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Indianische Mythologie und Literatur Nordamerikas


Die indianische Mythologie und Literatur Nordamerikas umfasst die mündlich überlieferten Erzähltraditionen und die Schriftzeugnisse der Indianer, die in den USA und Kanada leben. Die Texte können in einer der 300 bis 500 Stammessprachen formuliert sein, auf Englisch oder Französisch.

Mündlich überlieferte Traditionen

Die orale Tradition lässt sich in zwei große Bereiche unterteilen: die religiöse Literatur und die weltliche. Während die religiösen Texte Kontinuität wahren sollen, aber auch nicht immer wortwörtlich reproduziert werden, gibt es bei den weltlichen eine große Vielfalt, abhängig von individueller Kreativität.

Die Indianer entwickelten keine Schrift, wenngleich es zu Felsmalereien und Nachrichtensystemen kam, die Piktogramme benutzten, eine Art Stenogramm auf Kerbstöcken, Perlenstickereien oder Knotenschnüren.

Zur religiösen Literatur und Mythologie der Indianer gehören je nach Stamm verschiedene Mythen, Legenden, Kultdramen und heilige Gesänge. Sie behandeln die Schöpfung der Welt, das Höchste Wesen und seine Helfer und Gegenspieler, Naturkräfte. Oft dürfen sie nur von bestimmten Personen erzählt und an auserwählte Menschen weitergegeben werden. Der Schöpfungsmythos der keressprachigen Pueblo-Indianer berichtet, wie die Muttergöttin Iyatiku ihre Kinder, die Pueblo, durch vier unterirdische Zonen hinauf in die Menschenwelt schickt. Die kalifornischen Miwok halten Großvater Kojote für den Schöpfer der Menschen, die er aus Vogelfedern erschafft. Für die Irokesen fällt die Mutter aller Menschen vom Himmel auf die von der Schildkröte aus dem Meer gezogene Erde. Dieser Mythos darf nur von der Mutter auf die Tochter vererbt werden. Zentrale Bedeutung in den Mythen haben der Kojote, der Bison, Tricksterfiguren. Anlässe für das Anstimmen heiliger Gesänge sind Initiationen von Jungen oder Mädchen ins Erwachsenenalter, Jagd oder Ernte, Hochzeit, Tod, Krieg und Friedensabkommen.

Zu den weltlichen Traditionen gehören Märchen, Lieder für alle Gelegenheiten (Wiegenlieder, Arbeitslieder zum Beispiel bei der Maisernte, Liebeslieder) und Reden. Einer der großen Rhetoriker der Seneca wie der Indianer allgemein war Red Jacket (um 1756–1830), den die Franzosen seiner Zeit bewunderten.

Über den jeweiligen Stamm hinaus an die Weißen vermittelt wurden die oralen Traditionen zunächst durch Missionare (französische Jesuiten in Kanada), Militärs oder Händler wie den Engländer William Henry, der 1755 Gefangener der Irokesen war. Die frühen Zeugnisse gaben die Indianertradition oft entstellt oder mit polemischen Kommentaren wieder. Nach 1800 zeichneten Indianer ihre Traditionen zunehmend schriftlich auf, oft als Teil einer Autobiographie. Nun interessieren sich auch weiße Wissenschaftler für die indianische Literatur als wertvolle Kulturzeugnisse und Teil der Weltliteratur. Die ersten Übersetzungen indianischer Lyrik publizierte ab 1839 Henry Rowe Schoolcraft im Rahmen ethnographischer Werke. Sie dienten Henry Wadsworth Longfellow als Grundlage für sein Epos über den Kulturheros Hiawatha als Erfinder einer Indianerschrift. Wichtige frühe Sammlungen waren: D. G. Brinton, Library of Aboriginal American Literature, 8 Bände (1882–90), ders., American Hero-Myths (1882); E. Petitot, Traditions Indienne du Canada du Nord-Ouest(1886); Natalie Curtis, The Indians' Book (1907)

In der Gegenwart lebt die Erzähl- und Redetradition nicht nur durch Feste und Rituale wie das Potlatch fort, sondern wird durch indianereigene Medien gefördert. So gibt es rund 30 Radiosender wie den Reservatssender KTNN in Arizona, der den Diné gehört.

Schriftzeugnisse 17. bis frühes 20. Jahrhundert

Mit Einsetzen der Kolonisierung entstanden vereinzelt indianische Schriftsysteme bei den nordkanadischen Völkern (Carrier-Schrift). 1819 erfand der Cherokee Sequoyah (um 1770–1843) eine Silbenschrift aus 85 Zeichen, die bis 1903 in den stammeseigenen Schulen unterrichtet wurde.

Indianisches Schreiben bewegt sich zwischen Anpassung an die Kultur der weißen Eroberer und Kampf. Die Autoren möchten die vielen indianischen Splittergruppen einigen und setzen sich ein für Landbesitz, Menschenrechte für die so genannten zweibeinigen Panther, letztlich das schiere Überleben im amerikanischen Völkermord. Indianer eigneten sich dazu die Waffen der Weißen an, einschließlich Schrift, Zeitungen und Literatur.

So erschien schon 1828–34 der Cherokee Phoenix, eine Wochenzeitung. Der Herausgeber Elias Boudinot (1804–39) verfasste die Artikel in Cherokee und Englisch und hatte Abonnenten auch in Europa. Boudinet diskutierte die Umsiedlung der Cherokee und anderer Stämme nach Oklahoma, ohne sie verhindern zu können. In der Kurzgeschichte Poor Sarah, or The Indian Woman (1833) propagierte Boudinot die Notwendigkeit der Schulbildung. Der Yavapai Carlos Montezuma (1866–1923) war studierter Arzt und gab von 1916 bis 1923 den Wassaja heraus, ein Kampfblatt, das den Indianern Respekt verschaffte.

Zeugnisse der Assimilation stammen aus den Reihen von Indianern, welche Missionsschulen besuchten: Predigten, Briefe, Tagebücher und Lebensgeschichten. Samson Occom (1723–92), ein Mohegan, publizierte als erster eine Predigt A Sermon Preached at the Execution of Moses Paul, an Indian (1772). Postum erschien Occoms Autobiografie, in der er die weiße Indianerpolitik kritisierte.

Nach dem Ende des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges interessierten sich gerade die US-Amerikaner zunehmend für Indianer als Gegner wie als Vorbild oder Mitmenschen. Besonders Indianer-Autobiographien waren gefragt. Teils wurden sie von Weißen schriftlich fixiert, wie die von Black Hawk (1833), Geronimo (1906) oder Crashing Thunder (1926, von Paul Radin). Teils wurden solche Autobiographien auch von Indianern autonom verfasst. William Apes, ein Pequot, beschrieb in A Son of the Forest 1829 Indianer als Repräsentanten von Natur und Natürlichkeit, deren Leben von Gewalt und Kulturverlust gezeichnet ist. Meist zeigen diese Lebensgeschichten weniger das Individuum als den Repräsentanten des Indianervolks.

Vom Tuscarora David Cusick stammt die erste Stammesgeschichte: Sketches of the Ancient History of the Six Nations (1825–27). Der Mahican Hendrick Aupaumut schuf historische Essais, die er 1827 in A Short Narration of My Last Journey to the Western Country veröffentlichte. Die Seneca Maris Bryant Pierce schilderte 1838 das zeitgenössische Leben ihres Volkes in Adress on the Present Condition and Prospects of the Aboriginals Inhabitants of North America…. Den ersten Roman eines Indianers lieferte 1854 Yellow Bird alias John Rollin Ridges mit Life and Adventures of Joaquin Murieta. George Copway, ein kanadischer Anishinabe, betätigte sich als Zeitungsherausgeber, Sachbuchautor und Dichter. Die Pauite Sarah Winnemucca verfasste 1883 die Autobiographie Life among the Piutes: Their Wrongs and Claims.

Emily Pauline Johnson (kanadische Mohawk) veranstaltete dramatische Lesungen in Kanada, USA und Europa. Ihre Kurzgeschichten stellten häufig Frauen ins Zentrum und erschienen 1913 in The Mocassin Maker. Johnson publizierte etliche Gedichtbände: The White Wampum (1895), Canadian Born (1903) und Flint and Feather (1917, Postum).

Der Roman Queen of the Woods (1899) wird dem Potawatomi Simon Pkagon zugeschrieben, von dem die Rede The Red Man’s Greeting (1892 anlässlich der Weltausstellung in Chicago) stammte.

Im beginnenden 20. Jahrhundert publizieren indianische Intellektuelle ihre Lebensgeschichten, um die Stereotype des Indianerbildes aufzuheben. Unter ihnen sind die Sioux Charles Eastman und Luther Standing Bear, der Omaha Francis La Flesche und der indianisch-afroamerikanische Autor Buffalo Child Long Lance besonders hervorzuheben. Letzterer hatte sich als Indianer ausgegeben und dadurch erhebliche persönliche Vorteile erschleichen können [1] [2] (nicht zu verwechseln mit Silkirtis Nichols, der sich ebenfalls „Buffalo Child Long Lance“ nennt, manchmal nur „Buffalo Child“.[3], [4])

Moderne Indianische Literatur im 20./21. Jahrhundert

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Stimmung günstiger für die Indianer und ihr Engagement trug Früchte:

  • 1924 erhielten die Indianer die Staatsbürgerschaft der USA
  • 1928 wurde Charles Curtis, ein Kansa, Vizepräsident unter Hoover
  • 1934 wurde in den USA der Indian Reorganization Act verabschiedet, der die Aufteilung der Reservate verhindern sollte und den Indianern ein größeres Maß an Selbstbestimmung einräumte.

In den USA wie in Kanada kam es allerdings in den 1960er und 1970er Jahren zu Rückschlägen, weil Privilegien der Indianer abschgeschafft werden sollten. Kanada erklärte gelegentlich einen Stamm schlichtweg für nicht mehr existent, um das Reservat nicht länger unterstützen zu müssen. Indianer reagierten mit verstärkten Protesten.

In der indianischen Literatur wurde die Autobiographie weiter gepflegt. Es entwickelte sich daneben ein größeres Spektrum an Gattungen: Lyrik, Erzählungen, Romane und Dramen. Die Autoren behandelten mehr und mehr über die Stammesgeschichte und die Indianerthematik hinaus allgemeine gesellschaftliche Themen und versuchten sich in modernen Gattungen wie dem Kriminalroman. Todd Downing verfasst bereits in den 1930er Jahren Krimis. Bekannt wurde vor allem Martin Cruz Smith mit Gorky Park (1981).

Bis heute nichts von ihrer Popularität eingebüßt hat die Lebensgeschichte von Black Elk alias John G. Neihardt Black Elk Speaks, Being the Lifestory of a Holy Man of the Oglala Sioux (1932). Das Werk schilderte die Biografie eines Angehörigen einer starkem Umbruch ausgesetzten Generation, die eingebettet in seine Jugendvision und aus ihr heraus gesehen wird. Als erster indianischer Dramatiker verfasste Lynn Riggs Green Grow the Lilacs (1931). Das Stück bildete die Basis für das Musical Oklahoma! das 1943 am Broadway begeisterte. Ein weiterer Broadway-Erfolg wurde Riggs' Borned in Texas (= Roadside, 1930). Das Drama The Cherokee Night (1936) drehte sich um Indianer in Oklahoma. Später schrieben auch Gerald Vizenor, Leslie Marmon Silko, James Welch und Linda Hogan Dramen. Als bekanntester indianischer Bühnenautor galt inzwischen Hanay Geiogamah mit Foghorn, 49 und Body Indian (1980).

Mourning Dove publizierte den Roman Cogewea, the Half-Blood (1927). De Indianerin Christine Quintasket teilte sich die Autorschaft wohl mit einem weißen Förderer.

Sundown, ein Roman des Naturwissenschaftlers John Joseph Mathews von 1934, blieb mit seinem Protagonisten bis in die 1980er Jahre exemplarisch. Er schilderte einen jungen Halbindianer, der seine Identität finden musste. Entschied er sich zunächst für die weiße Welt, so wandte er sich schließlich doch wieder seinen indianischen Wurzeln zu. Eine ähnliche Problematik fand sich immer wieder auch bei Angehörigen anderer nordamerikanischer Ethnien wie den Afroamerikanern oder Juden. Noch Philip Roth behandelte die Konfliktsituation am Beispiel von Coleman Silk in Der menschliche Makel im Jahre 2000.

Um 1970 kam es zu einer Renaissance der Indianer. Den Boom leiteten die Lyriker Simon J. Ortiz, Duane Niatum und James Welch ein.

N. Scott Momaday, ebenfalls maßgeblich für die literarische Renaissance, wurde für seinen Erstlingsroman House made of Dawn (1968) mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Er hatte mit einem weiteren Werk, Im Sternbild des Bären auch in Deutschland Erfolg.

Die Grenzen zwischen Autobiographie, Fiktion und Lyrik verwischten sich im Werk vieler Autoren wie bei Momaday (The Names, 1976), Leslie Marmon Silko (Storyteller, 1981), Gerald Vizenor (Interior Landscapes: Autobiographical Myths and Metaphers, 1990) oder Ray A. Young Bear (Black Eagle Child, 1992).

Ein wortgewandter Autor ist Hyemeyohsts Storm, dessen früher historischer Roman Sieben Pfeile (1972) unter den Cheyenne umstritten ist. 1994 publizierte Storm die Autobiographie Lightning Bolt.

Neben Dramen und Lyrik schrieb die Laguna-Pueblo Leslie Marmon Silko auch Romane. 1977 führte sie in Ceremony die mythische Schöpferfigur Thought Woman als Erzählerin ein. Der Roman Almanac of the Dead (1991) stellte eine Moralgeschichte Nord- und Südamerikas dar.

Die Romane von James Welch Winter in the Blood (1974) und The Death of Jim Loney (1979) verbanden realistische Schilderungen mit schwarzem Humor. In The Indian Lawyer (1990) gestaltete er einen Gesellschaftsroman zum modernen Amerika, in dem er Liebe, Politik und Kriminalität verknüpfte.

Paula Gunn Allen formulierte feministische Positionen in ihren Werken wie The Woman Who Owned the Shadows (1983). Mit „Slash“ schrieb Jeannette C. Armstrong 1985 den ersten kanadisch-indigenen Roman, der mittlerweile auch auf Deutsch vorliegt. Dieser Roman spiegelt anhand der Geschichte zweier Okanagan-Jugendlichen die indigene Red-Power-Bewegung der 1960er und 1970er Jahre wider.

Louise Erdrich brach mit den Mustern indianischer Bildungsromane und entwickelte einen eigenen Kosmos des phantastischen Realismus, in dem sich Indianer und Weiße begegnen. Erdichs Protagonisten können sich auf keine Tradition stützen, müssen sich selbst erfinden.

In den 1990ern kamen Einblicke in die indianische Frauenbewegung durch die Lakota Mary Crow Dog mit ihren autobiographischen Werken Lakota Woman (1990) und Ohitika Woman (1993), die neben anderen Aspekten der Geschlechterverhältnisse in der indianischen und der weißen nordamerikanischen Kultur die Rolle von Frauen im Aufstand der amerikanischen indianischen Bewegung gegen Menschenrechtsverletzungen in den USA 1973 am Wounded Knee herausarbeiten und in Zusammenarbeit mit einem Menschenrechtler (Richard Erdoes) entstanden, auch im deutschsprachigen Raum zu Bekanntheit.

Mit zahlreichen Auszeichnungen versehen ist Sherman Alexie, der zahlreiche Gedichte, Kurzgeschichten und Romane geschrieben hat. Eine seiner Kurzgeschichten ist die Grundlage für den Film „Smoke Signals“. Er legt schonungslos und mit oft schwarzem Humor die tristen Zustände und Zerrissenheiten von Reservats- und Stadtindianern offen.

Weitere zeitgenössische Roman-Autoren und Werke sind: Linda Hogan (Mean Spirit, 1990), Louis Owens (Wolfsong, 1991), Thomas King (Medicine River, 1990; Green Grass, Running Water, 1993) und Gerald Vizenor (Darkness in Saint Louis Bearheart, 1978; The Trickster of Liberty, 1988).

Literatur

  • Werner Arens und Hans-Martin Braun (Hrsg.): Der Gesang des Schwarzen Bären, Lieder und Gedichte der Indianer. München: Beck-Verlag 1992, ISBN 3-406-36736-4
  • Wolfgang Hochbruck: I Have Spoken, Die Darstellung und ideologische Funktion indianischer Mündlichkeit in der nordamerikanischen Literatur, Tübingen: Gunter Narr Verlag 1991
  • Karen L. Kilcup (Hrsg.): Native American Women's Writing, 1800-1924, An Anthology. Oxford: Blackwell 2000, ISBN 0631205187
  • Hartmut Krech (Hrsg.): IndianerLeben, Indianische Frauen und Männer erzählen ihr Leben. Norderstedt: Books on Demand 2009, ISBN 9783839110478
  • Holger Möllenberg: Die Rhetorik indianischer Literatur: gedankliche Voraussetzungen moderner Literatur der Indianer Nordamerikas und ihre rhetorische Verwendung zur Beeinflussung einer differenzierten Leserschaft. Frankfurt/Main: R.G. Fischer 1982
  • Hubert Zapf (Hrsg.): Amerikanische Literaturgeschichte. Stuttgart: Metzler-Verlag 2004, ISBN 3-476-02036-3
  • Renate Zwillus: Today talks in yesterday's voice: zentrale Themen und ihre erzählerische Gestaltung im indianischen Roman der Gegenwart. Frankfurt/Main: Lang 1989

Indigene über indigene Literatur

Siehe auch

Weblinks

Quellen

  1. Chief Buffalo Child Long Lance
  2. The Glorious Impersonator
  3. 90 Jahre Karl-May-Verlag
  4. Cherokee Wigwam

Kategorien: Amerikanische Mythologie | Indianische Kultur | Literatur (Vereinigte Staaten)

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