswanderungsverbot aufgehoben worden war. Nachdem Werber der russischen Krone Auswanderungswillige eingeladen hatten, hatte die Auswanderung nach Südrussland, zum Beispiel nach Bessarabien, ihren Höhepunkt um 1817/18.

Ursache

Erst 1920 fand der amerikanische Klimaforscher William Jackson Humphreys eine Erklärung für das „Jahr ohne Sommer“. Er führte die Klimaveränderung auf den vulkanischen Winter infolge des Ausbruchs des Vulkans Tambora auf der Insel Sumbawa im heutigen Indonesien zurück. Dieser war im April 1815 mit einer Stärke von 7 auf dem Vulkanexplosivitätsindex ausgebrochen und hatte neben ungefähr 150 km³ Staub und Asche auch Schwefelverbindungen, die auf ein Schwefeldioxidäquivalent von 130 Megatonnen geschätzt werden,[10] hoch in die Atmosphäre geschleudert, wo sie sich verteilten und wie ein Schleier um den gesamten Erdball legten. Die Abkühlung des Weltklimas durch den Ausbruch hielt noch bis 1819 an.[11]

Aerosolablagerungen in grönländischen und antarktischen Bohrkernen deuten allerdings darauf hin, dass der Ausbruch des Tambora nicht allein dafür verantwortlich war, dass das Jahrzehnt von 1810 bis 1820 zum weltweit kältesten der letzten 500 Jahre wurde. Es wird eine vergleichbar große Vorläufereruption vermutet. Aufgrund von Berichten aus Kolumbien könnte ein solcher Vulkanausbruch Ende des Jahres 1808 stattgefunden haben.[12]

Ein begünstigender Faktor war die erheblich reduzierte Aktivität der Sonne während der ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts, das sogenannte Daltonminimum.

Spätfolgen

Jahrzehntelang nach dem Vulkanausbruch kam es zu merklichen Veränderungen im Tageslicht. Besonders ausgeprägt war dies abends und morgens, da die Sonnenstrahlen dann auf ihrem langen Weg durch die Atmosphäre auf erheblich mehr Schmutzpartikel stießen, gestreut wurden und vornehmlich die langwelligen Anteile des Lichtspektrums noch beim Betrachter ankamen. Die biedermeierlichen Sonnenuntergänge in Europa waren von nie dagewesener Pracht – in allen Schattierungen von Rot, Orange und Violett, gelegentlich auch in Blau- und Grüntönen. Die grandiosen Abendstimmungen und die intensiven Erdfarben, Ocker und Gelbtöne von William Turner, die außerhalb von Landschaften mit entsprechender natürlicher Farbgebung (etwa der Toskana und der Camargue) fast unwirklich erscheinen, haben davon merklich profitiert.[13]

Literarische Widerspiegelung

Die britische Schriftstellerin Mary Shelley verbrachte den Sommer 1816 mit Freunden in der Nähe des Genfersees. Sie besuchten öfters Lord Byron in der nahegelegenen Villa Diodati. Aufgrund des extrem schlechten Wetters konnten die Anwesenden oft das Haus nicht verlassen. So beschlossen sie, Schauergeschichten zu schreiben und den anderen vorzutragen. Shelley schrieb die Geschichte Frankenstein. Byrons Leibarzt John Polidori (1795–1821) verfasste Der Vampyr – eine Vampirgeschichte lange vor dem Entstehen von Bram Stokers Dracula. Lord Byron vollendete seine Geschichte nicht; er verarbeitete Eindrücke dieses Sommers in dem Gedicht Die Finsternis.[14]

Vergleichbare Ereignisse

Vergleichbare Ereignisse gab es in Mitteleuropa etwa 535/536, 1258,[15] 1529, 1588, 1601, 1618, 1628, 1675 und 1813.[16]

Benjamin Franklin berichtete von einem bemerkenswert kalten Winter 1783/84. Er vermutete, dass die Kälte in Philadelphia das Resultat eines Staubnebels in der Atmosphäre über Europa und Nordamerika sein könnte. Er gilt als der erste Forscher, der einen derartigen Zusammenhang erkannte.[17]

Siehe auch

Literatur

  • Hans-Heinrich Bass: Hungerkrisen in Preussen während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Scripta Mercaturae, St. Katharinen 1991, ISBN 3-922661-90-4 (= Studien zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Band 8).
  • Jelle Zeilinga de Boer, Donald Theodore Sanders: Das Jahr ohne Sommer. Die großen Vulkanausbrüche der Menschheitsgeschichte und ihre Folgen (Originaltitel: Volcanoes in Human History, übersetzt von Manfred Vasold), Magnus Essen 2004, ISBN 3-88400-412-3.
  • Wolfgang Behringer: Tambora und das Jahr ohne Sommer. Wie ein Vulkan die Welt in die Krise stürzte. Beck, München 2015, ISBN 978-3-406-67615-4.
  • Charles R. Harington (Hrsg.): The Year Without a Summer? World Climate in 1816, Ottawa 1992, ISBN 0-660-13063-7 (englisch).
  • William J. Humphreys: Volcanic dust and other factors in the production of climatic changes, and their possible relation to ice gases. In: Journal of the Franklin Institute (August 1913), 131–172 (englisch)
  • Henry und Elizabeth Stommel: Volcano Weather. The Story of 1816, the Year Without a Summer. Newport (R. I.) 1983, ISBN 0-915160-71-4 (englisch).
  • R. B. Stothers: The great Tambora eruption in 1815 and its aftermath. In: Science 224 (1984), S. 1191–1198.
  • Hans Peter Treichler: Als ob das Ende käme: Die Hungerjahre 1816/17. In: Hans Peter Treichler: Die bewegliche Wildnis. Biedermeier und ferner Westen. Schweizer Verlaghaus AG, Zürich 1990, ISBN 3-7263-6523-0, S. 27–50.
  • Louis Specker: Die große Heimsuchung. Das Hungerjahr 1816/17 in der Ostschweiz. 2 Bände, Historisches Museum St. Gallen: 1. Teil 1993, 2. Teil 1995 (ohne ISBN).
  • Volker Kennemann: Das Hungerjahr 1816/17. In: An Bigge, Lenne und Fretter. Heft 25, Dezember 2005, S. 124 ff. (bezieht sich vorwiegend auf das südliche Westfalen).
  • Gillen D’Arcy Wood: Vulkanwinter 1816, die Welt im Schatten des Tambora (Originaltitel: Tambora, The Eruption That Changed the World. Princeton University Press, Princeton, NJ 2014, übersetzt von Heike Rosbach und Hanne Henninger). Theiss, Darmstadt 2015, ISBN 978-3-8062-3015-4.
  • Sabine Kaufmann: 1816 Das Jahr ohne Sommer. G. Braun 2013, ISBN 978-3765086182

Weblinks

 Commons: Jahr ohne Sommer  – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Ronald D. Gerste: Wie das Wetter Geschichte macht: Katastrophen und Klimawandel von der Antike bis heute. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-608-94922-3, S. 192.
  2. 2,0 2,1 2,2 John D. Post: A Study in Meteorological and Trade Cycle History: The Economic Chrisis Following the Napoleonic Wars. In: The Journal of Economic History. 34 (1974), S. 315–349.
  3. Hans-Heinrich Bass: Hungerkrisen in Preussen während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Scripta Mercaturae Verlag, St. Katharinen 1991, S. 126–177.
  4. 4,0 4,1 Ausbruch 1815 – Hungersnot in der Zentralschweiz. In: Neue Luzerner Zeitung vom 17. April 2010.
  5. Massenarmut, Hungersnöte und Auswanderung Abschnitt des Artikels Die Industrielle Revolution auf geschichte-schweiz.ch
  6. Volker Kennemann: Das Hungerjahr 1816/17. In: An Bigge, Lenne und Fretter. Heft 25, Dezember 2005, S. 124 ff.
  7. Landesarchiv Baden-Württemberg: Findbuch zum Bestand E 191. Zentralleitung des Wohltätigkeitsvereins bzw. für Wohltätigkeit – Einführung
  8. Johannes Molitor: König Max Joseph und die Knochensuppe. In: Passauer Neue Presse vom 10. Juni 2015, S. 23, Beilage Heimatglocken. Nr. 130.
  9. Hans-Erhard Lessing: What led to the invention of the early bicycle? In: Cycle History, 11, San Francisco 2000, S. 28–36.
  10. Hans Graf: Klimaänderungen durch Vulkane ; Forschungsbericht 2002 des MPI für Meteorologie
  11. Diesen Kausalzusammenhang belegen auch andere große Vulkaneruptionen, siehe zum Beispiel Krakatau#Auswirkungen weltweit (1883).
  12. Vgl. Daniel Lingenhöhl: Erste Augenzeugen des unbekannten Vulkanausbruchs. Auf: Spektrum.de (19. September 2014).
  13. Tambora. Ein Vulkan macht Weltgeschichte. Autor: Udo Zindel, Redaktion: Detlef Clas, Regie: Hans-Peter Bögel, Wiederholung: Dienstag, 5. April 2004, 8.30 Uhr, SWR2
  14. Lord Byron: Die Finsternis (Volltext)
  15. Daniel Lingenhöhl: Der Vulkan, der den Winter brachte auf spektrum.de, abgerufen am 1. Oktober 2013.
  16. Christian Pfister: Wetternachhersage – 500 Jahre Klimavariationen und Naturkatastrophen. Januar 1999.
  17. Revolution und Weltuntergang – die Mythen um Islands Vulkane. auf zeit.de, abgerufen am 28. Mai 2014.

Kategorien: Katastrophe 1816 | Kälteanomalie | Wetterereignis (Europa) | Naturkatastrophe (19. Jahrhundert)

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