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Frühkindlicher Autismus


Klassifikation nach ICD-10
F84 Tiefgreifende Entwicklungsstörungen
F84.0 Frühkindlicher Autismus
ICD-10 online (WHO-Version 2016)

Der frühkindliche Autismus (auch: Kanner-Autismus, Kanner-Syndrom oder infantiler Autismus) ist eine Form des Autismus, die nach der ICD-10 (Klassifikationssystem der Weltgesundheitsorganisation) vor dem dritten Lebensjahr beginnt und zu den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen gerechnet wird. Er tritt mit einer Häufigkeit von 1:1000 auf, wobei das Verhältnis von Jungen zu Mädchen 3:1 beträgt.[1]

Der frühkindliche Autismus wurde zuerst von Leo Kanner (daher Kanner-Autismus) beschrieben. Kanner diagnostizierte 1943 bei elf Kindern eine „autistische Störung des affektiven Kontakts“, die später unter dem Namen „frühkindlicher Autismus“ bekannt wurde.

Symptome und Beschwerden

Der frühkindliche Autismus führt zu einer vielfältigen Art von Auffälligkeiten, besonders im Bereich der Entwicklung, des Sozialverhaltens, der Wahrnehmung und der Kommunikation. In manchen Fällen entwickeln sich die Kinder bereits in den ersten Lebensmonaten auffällig. In anderen Fällen verläuft die frühkindliche Entwicklung anfangs (scheinbar) normal, Auffälligkeiten werden teils erst im zweiten oder dritten Lebensjahr sichtbar. Weiterhin gibt es den Verlauf, dass es nach einer anfangs (scheinbar) normalen Entwicklung im zweiten oder dritten Lebensjahr zu einem Verlust der bereits erworbenen sozialen und kommunikativen Fähigkeiten kommt.

Fasst man die beiden international anerkannten Klassifikationssysteme ICD-10 und DSM-IV zusammen, erkennt man folgende übereinstimmende Merkmale:

Zudem wird im ICD-10 als Merkmal noch „unspezifische Probleme wie Befürchtungen, Phobien, Schlaf- und Essstörungen, Wutausbrüche, Aggressionen, Selbstverletzungen“ aufgeführt.

Ein Merkmal des frühkindlichen Autismus ist u. a. die Abkapselung von den Mitmenschen. Die Zuwendung zur Primärperson, die für dieses Alter typisch ist, weist deutliche Störungen auf. Der Affekt ist indifferent, die emotionale Schwingungsfähigkeit herabgesetzt. Im direkten Kontakt ist ein verminderter Blickkontakt feststellbar.[2] Für manche autistische Menschen ist es kaum möglich, eine Beziehung zu Personen aufzubauen. Oft scheint es so, als zeigen sie mehr Freude bei der Beschäftigung mit Gegenständen als im persönlichen Kontakt zu Mitmenschen gleichen Alters. Andere zeigen Interesse am Sozialkontakt, leiden dann aber oft darunter, dass sie aufgrund ihrer Probleme im Sozialverhalten bei anderen Menschen anecken und ausgegrenzt werden.

Veränderungsangst: teils reagieren autistische Menschen mit Angst- und Panikzuständen, wenn sich etwas nur geringfügig im geregelten Tagesablauf verändert oder Erwartungen (z. B. der Platz, an dem die Möbel stehen) nicht erfüllt werden.

Kanner-Autisten haben meist starke Sprachauffälligkeiten. Ungefähr 30 % der Kanner-autistischen Menschen können sich nicht lautsprachlich äußern. Diejenigen, die sprechen können, haben oft Sprachauffälligkeiten (beispielsweise monotone Sprachmelodie; wortwörtliches Verständnis von Sprache). Im Allgemeinen sind Artikulation und Grammatik weniger betroffen, oft etwas stärker die Semantik und oft ganz stark der sachgerechte Gebrauch der Sprache, denn dieser bereitet oft am meisten Schwierigkeiten.

Bei Kindern fällt eine retardierte Sprachentwicklung auf. Typische Symptome sind Echolalien, Neologismen, Iterationen sowie pronominale Umkehr. Letzteres bedeutet, dass das Kind sich selbst mit du bezeichnet und den Kommunikationspartner mit Ich anspricht.[2]

Um die Sinneswahrnehmungen zu schulen, kann Zeichnen bzw. Malen als therapeutisches Mittel eingesetzt werden. Zur unterstützenden Kommunikation kann Schreiben dienen. Ängste werden abgebaut, indem die Betroffenen auf dem Computer oder Rechner sich schriftlich ausdrücken lernen oder mit Tonbandaufnahmen und dem anschließenden Abspielen ihre Sprache trainieren.

Ursachen

Es weist sehr vieles darauf hin, dass Autismus genetisch bedingt ist, wobei wahrscheinlich mehrere Gene beteiligt sind. Wie und mit welchen Zwischenschritten und unter welchen Bedingungen es von der veränderten genetischen Ausgangslage zu den oben beschriebenen Symptomen kommt, ist nicht genau bekannt. Konsens herrscht jedoch weitgehend darüber, dass Autismus nicht – wie es noch in den 1960er Jahren angenommen wurde – durch mütterliches Fehlverhalten (siehe unter: Kühlschrankmutter) verursacht wird.

Folgen und Komplikationen

Der frühkindliche Autismus beeinträchtigt das Leben der betroffenen Menschen erheblich und erschwert die Möglichkeiten der selbständigen Lebensführung. Für die betroffenen Menschen ist es aufgrund der Sprach- und Kommunikationsschwierigkeiten, veränderten Wahrnehmung und besonders aufgrund der dadurch bedingten Abkapselung von der Umwelt schwer, sich an die soziale Umgebung anzupassen, Freunde zu finden oder sich in den Rahmen einer Schule oder einer Familie zu fügen. Die Erziehung eines autistischen Kindes stellt die Eltern vor große Schwierigkeiten und ist häufig mit sehr viel Stress verbunden. Auch nur leicht autistische Menschen geraten in Gefahr, bei den Menschen in ihrer Umgebung anzuecken, weil sie etwa die sozialen Regeln nicht kennen oder sie nicht anwenden können. Viele Kanner-autistische Menschen sind auf intensive und lebenslange Betreuung angewiesen (siehe unter: Autismus).

Rechtssituation

Siehe dazu bitte den gleichnamigen Abschnitt unter: Autismus.

Siehe auch

Belege

  1. Hans-Michael Straßburg, Winfried Dacheneder, Wolfram Kreß: Entwicklungsstörungen bei Kindern. 2. Auflage. Urban & Fischer, München/Jena 2003, ISBN 3-437-22221-X, S. 132 f.
  2. 2,0 2,1 Stefan Brunnhuber, Klaus Lieb: Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik – Kurzlehrbuch. 4. Auflage. Urban & Fischer Verlag, München/Jena 2000, ISBN 3-437-42130-1, S. 234.

Literatur

Weblinks

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