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Irrationale Zahl


Eine irrationale Zahl ist eine reelle Zahl, die keine rationale Zahl ist.

Kennzeichen einer irrationalen Zahl ist es damit, dass sie nicht als Verhältnis zweier ganzer Zahlen darzustellen ist. Die Bezeichnung „Ratio“ bedeutet hier also Verhältnis, nicht aber Vernunft. Bekannte irrationale Zahlen sind beispielsweise die Wurzel aus Zwei [math]\scriptstyle\sqrt{2}[/math] und das Teilungsverhältnis des Goldenen Schnitts. Auch die eulersche Zahl [math]e[/math] und die Kreiszahl [math]\pi[/math] sind irrationale Zahlen und darüber hinaus transzendent.

Definition

Eine reelle Zahl heißt irrational, wenn sie nicht als Bruch zweier ganzer Zahlen dargestellt werden kann; sie kann nicht als [math]\tfrac{p}{q}[/math] mit [math]p, q \in\mathbb{Z}[/math] und [math]q\neq0[/math] geschrieben werden.

Im Gegensatz zu rationalen Zahlen, die als endliche oder periodische Dezimalzahlen dargestellt werden können, sind irrationale Zahlen solche, deren Dezimaldarstellung nicht abbricht und nicht periodisch ist.

Es gibt zwei Typen von Irrationalzahlen:

Die Menge der irrationalen Zahlen lässt sich auch kurz als [math]\mathbb{R} \setminus \mathbb{Q}[/math] schreiben mit [math]\mathbb{R}[/math] als Menge der reellen Zahlen und [math]\mathbb{Q}[/math] als Menge der rationalen Zahlen. Darüber hinaus wird vielfach [math]\mathbb{I}[/math] als Zeichen für die Menge der irrationalen Zahlen verwendet.

Entdeckung der Irrationalität

Den ersten Beweis für irrationale Größenverhältnisse gab es in der griechischen Antike im 5. Jahrhundert v. Chr. bei den Pythagoreern. Definitionen für irrationale Zahlen, die den heutigen Ansprüchen an Exaktheit genügen, finden sich bereits in den Elementen von Euklid. Übersetzungen in die heutige Sprache der Mathematik gaben zuerst Karl Weierstraß und Richard Dedekind an.[1]

Hat man ein Quadrat mit der Seitenlänge [math]1[/math] und berechnet dessen Diagonale [math]d[/math], folgt aus dem Satz des Pythagoras [math]d^2 = 1^2 + 1^2 = 2[/math]. Die positive Lösung dieser Gleichung bezeichnet man heute mit [math]\sqrt{2}[/math]. Für griechische Mathematiker stellte sich die Frage, ob sich die Länge dieser Diagonalen exakt durch ein Verhältnis zweier natürlicher Zahlen [math]p[/math] und [math]q[/math], also einen Bruch [math]p/q[/math], darstellen lässt. Ein Beweis durch Widerspruch, der auch heute noch in der Schule gelehrt wird, ist uns von Euklid überliefert. Ob die Entdeckung der Irrationalität durch Anwendung des pythagoräischen Lehrsatzes aufs Quadrat erfolgte oder, wie Kurt von Fritz meinte, durch stetige Teilung am Pentagramm, ist unbekannt.[2]

Die ältere wissenschaftsgeschichtliche Forschung nahm an, dass die Entdeckung der Irrationalität zu einer „Grundlagenkrise“ der damaligen griechischen Mathematik oder der pythagoreischen Zahlenlehre führte. Man sei nämlich vorher von der Grundvoraussetzung ausgegangen, dass alles durch ganzzahlige Zahlverhältnisse ausdrückbar sei, und die Widerlegung dieser Ansicht habe das Weltbild der Pythagoreer erschüttert. Damit wurde eine antike Legende in Zusammenhang gebracht, wonach der Pythagoreer Hippasos von Metapont im 5. Jahrhundert v. Chr. durch die schriftliche Bekanntmachung dieser Entdeckung einen Geheimnisverrat begangen habe und später im Meer ertrunken sei, was als göttliche Strafe gedeutet wurde. Ein Teil der Quellen überliefert, Hippasos selbst habe die Irrationalität entdeckt. Wissenschaftshistoriker gehen heute davon aus, dass es eine solche Krise nicht gegeben hat und die Irrationalität nicht als Geheimnis betrachtet wurde. Eine mögliche Erklärung der Verratslegende ist, dass sie durch ein Missverständnis entstand, weil das griechische Eigenschaftswort, das für „irrational“ (im mathematischen Sinn) verwendet wurde, zugleich die Bedeutungen „unsagbar“ und „geheim“ hatte.[3] Tatsache ist aber auch, dass sich die griechische Mathematik in der Zeit nach Hippasos grundlegend veränderte.

Zahlen, deren Irrationalität bewiesen ist

  • Schon der Pythagoreer Archytas bewies die Irrationalität von [math]\sqrt{\tfrac{m+1}{m}}[/math] für natürliche Zahlen [math]m[/math]. Der Beweis für den Fall [math]\sqrt{2}[/math] ist in Euklids Elementen überliefert (Euklids Beweis der Irrationalität der Wurzel aus 2). Den Satz des Archytas verallgemeinerte Euklid selbst in seiner Musiktheorie, in der er die Irrationalität beliebiger Wurzeln [math]\sqrt[n]{\tfrac{m+1}{m}}[/math] bewies.
  • Eine weitere wichtige quadratische Irrationalität ist der Goldene Schnitt [math]\Phi = \frac{1+\sqrt5}2[/math].
  • Die Eulersche Zahl [math]e = \lim_{n\to\infty}\left(1+\frac1{n}\right)^n[/math] ist irrational. Dies hat Leonhard Euler 1737 bewiesen. Ihre Transzendenz wurde 1873 von Charles Hermite bewiesen.
  • 1761 bewies Johann Heinrich Lambert die Irrationalität der Kreiszahl [math]\pi[/math], ihre Transzendenz wurde 1882 von Ferdinand von Lindemann bewiesen.
  • Die nichtganzzahligen Nullstellen eines normierten Polynomes [math]x^n+a_{n-1}x^{n-1}+\dotsb+a_0[/math] mit ganzzahligen Koeffizienten sind irrational. Insbesondere sind die Quadratwurzeln aus Nichtquadratzahlen [math]\sqrt2,\sqrt3,\sqrt5,\sqrt6,\dotsc[/math] irrational.
  • Im Jahr 1979 bewies Roger Apéry die Irrationalität der Apéry-Konstante: [math]\zeta(3)=\sum_{n=1}^\infty \frac{1}{n^3}[/math]
  • [math]e^{\pi}[/math] ist transzendent (siehe Satz von Gelfond-Schneider).
  • [math]2^{\sqrt2}[/math] ist transzendent, dies hat Carl Ludwig Siegel bewiesen.
  • Die Transzendenz von [math]{\sqrt2}^{\sqrt2}[/math] (wie auch von [math]2^{\sqrt2}[/math]) folgt aus dem Satz von Gelfond-Schneider.
  • Die lemniskatische Konstante [math]\varpi = 2{,}622057\ldots[/math] ist transzendent (Theodor Schneider, 1937).

Zahlen, deren Irrationalität vermutet wird

Die Irrationalität der Zahlen [math]\pi+e, \pi-e, \pi\cdot e, \pi/e[/math] wird vermutet, ist aber noch nicht bewiesen. Man kann aber leicht sehen, dass mindestens eine von einer beliebigen Paarbildung irrational sein muss. Dies gilt allgemein für zwei beliebige transzendente Zahlen a und b.

Es ist sogar für kein einziges Paar ganzer, von [math]0[/math] verschiedener Zahlen [math]m[/math] und [math]n[/math] bekannt, ob [math]m\cdot \pi+n\cdot e[/math] irrational ist. Bekannt ist jedoch, dass im Falle der Existenz rationaler Linearkombinationen der Wert [math]m/n[/math] einen konstanten Wert annimmt. Weiterhin ist unbekannt, ob [math]2^e[/math], [math]\pi^e[/math], [math]\pi^\sqrt{2}[/math], [math]\pi^\pi[/math], [math]e^e[/math] oder die Eulersche Konstante [math]\gamma = 0{,}5772\ldots[/math] irrational sind. Es erscheint jedoch sinnvoll, dies zu vermuten.

Die Überabzählbarkeit der irrationalen Zahlen

Wie das erste Diagonalargument von Cantor zeigt, ist die Menge der rationalen Zahlen abzählbar; es gibt also eine Folge rationaler Zahlen, die jede rationale Zahl enthält. Cantors zweites Diagonalargument beweist, dass es überabzählbar viele reelle Zahlen gibt. Das bedeutet aber gleichzeitig, dass es überabzählbar viele irrationale Zahlen geben muss; denn andernfalls wären die reellen Zahlen als Vereinigung zweier abzählbarer Mengen selbst abzählbar.

Cantor hat weiter gezeigt, dass auch die Menge der algebraischen Zahlen, wozu alle Wurzelausdrücke gehören, noch abzählbar ist. Darüber hinaus gilt auch, dass die algebraische Hülle jeder abzählbaren Teilmenge der reellen oder komplexen Zahlen (solche Mengen können insbesondere auch aus transzendenten Zahlen bestehen) ebenfalls abzählbar ist, also sicher nicht alle reellen Zahlen enthält.

Weblinks

 Commons: Irrationale Zahlen  – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Lucio Russo: Die vergessene Revolution oder die Wiedergeburt des antiken Wissens. Springer, Berlin/Heidelberg/New York 2005, ISBN 978-3-540-20938-6, S. 53–56.
  2. Walter Burkert: Weisheit und Wissenschaft: Studien zu Pythagoras, Philolaos und Platon. Carl, Nürnberg 1962, S. 430–440.
  3. Walter Burkert: Weisheit und Wissenschaft: Studien zu Pythagoras, Philolaos und Platon. Carl, Nürnberg 1962, S. 436 f.

Kategorien: Zahl | Zahlentheorie

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