Ingrid Babendererde. Reifeprüfung 1953 - LinkFang.de





Ingrid Babendererde. Reifeprüfung 1953


Ingrid Babendererde. Reifeprüfung 1953 ist das Erstlingswerk des Schriftstellers Uwe Johnson, das erst nach seinem Tod veröffentlicht wurde.

Einordnung, geschichtlicher Kontext

Die Erstfassung der Erzählung wurde schon 1953/54 geschrieben, aber nach mehreren Verlagsabsagen in Ost (Mitteldeutscher Verlag) wie West (Suhrkamp) erst 1985 aus dem Nachlass publiziert; Johnson starb im Februar 1984.

Ähnlich seinem 1959 veröffentlichten Roman Mutmassungen über Jakob schildert der Autor die Situation der Menschen im geteilten Deutschland in der Zeit des Kalten Krieges und lässt seine Protagonisten über die Möglichkeiten eines undogmatischen, demokratischen Sozialismus diskutieren. Die Handlungen spielen jeweils im Kontext der gescheiterten Reformbemühungen in der DDR und anderen Ostblockstaaten: 17. Juni 1953 und Volksaufstand in Ungarn 1956. In seinem vierbändigen Hauptwerk, den Jahrestagen, welches Figuren und Motive der frühen Romane aufgreift und erweitert, setzt Johnson diese Thematik im New York der Jahre 1967/1968 vor dem Hintergrund des Prager Frühlings fort.

Am 5. März 1953 war Stalin gestorben; in der KPdSU hatte ein Triumvirat die Führung übernommen (von denen sich später Chruschtschow durchsetzte).

Bei Gesprächen, die vom 2. bis 4. Juni 1953 dauerten, befahl die die Führung der Sowjetunion einer dreiköpfigen Delegation der DDR-Führung (Generalsekretär Ulbricht, Ministerpräsident Grotewohl und Mitglied des Politbüros Fred Oelßner) einen Kurswechsel.[1] In Moskau sah man Indizien, dass ein Volksaufstand kurz bevorstand.[2]

Am 11. Juni wurde der „Neue Kurs“ des Politbüros im Neuen Deutschland, dem Zentralorgan der SED, verkündet.[3] Er wurde in Teilen der Bevölkerung als „Bankrotterklärung der SED-Diktatur“ gedeutet.[4]

Bis dahin hatte das SED-Regime unter Walter Ulbricht (und der von ihm geprägten Formulierung des „planmäßigen Aufbaus des Sozialismus“ ) eine „Sowjetisierung“ der Gesellschaft und eine Stärkung der Staatsmacht nach sowjetischem Vorbild vorangetrieben. Siehe auch Entstalinisierung#DDR.

Inhalt

Uwe Johnson beschreibt in Ingrid Babendererde die Geschichte einer Abiturientenklasse in einer fiktiven mecklenburgischen, in den Jahrestagen als Wendisch-Burg bezeichneten, Kleinstadt in der DDR. Die Geschehnisse stehen im Zusammenhang mit dem so genannten Kirchenkampf und konzentrieren sich vorwiegend auf die Woche vor den Reifeprüfungen. Sie werden ausgelöst durch Elisabeth Rehfelde, ein Mitglied der Jungen Gemeinde, die ihr FDJ-Mitgliedsbuch einem Funktionär vor die Füße wirft, worauf Schulleitung und Parteigremien ein Disziplinarverfahren einleiten und die Schüler zu linientreuer Abstimmung zu verpflichten suchen. Wie in den Mutmassungen repräsentieren die Protagonisten drei typische Haltungen: Direktor Siebmann vertritt die dogmatische Position mit einer klaren Freund-Feind-Polarität: In Zeiten der Bedrohung der DDR durch kapitalistische Aggressoren, die sich der Jungen Gemeinde als Agenten bedienten, müsse jeder Bürger das sozialistische System bedingungslos stützen. Demgegenüber stehen die kritischen Schüler der kirchlichen Jugendorganisation, aber auch die Freundesgruppe Ingrid, Klaus und Jürgen mit ihrem bisher äußerlich mehr oder weniger angepassten Verhalten. Jürgen Petersen versteht prinzipiell Siebmanns Argumente, aber nicht dessen radikale Methode der Bestrafung und der Indoktrinierung. Z. B. fordert der Direktor von Ingrid Babendererde einen Beitrag auf der Schulversammlung gegen die Junge Gemeinde und zwingt sie damit zur Parteinahme. Sie setzt sich jedoch in ihrer, das Sozialismusverständnis der SED und des Schulleiters kontrastierenden, Rede für individuelle Spielräume und Meinungsfreiheit ein. Ingrid, ebenso Elisabeth, wird einen Tag vor dem Abitur der Schule verwiesen. Als Reaktion darauf flieht sie gemeinsam mit ihrem Freund Klaus Niebuhr in den Westen: in „jene Lebensweise, die sie ansehen für die falsche“.[5] Beide bestehen eine Reifeprüfung der besonderen Art.

Struktur und Erzählform

Der Roman ist in 4 Teile mit jeweils einleitenden, kursiv gedruckten Abschnitten über die Flucht der Protagonisten gegliedert. Die Haupthandlung und Informationen zur Vorgeschichte und Biographie der Figuren werden in Rückblicken erzählt, und zwar in der Er-Form mit auktorialen Stilelementen sowie in Personaler Erzählform aus verschiedenen, häufig wechselnden Perspektiven: v. a. Ingrids, Klaus’ und Jürgens, aber auch anderer Personen wie Ingrids Mutter, Frau Petersens oder des Lehrers Sedenbohm. In diese Abschnitte eingeschoben sind Dialoge und Innere Monologe. Ein weiteres Merkmal ist die in Beziehung zu den Personen und ihren Aktionen stehende Naturmetaphorik.

Rezeption

Siegfried Unseld rechtfertigt im Nachwort [6] seine, wahrscheinlich für die intellektuelle Szene in der damaligen BRD symptomatische, Ablehnung des Romans (1957): „Sicher waren es außerliterarische Kriterien, die mir den Zugang zum Text versperrten. Die Fremde des Milieus, die vertrackte Provinzialität dieser Kleinstadt, die vielen Textpassagen im Mecklenburgischen Platt […] Nichts anfangen konnte ich auch mit der verschmockten Aufsässigkeit dieser Abiturklasse, mit der Backfischseligkeit der Beziehung von Ingrid zu Klaus, der ‚Ingridspott‘ und die ‚Ingridschönheit‘ waren mir unangenehm, die ganze, so kompliziert geschilderte Geschichte transportierte für mich, der ich in dieser Zeit die großen amerikanischen Erzähler, Thomas Wolfe, Faulkner und Hemingway, entdeckte, mit einem Wort zu wenig Welt. […] ich wehrte mich gegen eine parteiliche Atmosphäre […] und irrtümlich wurde mir diese Darstellung nicht als Kritik des Autors deutlich. Ich wehrte mich auch gegen die Voreingenommenheit der jungen Flüchtlinge, die mit ihren 18 Jahren nach West-Berlin übersiedelten, schon wissend, dass ‚sie umstiegen in jene Lebensweise, die sie ansehen für die falsche‘.“

Nach der posthumen Publikation zeigten Literaturkritiker für die Erstlingsarbeit eines 18/19-jährigen Autors mehr Verständnis: „Es ist schlechthin unmöglich, dieses Buch zu lesen, ohne Staunen über soviel Talent […], soviel Heiterkeit. Ohne Bewunderung für soviel politischen Charakter und soviel ironische Genauigkeit.“ (Joachim Kaiser in der Süddeutschen Zeitung[7]). „Es ist schön, dass dieses Buch […] uns kundig macht über die Versuche eines neunzehnjährigen Schreibers, der uns Wissen und Gewissen über eine schlimme Zeit verschafft hat. Uwe Johnson ist ein Schriftsteller, der macht, dass wir nicht vergessen“ (Klaus Podak in der Süddeutschen Zeitung[8]).

Literatur

  • Beate Wunsch: Studien zu Uwe Johnsons früher Erzählung Ingrid Babendererde. Reifeprüfung 1953. Frankfurt am Main 1991 (= Literarhistorische Untersuchungen Band 18) ISBN 3-631-43309-3.

Einzelnachweise

  1. Gerhard A. Ritter: Der »17. Juni 1953« - Eine historische Ortsbestimmung. In: Volkserhebung gegen den SED-Staat - Eine Bestandsaufnahme. A.a.O., S. 26.
  2. Der neue Hohe Kommissar Wladimir Semjonow – der ranghöchste sowjetische Vertreter in der DDR (der DDR-Führung faktisch übergeordnet) lehnte Bitten von SED-Politikern um einen vorsichtigeren und langsameren Kurswechsel ab - mit dem Satz „In 14 Tagen werden Sie vielleicht schon keinen Staat mehr haben“
  3. Ritter, a.a.O. S. 24
  4. Ritter, a.a.O. S. 25
  5. Unseld, Siegfried: Die Prüfung der Reife im Jahre 1953. Nachwort zu: Uwe Johnson: Ingrid Babendererde. Suhrkamp Frankfurt a.M. 1985, S. 259.
  6. Unseld, Siegfried: Die Prüfung der Reife im Jahre 1953. Nachwort zu: Uwe Johnson: Ingrid Babendererde. Reifeprüfung 1953. Suhrkamp Frankfurt a. M. 1985, S. 258f.
  7. Uwe Johnson: Ingrid Babendererde. Reifeprüfung 1953. Suhrkamp Frankfurt a. M. 1985, S. 4.
  8. Uwe Johnson: Ingrid Babendererde. Reifeprüfung 1953. Suhrkamp Frankfurt a.M. 1985, Rückseite.

Weblinks

Wendisch Burg

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Quelle: Wikipedia - http://de.wikipedia.org/wiki/Ingrid Babendererde. Reifeprüfung 1953 (Vollständige Liste der Autoren des Textes [Versionsgeschichte])    Lizenz: CC-by-sa-3.0

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