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Heuerlingswesen


Heuerlingswesen bezeichnet eine in Westfalen und in Nordwestdeutschland vom 17. Jahrhundert bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts häufige, zeitweise und mancherorts bestimmende Ausprägung der Agrarverfassung samt deren sozial-, wirtschafts- und siedlungsgeschichtliche Voraussetzungen und Folgen. Die rechtliche Grundlage waren Verträge zwischen Bauern und Heuerleuten, die dem Bauern billige Arbeitskraft und den Heuerleuten ein Dach über dem Kopf und ein Stück Ackerland verschafften. Diese Verträge waren z.T. jährlich kündbar.

Geschichte

Das Heuerlingswesen breitete sich in Westfalen und in Nordwestdeutschland seit dem Ende des 16. Jahrhunderts und vor allem in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts aus. Auf Hofstellen, die u.a. infolge des Dreißigjährigen Krieges wüst geworden waren, wurde – zunächst in leerstehenden Spiekern, Backhäusern und anderen Nebengebäuden – eine neue soziale Schicht „angesetzt“: die Heuerlinge.[1] Sie waren weder Bauern (Eigentümer oder Besitzer des bewirtschafteten Landes) noch deren auf dem Hof lebende Knechte, sondern ländliche Mieter. In der Grafschaft Ravensberg machten Heuerlingsfamilien um 1770 bereits zwei Drittel der gesamten Bevölkerung aus.[2]

Zur Abgeltung ihres Wohnrechtes und der Nutzung ihrer kleinen, vom Bauern gepachteten Ackerflächen waren die Heuerleute – oft auf Abruf – verpflichtet, „ihrem Bauern“ zur Hand zu gehen, insbesondere in der Erntezeit.[3] Die eigene kleine Landwirtschaft reichte fast nie aus, um das Überleben der oftmals kinderreichen Heuerlingsfamilien zu sichern. Für viele Heuerleute und deren Kinder war es ein Leben am Rande der Existenz.

Schon seit Ende des 17. Jahrhunderts mussten sich die Männer aus den Heuerlingsfamilien im Münsterland, im Emsland, im Oldenburger Münsterland und im Osnabrücker Land als sogenannte Hollandgänger, als Saisonarbeiter in der Fremde, verdingen. In Ostwestfalen verdienten sich die Heuerlingsfamilien ein Zubrot durch Heimarbeit als Spinner und Weber im Verlagssystem.[4]

Angehörige von Heuerlingsfamilien machten einen Gutteil der Auswanderer aus, die im 19. Jahrhundert in der Hoffnung auf ein besseres Leben vor allem in den Vereinigten Staaten von Amerika, aber auch in Südbrasilien in großer Zahl ihre westfälische Heimat verließen.[5]

Zur Zeit der Weimarer Republik begannen die Heuerlingsfamilien sich in sogenannten Heuerlingsvereinen zu organisieren, um ihre soziale Not politisch zu bekämpfen. Dieses Aufbegehren wurde nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten mittels zwangsweiser Gleichschaltung und Eingliederung in den sogenannten Reichsnährstand beendet.[6] Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs dem beginnenden „Wirtschaftswunder“ in den 1950er Jahren und den zunehmend besseren Verdienstmöglichkeiten in Handwerk und Industrie verschwand das Heuerlingswesen fast über Nacht. Die Bauern mussten billige menschliche Arbeitskraft durch den Einsatz von Maschinen ersetzen.

Literatur

Monographien

  • Lisa Borker: Dalum und die Heuerleute. 2. Aufl. Sögel 1998.
  • Johannes Drees: Die Bedeutung des Heuerlingswesens innerhalb der landwirtschaftliche Lohnverfassung, mit besonderer Rücksichtnahme auf die Verhältnisse im Kreise Osnabrück. Diplomarbeit, Universität Göttingen 1922.
  • Martin Meyer-Johann: Kritische Untersuchungen über das Heuerlingswesen, insbesondere die Einwirkungen der Kriegs- und Nachkriegszeit auf dasselbe in Minden-Ravensberg. Diss., Universität Halle-Wittenberg 1921.
  • Heinrich Niehaus: Das Heuerleutesystem und die Heuerleutebewegung. Ein Beitrag zur Lösung der Heuerleutefrage. Verlag Kleinert, Quakenbrück 1924.
  • Hans-Jürgen Seraphim: Das Heuerlingswesen in Nordwestdeutschland (= Veröffentlichung des Provinzialinstituts für westfälische Landes- und Volkskunde, Reihe I: Wirtschafts- und verkehrswissenschaftliche Arbeiten, Heft 5). Aschendorff Verlag, Münster 1948.
  • Hans Triphaus: Das Heuerlingswesen im Nordteil des Altkreises Bersenbrück im ausgehenden 19. und im 20. Jahrhundert. Ein Beitrag zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Osnabrücker Nordlandes (= Schriftenreihe des Kreisheimatbundes Bersenbrück Nr. 19). 3. Aufl. Verlag Thoben, Quakenbrück 1981, ISBN 3-921176-62-X.
  • Ralf Weber: Das Heuerlingswesen im Oldenburger Münsterland im 19. Jahrhundert. Schröderscher Buchverlag – Verlag für Regionalkultur, Diepholz 2014, ISBN 978-3-89728-080-9.

Aufsätze

  • Werner Dobelmann: Ein altes Heuerlingsgeschlecht. In: Heimat gestern und heute. Mitteilungen des Kreisheimatbundes Bersenbrück, Bd. 11 (1963), ISSN 0440-6141 .
  • Josef Grave: Heuerleute, West-Ostsiedler, Rückwanderer. Auf den Spuren emsländischer Familien in Hinterpommern und Ostbrandenburg. In: Jahrbuch des Emsländischen Heimatbundes, Bd. 41 (1995), S. 330–342, ISSN 0448-1410 .
  • Christof Haverkamp: Die Heuerleutebewegung im 20. Jahrhundert im Regierungsbezirk Osnabrück. In: Emsländische Geschichte, Bd. 6 (1997), S. 89–107, ISSN 0947-8582 .
  • Heinrich Kuhr: Das Heuerlingswesen im Emsland und in den Nachbargebieten. In: Jahrbuch des Emsländischen Heimatvereins, Bd. 12 (1965), S. 60–72, ISSN 0448-1410 .
  • Helmut Lensing: Der „Verein Christlicher Heuerleute“ 1919 bis 1933. Eine bedeutende Interessenorganisation ländlicher Unterschichten im deutschen Nordwesten. In: Jahrbuch des Emsländischen Heimatbundes, Bd. 53 (2006), S. 45–90, ISSN 0448-1410 .

Fußnoten

  1. Manfred Balzer: Grundzüge der Siedlungsgeschichte (800–1800). In: Wilhelm Kohl (Hg.): Westfälische Geschichte, Bd. 1: Von den Anfängen bis zum Ende des Alten Reiches. Schwann, Düsseldorf 1983, S. 231–273, hier S. 266.
  2. Hans-Jürgen Seraphim: Das Heuerlingswesen in Nordwestdeutschland. Aschendorff, Münster 1948, S. 17.
  3. Clemens Wischermann: An der Schwelle zur Industrialisierung (1800–1850). In: Wilhelm Kohl (Hg.): Westfälische Geschichte, Bd. 3: Das 19. und das 20. Jahrhundert. Schwann, Düsseldorf 1984, S. 41–162, hier S. 61 f.
  4. Heinz-Günter Steinberg: Die geographischen Grundlagen. In: Wilhelm Kohl (Hg.): Westfälische Geschichte, Bd. 1: Von den Anfängen bis zum Ende des Alten Reiches. Schwann, Düsseldorf 1983, S. 35–53, hier S. 46.
  5. Walter D. Kamphoefner: Westfalen in der Neuen Welt. Eine Sozialgeschichte der Auswanderung im 19. Jahrhundert. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, erweiterte Neuausgabe 2006. ISBN 3-89971-206-4. Dort Kapitel 2: Menschen und Regionen am Scheideweg: der Einfluß regionaler ökonomischer Entwicklungen auf die Migrationsmuster in Nordwestdeutschland und Kapitel 3: Arm aber nicht armselig: personale Charakteristika und Motivationsfaktoren der nordwestdeutschen Auswanderung.
  6. Heinrich Kleine-Hakenkamp: Die Ziele des Reichsnährstandes im Heuerlingswesen des Münsterlandes. Würzburg 1939.

Weblinks


Kategorien: Sozialrechtsgeschichte | Agrarrechtsgeschichte | Privatrechtsgeschichte

Quelle: Wikipedia - http://de.wikipedia.org/wiki/Heuerlingswesen (Vollständige Liste der Autoren des Textes [Versionsgeschichte])    Lizenz: CC-by-sa-3.0

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