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Heuerling


Die Heuerlinge, oder auch Heuerleute, waren selbständige Landwirte, die weder Wohnung noch Grundeigentum besaßen, sondern diese von ihren Bauern im Gegenzug für regelmäßige Abgaben in Form von Naturalien oder Geld sowie einer meist unentgeltlichen Arbeitsverpflichtung gestellt bekamen. Wahrscheinlich im ausgehenden Mittelalter tauchen sie als neue soziale Schicht hauptsächlich in Gegenden Nordwestdeutschlands auf; etwa im Osnabrücker Raum, im nördlichen Westfalen, im Oldenburger Münsterland und in Ostwestfalen-Lippe.

Die Hof- bzw. Herdbesitzer sicherten sich durch Abtreten einer kleinen Heuerstelle, die aus Haus, Garten und etwas Ackerland bestand, bodenständige Arbeiter. Durch Mitarbeit auf dem Hof des Bauern verdiente sich der Heuerling seine Heuer (Pacht), zusätzlich Korn, Heu und auch die Spannhilfe des Bauern. Die Betriebsfläche der Heuerstellen lag typischerweise in Form von Kämpen um den Hof. Wiesen besaß der Heuerling nur in den seltensten Fällen. Auch auf die Gemeinheit hatte er keinen Rechtsanspruch; doch da diese ihm zur Existenz unentbehrlich war, wurde ihm gegen geringes Entgelt der Auftrieb einiger Kühe gestattet.

Da das eigene Anwesen in vielen Fällen die vielköpfige Familie nicht ernähren konnte und der Handwerkerstand unter Zunftgesetz stand, das nur die Aufnahme eines geringen Prozentsatzes vorsah, verdingten sich vor allem in Westfalen, dem Oldenburger Münsterland, dem Emsland und dem Unterwesergebiet und Ostfriesland viele männliche Familienmitglieder als Saisonarbeiter in Holland (Hollandgänger). Die Masse war als Grasmäher oder Torfarbeiter tätig, doch insbesondere Heuerlinge aus dem Oldenburger Münsterland betätigen sich auch als Seeleute auf niederländischen Walfangschiffen. Im Münsterland und dem südlichen Emsland versuchten Heuerleute, als Packen- und Messerträger (Tödden) sich einen Nebenverdienst zu verschaffen. Im Lipper Land betätigen sich die dortigen Heuerlinge vielfach als Ziegler.

Heuerlinge waren keine vollberechtigten Mitglieder der Bauernschaft. Sie besaßen kein Stimmrecht, brauchten keine Kirchenbeiträge zu bezahlen, mussten aber für das Totengeläut eine Gebühr entrichten.

Mit dem Beginn der Weimarer Republik schlossen sich die nordwestdeutschen Heuerleute in Interessenorganisationen zusammen. Für den Osnabrücker Raum entstand der Nordwestdeutsche Heuerlingsverband unter Leitung des späteren SPD-Reichstagsabgeordneten Wilhelm Helling, im Emsland/Grafschaft Bentheim und Teilen des Landkreises Bersenbrück der Verein Christlicher Heuerleute, später Verband Christlicher Heuerleute, Kleinbauern und Pächter unter dem späteren Provinziallandtagsabgeordneten Heinrich Kuhr, in Südoldenburg der Verband Landwirtschaftlicher Kleinbetriebe, gegründet von Anton Themann, der von 1925 bis 1933 für das Zentrum im Oldenburger Landtag saß, nach 1945 für die CDU im Niedersächsischen Landtag. In Westfalen entstand der zentrumsnahe „Pächter- und Siedlerbund“, der sich in „Westfälischer Pächter- und Kleinbauernbund“ und dann 1927 in Westfälischer Bauernbund umbenannte. 1925 besaß er rund 5000 Mitglieder. Vorsitzender war seit Oktober 1928 der Geistliche Ferdinand Vorholt aus Mecklenbeck bei Münster.

Das Heuerlingswesen sollte schließlich zu Beginn der 1960er Jahre innerhalb kürzerer Zeit fast vollständig verschwinden, weil die Modernisierung der Landwirtschaft weiter voranschritt und die Industrie auch für die früheren Heuerlinge ausreichend Arbeitsplätze bot.

Literatur

  • Franz Bölsker-Schlicht: Sozialgeschichte des ländlichen Raumes im ehemaligen Regierungsbezirk Osnabrück im 19. und frühen 20. Jahrhundert unter besonderer Berücksichtigung des Heuerlingswesens und einzelner Nebengewerbe, in: Westfälische Forschungen 40/1990, Münster 1990, S. 223–250.
  • Wilhelm Brandhorst: Heuerlinge und Heuerlingshäuser in Hartum. Vom Heuerlingswesen in einem Dorfe des Mindener Landes. Mitteilungen des Mindener Geschichtsvereins, Jahrgang 51 (1979), S. 93–100.
  • Werner Dobelmann: Ein altes Heuerlingsgeschlecht (Heimat gestern und heute. Mitteilungen des Kreisheimatbundes Bersenbrück; 11), Quakenbrück 1963
  • Johannes Drees: Arbeitsausgleich zwischen Industrie und Landwirtschaft dargestellt am Heuerlingswesen im Kreise Osnabrück, Diss. Göttingen 1924.
  • Christof Haverkamp: Die Heuerleutebewegung im 20. Jahrhundert im Regierungsbezirk Osnabrück, in: Studiengesellschaft für Emsländische Regionalgeschichte (Hrsg.), Emsländische Geschichte Bd. 6, Dohren 1997, S. 89–107.
  • Heinrich Kuhr: Das Heuerlingswesen im Emsland und in den Nachbargebieten, in: Jahrbuch des Emsländischen Heimatvereins Bd. 12/1965, (Meppen o.J.), S. 60–72.
  • Helmut Lensing: Der Verein Christlicher Heuerleute 1919 bis 1933 – Eine bedeutende Interessenorganisation ländlicher Unterschichten im deutschen Nordwesten, in: Jahrbuch des Emsländischen Heimatbundes Bd. 53/2007, Sögel 2006, S. 45–90.
  • Hans-Jürgen Seraphim: Das Heuerlingswesen in Nordwestdeutschland (Veröffentlichung des Provinzialinstituts für westfälische Landes- und Volkskunde, Reihe I: Wirtschafts- und verkehrswissenschaftliche Arbeiten, Heft 5), Münster 1948.
  • Adolf Wrasmann: Das Heuerlingswesen im Fürstentum Osnabrück, in: Mitteilungen des Vereins für Geschichte und Landeskunde von Osnabrück, Teil I Bd. 42/1919, Osnabrück 1920, S. 52–171 und Teil II in Bd. 44/1921, Osnabrück 1922, S. 1–154.
  • Birgit Nolte-Schuster/Jaap Vogel/Winfried Woesler/Arno de Jonge: Zur Arbeit nach Holland – Arbeitswanderung aus der Region Osnabrück zwischen 1750–1850. Osnabrück 2001.
  • Walter D. Kamphoefner/Peter Marschalck/Birgit Nolte-Schuster: Von Heuerleuten und Farmern. Die Auswanderung aus dem Osnabrücker Land nach Nordamerika im 19. Jahrhundert (Kulturregion Osnabrück, Band 12), Bramsche 1999.
  • Bernd Robben/Helmut Lensing: „Wenn der Bauer pfeift, dann müssen die Heuerleute kommen!“ – Betrachtungen und Forschungen zum Heuerlingswesen in Nordwestdeutschland, Haselünne, Studiengesellschaft für Emsländische Regionalgeschichte, 2014 (ISBN 978-3-9814041-9-7).
  • Ralf Weber: Zur Lage der Heuerleute in den Kreisen Vechta und Cloppenburg in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In: Heimatbund für das Oldenburger Münsterland (Hrsg.): Jahrbuch für das Oldenburger Münsterland 2012. Vechta 2011, S. 115–134.
  • Ralf Weber: Das Heuerlingswesen im Oldenburger Münsterland im 19. Jahrhundert. Mit einem Geleitwort von Alwin Hanschmidt, Diepholz 2014.

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Quelle: Wikipedia - http://de.wikipedia.org/wiki/Heuerling (Vollständige Liste der Autoren des Textes [Versionsgeschichte])    Lizenz: CC-by-sa-3.0

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