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Hängetrauma


Klassifikation nach ICD-10
R57 Schock
R57.1 Hypovolämischer Schock
R57.8 Sonstige Formen des Schocks
R57.9 Schock, nicht näher bezeichnet
ICD-10 online (WHO-Version 2016)

Der Begriff Hängetrauma beschreibt einen potenziell lebensbedrohlichen Schockzustand, welcher bei längerem bewegungslosen freien Hängen in einem Gurtsystem auftreten kann. Die erzwungene aufrechte Körperhaltung (Orthostase) führt hierbei durch die Schwerkraft zum „Versacken“ des Blutes in herabhängenden Körperteilen. Nach der Rettung ist eine zu rasche Änderung der aufrechten Körperhaltung zu vermeiden, damit es nicht zu einer weiteren lebensbedrohlichen Entgleisung der Kreislaufregulation (Rettungskollaps) kommt. Das Hängetrauma ist als Krankheitsbild erst seit den 1970er Jahren bekannt.

Ursache

Ursächlich sind heutzutage meist Unfälle, bei denen der Patient anschließend längerfristig bewegungslos aufrecht in einem Gurtsystem hängt. Mögliche Ursachen für ein regungsloses Verharren können beispielsweise Erschöpfung, Unterzuckerung, Unterkühlung, technische oder psychische Probleme oder auch ein Schädel-Hirn-Trauma sein. Gefährdet sind nicht nur Fallschirmspringer, Bergsportler, oder Gleitschirm- bzw. Drachenflieger, sondern vor allem Erwerbstätige beispielsweise im Bergbau.[1][2]

Krankheitsentstehung

Normale orthostatische Reaktion

Wenn ein Mensch seine Körperlage vom Liegen zum Stehen ändert, „versacken“ unter normalen Bedingungen bis zu 600 ml Blut (bei Vorliegen von Krampfadern auch deutlich mehr) schwerkraftbedingt in den venösen Kapazitätsgefäßen der Beine.

Dadurch vermindern sich kurzzeitig Herzminutenvolumen und arterieller Blutdruck. Die Gegenregulation des Körpers (Orthostase-Reaktion) besteht in einer Verengung der Blutgefäße, Steigerung von Herzfrequenz und Katecholaminausschüttung, sowie in einer Aktivierung des Renin-Angiotensin-Aldosteron-Systems mit dem Ziel, den Blutdruck wieder zu steigern. Synergistisch wirkt die Anregung der Muskelpumpe der Beine beim Stehen oder Gehen. Lokale Selbstregulationsmechanismen der Blutgefäße des Gehirns kompensieren dort einen kritischen Abfall der Durchblutung. Ist die Wirkung dieser Gegenregulation jedoch nicht ausreichend und die Durchblutung des Gehirns dadurch empfindlich reduziert, treten Schwindel oder gar Ohnmacht (orthostatische Synkope) auf. Unter Normalbedingungen verlässt die betroffene Person dabei unverzüglich die aufrechte Körperposition und setzt sich hin oder stürzt, wodurch sich die schwerkraftbedingten Veränderungen kurzfristig deutlich vermindern. Das Auftreten eines orthostatischen Schockzustandes ist unter diesen Bedingungen nicht zu erwarten.[3]

Entstehung des Hängetraumas

Beim freien Hängen in einem Gurtsystem ist einerseits im Falle einer Überforderung (Dekompensation) der orthostatischen Gegenregulationsmechanismen (Auftreten einer orthostatischen Synkope) eine Änderung der aufrechten Körperposition und damit eine Rückbildung der schwerkraftbedingten Veränderungen in aller Regel nicht möglich und andererseits fehlt dabei auch ein „Gegendruck“ auf die Füße, um den venösen Rückfluss durch eine Anregung der Muskelpumpe zu verbessern und damit das Herzschlagvolumen zu erhöhen. Im weiteren Verlauf „versackt“ das Blut zunehmend in den herabhängenden Körperteilen, wodurch längstens binnen einer halben Stunde ein lebensbedrohlicher (orthostatischer) Schock und eine anhaltende Sauerstoffminderversorgung des Gehirns eintreten.[1][4]

Erschwerend können schwerkraftbedingte Einschnürungen der Extremitäten durch das Gurtsystem im Sinne eines unblutigen Aderlasses oder gar eines Tourniquet-Syndromes und eine Varikosis hinzu kommen.[5][6]

Letztlich entwickelt sich also eine Umverteilung des Blutes, die anfänglich zwar lediglich zu einer Überforderung der orthostatischen Gegenregulationsmechanismen des Körpers führt, in deren weiterem Verlauf jedoch ein so relevanter funktioneller Volumenmangel entsteht, dass sich ein Schockzustand in lebensbedrohlichem Ausmaß entwickelt.[6]

Pathogenese des drohenden Bergungstodes

Der Bergungstod ist eine typische Komplikation bei der notfallmedizinischen Versorgung Betroffener. Im Rahmen eines Hängetraumas sammelt sich in den herabhängenden Extremitäten eine große Menge Blut an. In diesem Blut sind – aufgrund der schockbedingt mangelhaften Durchblutung – giftige Stoffe, wie sie auch beim Postischämie-Syndrom auftreten, zu erwarten.[6]

Wird nach einer Bergung eine Person zu rasch aus der aufrechten in eine liegende Position oder gar Schocklage gebracht, so kommt es einerseits zur plötzlichen Volumenbelastung des Herz-Kreislaufsystems (mit sauerstoffarmen Blut aus den herabhängenden Körperteilen), andererseits ist aber beispielsweise auch ein plötzlicher Anstieg des Blutkaliumspiegels (mögliche Ursache einer Störung der Herzfunktion bis hin zur Asystolie) aber auch anderer giftiger Stoffe ähnlich wie beim Postischämie-Syndrom zu erwarten.[6]

Symptome

Die Zeit bis zum Auftreten erster Symptome ist interindividuell sehr unterschiedlich. Sie können bereits nach wenigen Minuten, in der Regel jedoch spätestens nach 20 Minuten freien Hängens auftreten. Typisch sind dabei Blässe, Schwitzen, Kurzatmigkeit, Sehstörungen, Schwindel, Übelkeit, Blutdruckabfall und Taubheit der herabhängenden Beine.[4][5][6]

Therapie

Präventiv ist ein geeignetes Gurtsystem zu verwenden, das bei freiem Hängen weder die Atmung beeinträchtigt noch die Extremitäten abschnürt. Zusätzlich werden als Notfallausrüstung Seilschlaufen empfohlen. In diese kann der Verunfallte seine Füße stecken und sich dann mit den Beinen abstützen, um die Funktion der Muskelpumpe anzuregen. Diese Maßnahmen sind in der Anfangsphase auch therapeutisch einsetzbar. Entscheidend ist jedoch, den Patienten so schnell wie möglich aus der freihängenden Position zu retten.[4][6]

Da es sich beim Hängetrauma um ein Schockgeschehen handelt, ist es ein notfallmedizinisches Krankheitsbild (→ Schock). Um einen Bergungstod zu vermeiden, muss der Patient sofern irgend möglich für die ersten etwa 20 Minuten mit aufrechtem Oberkörper gelagert werden. Die weiteren Maßnahmen richten sich symptombezogen nach dem Zustandsbild.[4][6][7]

Allgemeine Bedeutung

Das Hängetrauma ist ein seltenes Ereignis; seine Bedeutung wird unterschiedlich eingeschätzt. Berufsgenossenschaften sehen die Notwendigkeit, insbesondere in der Prävention (Arbeitsschutz) tätig zu sein.[1][4][8][9][5][10] Etwa 20 dokumentierte Fälle, bei denen als Todesursache alleinig ein Hängetrauma anzunehmen ist, stammen aus den 1960er und 1970er Jahren.[8][6] Lee et al. stellten daher die Frage, ob das Hängetrauma bei Anwendung moderner Gurtsysteme konkret oder lediglich als „theoretisches Risiko“ einzuschätzen ist und fordern weitere Forschungsprojekte.[11] Auch auf als sicher geltenden Baustellen wird in Einzelfällen von Unfällen berichtet, bei denen ein Hängetrauma als (Beinahe-)Todesursache naheliegt.[12][13] Beim (Sport-)Klettern wird das Hängetrauma als eine sehr seltene Komplikation betrachtet,[14] nach Aussagen des Deutschen Alpenvereins gibt es jedoch über Unfälle in diesem Bereich keine exakten Statistiken.[15]

Sport- und Arbeitsmedizin

Heutzutage spielt das Hängetrauma vornehmlich bei Unfällen über die notfallmedizinischen Aspekte hinaus eine Rolle. Geeignete Prävention und Therapie können grundsätzlich in vielen Fällen lebensrettend sein. Das Hängetrauma spielt daher sowohl in der Sport- als besonders auch in der Arbeitsmedizin eine Rolle.

Hinrichtungen

A crucifixion victim would be in exactly the right position and situation to suffer excessive venous pooling and orthostatic shock: upright with no movement of the legs. (Zitat von[6])

Die Kreuzigung war in der Vergangenheit eine verbreitete Form der Hinrichtung. Die Betroffenen wurden dabei frei hängend in aufrechter Körperposition fixiert. In der Theologie wird das Hängetrauma als Ursache für den Tod Jesu am Kreuz diskutiert.[16]

Begriffsabgrenzung

Als Todesursachen beim Hängen gelten die Kompression der Halsweichteile mit möglicher Unterbindung der Gehirndurchblutung, Reizung des Sinus caroticus oder Ersticken sowie selten auch die „Hanged man’s fracture“ (Bogenfraktur der Axis mit Spondylolisthesis und möglicher Kompression der Medulla oblongata).[17]

Erstbeschreibung

Der französische Arzt und Höhlenforscher Maurice Amphoux gilt als Erstbeschreiber des Hängetraumas. In den 1970er Jahren waren ihm ungeklärte Todesfälle unter Höhlenforschern aufgefallen, die nach einem zunächst harmlos wirkenden Absturz gestorben waren. Wenn es auch bereits Ende der 1960er Jahre erste Versuche mit frei hängenden Personen gegeben hatte, so war er es, der als Erster die These aufstellte, dass ursächlich für den zum Teil fatalen Ausgang eines Hängetraumas Herz-Kreislaufprobleme („Kreislaufschock“) sind.[8][6]

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 Harald Dippe: Entwicklung eines Ausbildungskonzeptes für seilunterstütztes Retten im Bergbau. GRIN Verlag, 2007, ISBN 3-638-82129-3, S. 8, books.google.de
  2. Great Britain: H.M. Fire Service Inspectorate: Fire and Rescue Service Manual. The Stationery Office, 2006, S. 9ff., ISBN 0-11-341312-2, books.google.com
  3. Ch. Hick et al.: Intensivkurs Physiologie. Urban&FischerVerlag, 2006, ISBN 3-437-41892-0, S. 89ff., books.google.de
  4. 4,0 4,1 4,2 4,3 4,4 Notfallsituation: Hängetrauma. (PDF) Fachausschuß „Erste Hilfe“ der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung; abgerufen 1. Februar 2009
  5. 5,0 5,1 5,2 Suspension Trauma/Orthostatic Intolerance. U. S. Department of Labor Safety and Health Information Bulletins; abgerufen 2. Februar 2009
  6. 6,0 6,1 6,2 6,3 6,4 6,5 6,6 6,7 6,8 6,9 P. Seddon: Harness suspension: review and evaluation of existing information. (PDF) In: Health and Safety Executive - Contract Research Report 451/2002.
  7. H. von Hintzenstern et al.: Notarzt-Leitfaden. Urban&FischerVerlag, 2004, ISBN 3-437-22461-1, S. 116, books.google.de
  8. 8,0 8,1 8,2 W. Dieker: Scheinbar gerettet – Das Hängetrauma, eine zu wenig bekannte tödliche Gefahr. Berufsgenossenschaft Nahrungsmittel und Gaststätten; abgerufen 2. Februar 2009
  9. Arbeiten mit Auffanggurt. (PDF) In: Unfall-stop, Berufsgenossenschaft Handel- und Warendistribution, 2/März 2006, S. 8–9.
  10. Absturzsicherung – Hochmut kommt vor dem Fall. ARD - Ratgeber Technik, 8. September 2007; abgerufen 6. Februar 2009
  11. C Lee et al.: Suspension trauma. In: Emerg Med J. 2007 Apr, 24(4), S. 237–238, PMID 17384373 .
  12. R Clemens: Aus bitterer Erfahrung lernen – Der Baustellenunfall von Grevenbroich-Neurath. (PDF) In: gute Arbeit, 12/2007, S. 29–30; abgerufen 6. Februar 2009
  13. Tot gerettet. (PDF) In: Deutschland BAUZ, Zeitschrift der StBG, November 2008, S. 9; abgerufen 6. Februar 2009
  14. V. Schöffl: Der Kampf an der Wand. (PDF) In: medicalsports network, 4/08, succidia Verlag, S. 44–46
  15. M. Schieferecke: Kletterer nach Sturz in Lebensgefahr. Stuttgarter Zeitung-Online vom 25. Juli 2008, stuttgarter-zeitung.de (Memento vom 9. März 2009 im Internet Archive); abgerufen 7. Februar 2009
  16. P. Bishop: An Alternative Mechanism For Death by Crucifixion. In: Linacre Quarterly, Catholic Medical Association, August 2006, S. 282–289, ISSN 0024-3639 , pdf
  17. Hamid Abdolvahab-Emminger: Exaplan. Urban&FischerVerlag, 2007, S. 2348, ISBN 3-437-42462-9, books.google.de
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