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Der Schrei


Dieser Artikel befasst sich mit den Bildern von Edvard Munch. Für andere mit Der Schrei betitelte Werke siehe Schrei.
Der Schrei
Edvard Munch, 1893
Tempera auf Pappe, 91 × 73,5 cm
Norwegische Nationalgalerie Oslo

Der Schrei
Edvard Munch, 1910
Tempera auf Pappe, 83 × 66 cm
Munch-Museum Oslo

Der Schrei (norwegisch Skrik , deutsch zum Teil auch Geschrei) ist der jeweilige Titel von vier Gemälden des norwegischen Malers Edvard Munch mit weitgehend identischem Motiv, die zwischen 1893 und 1910 entstanden. Der Schrei gilt neben Leonardo da Vincis Mona Lisa und Vincent van Goghs Variationen der Sonnenblumen als eines der bekanntesten Gemälde weltweit sowie als expressionistisches Meisterwerk.

Versionen

Von Der Schrei sind heute vier Variationen in Gemäldeform und mehrere Lithographien bekannt. Die Temperaversion von 1910 und die Pastellversion von 1893 werden im Munch-Museum Oslo, die Temperaversion von 1893 in der norwegischen Nationalgalerie ausgestellt. Die wahrscheinlich von Arthur von Franquet 1895 in Auftrag gegebene Pastellversion[1] befindet sich in Privatbesitz und wurde vom 24. Oktober 2012 bis zum 29. April 2013 im Museum of Modern Art in New York City gezeigt.[2] Die Staatsgalerie Stuttgart und die Hamburger Kunsthalle besitzen Lithographien des Bildes.

Die Bilder gehören zu Munchs so genanntem Lebensfries, einer Serie von Bildern über die Themen Liebe, Angst und Tod. Munch verarbeitete diese Themen auch in mehreren Gedichten.

Der erste deutsche Titel, den Munch dem Werk gab, war Schrei der Natur; auf eine graphische Fassung schrieb Munch auf Deutsch: „Ich fühlte das große Geschrei durch die Natur.“[3]

Beschreibung

Die Bilder zeigen im Zentrum frontal eine Person mit weit geöffnetem Mund, an den Kopf gelegten Armen und leeren Augen. Sie steht auf einer vom Vordergrund nach hinten links führenden großen Brücke, auf der weiter hinten zwei Gestalten zu sehen sind. Im mittleren Hintergrund erkennt man einige Schiffe. Den Haupteindruck erzeugen neben dem Schreienden die wild bewegten Formen und Farben von Wasser und Himmel.

Der Ausdruck des Gemäldes beruht in hohem Maße auf den Gestaltungsmitteln, den Farben und der Linienführung. Die Szene – und besonders die Vordergrundfigur – ist grotesk verzeichnet und in Farben wiedergegeben, die nicht der äußeren Wirklichkeit entsprechen. Von seiner eigenen „inneren Hölle“ ausgehend visualisiert Munch hier eine desperate Seite des Fin de siècle: Angst und Apokalypse. Der Schrei wird häufig als das erste expressionistische Bild bezeichnet und ist ein extremes Beispiel für Munchs „Seelenmalerei“.

Theorien zur Entstehung

Munchs Tagebuch ist im Eintrag „Nizza, 22. Januar 1892“ ein Prosagedicht Schrei zu entnehmen, wobei der ursprüngliche Titel Verzweiflung lauten sollte. Die Tagebucheintragung lautet:

„Ich ging mit zwei Freunden die Straße hinab. Die Sonne ging unter – der Himmel wurde blutrot, und ich empfand einen Hauch von Wehmut. Ich stand still, todmüde – über dem blauschwarzen Fjord und der Stadt lagen Blut und Feuerzungen. Meine Freunde gingen weiter – ich blieb zurück – zitternd vor Angst – ich fühlte den großen Schrei in der Natur … Ich malte dieses Bild – malte die Wolken wie wirkliches Blut – die Farben schrien.“[4] Hieraus ergibt sich die Frage, ob die dargestellte Person tatsächlich schreit oder nur ihr Erschrecken durch den weit geöffneten Mund und die mit den Händen bedeckten Ohren zeigt.

Eine der Hintergrundfarben wechselt im Verlauf der Entstehungsjahre der vier Gemälde von Hell-Orange zu Dunkel-Rot-Orange. Eine Untersuchung geht davon aus, dass die rötliche Färbung des Hintergrunds auf den Ausbruch des Krakatau 1883 und die damit weltweit veränderte Färbung des Himmels zurückzuführen ist.[5]

1978 stellte der Kunsthistoriker Robert Rosenblum erstmals eine Verbindung zwischen der zentralen Figur des Bildes und der heute im Musée de l'Homme ausgestellten präinkaischen Mumie her[6]. Selbige inspirierte auch Munchs Vorbild Paul Gauguin zu verschiedenen Figuren in über zwanzig Kunstwerken[7]. Die in Fötalposition kauernden Leichen wirken aufgrund der erschlafften Kiefermuskulatur, als würden sie "schreien".

Der norwegische Psychiater und Autor Finn Skårderud sieht einen Zusammenhang zwischen dem Selbstmord des norwegischen Malers Kalle Løchen, der eine Zeitlang zu den besten Freunden Munchs zählte, und den Schrei-Arbeiten.[8]

Die ersten drei Versionen vollendete er während seines Berlin-Aufenthaltes von 1892 bis 1896.

Technische Untersuchung

Die Tempera-Version des Nationalmuseums in Oslo wurde von norwegischen und britischen Wissenschaftlern im Jahre 2010 untersucht. Die Analyse der Malmaterialien zeigte, dass Munch die üblichen Pigmente seiner Zeit verwendete. So wurden in diesem Bild unter anderem die Pigmente Cadmiumgelb, Chromoxidgrün, Zinnober und synthetisches Ultramarin nachgewiesen[9][10].

Jüngere Geschichte

Diebstahl 1994

Am 12. Februar 1994 entwendeten Diebe die Temperaversion von 1893 aus der norwegischen Nationalgalerie. Drei Monate später konnte die Polizei das Bild sicherstellen; die Täter wurden später zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.

Diebstahl 2004

Am 22. August 2004 entwendeten maskierte Täter bei einem bewaffneten Raubüberfall auf das Munch-Museum die Temperaversion von 1910 und eine Version von Madonna. 2006 wurden sechs der vermutlich sieben Täter über die Ermittlungen wegen des zeitgleichen und vermutlich mit dem Munch-Raub zusammenhängenden Überfalls auf ein Gelddepot in Stavanger gefasst. Am 14. Februar 2006 begann der Prozess in Oslo. Alle sieben Verdächtigen entstammen dem nach einem Osloer Stadtteil benannten Tveita-Milieu, in dem norwegische Gruppierungen des organisierten Verbrechens zu Hause sind. Für den Überfall auf den Geldtransport und einen Polizistenmord wurden die Angeklagten zu hohen Haftstrafen verurteilt. Nach Angaben des Dagbladet vom 22. August 2006 hat der Kriminelle David Toska, der zu 19 Jahren Haft verurteilt wurde, im Rahmen eines Berufungsverfahrens der Polizei die Bilder im Tausch gegen Straferlass angeboten.

Am 31. August 2006 konnte die norwegische Polizei die beiden Munch-Bilder bei einer Razzia sicherstellen. Ersten Meldungen zufolge war der Zustand der Bilder besser als erwartet.[11] Das Munch-Museum zeigte beide Bilder „wegen des großen Interesses“ im beschädigten, noch nicht restaurierten Zustand zwischen dem 27. September und dem 1. Oktober 2006 der Öffentlichkeit. Diese Ausstellung zog über 5500 Besucher an.[12]

Im Dezember 2006 gab das Munch-Museum bekannt, Der Schrei sei durch die Folgen des Raubes derart zerstört worden, dass eine vollständige Restaurierung nicht möglich sei. Vor allem Feuchtigkeitsschäden am unteren linken Rand seien schwer auszubessern. Um eine bestmögliche Wiederherstellung vorzubereiten, wurden Proben zur Analyse an externe Labore verschickt.[13] Die Analyse ergab kein eindeutiges Ergebnis. Mit hoher Wahrscheinlichkeit sind die Schäden durch Wasser und nicht durch Einwirkung von Chemikalien entstanden. Zudem kam es zu Farbabsplitterungen um den gesamten Bildrand und teilweise im Bild selbst. Die Absplitterungen der Farbe wurden bisher nicht geschlossen und sind weiterhin im Bild zu sehen.

Das restaurierte Bild wird seit dem 23. Mai 2008 im Rahmen einer Sonderausstellung wieder der Öffentlichkeit präsentiert, wobei auch ein komplett neues Werkverzeichnis Munchs vorgelegt und die Entstehungszeit des Bildes auf 1910 korrigiert wurde.[14]

Versteigerung 2012

Die Pastellversion von 1895 wurde am 2. Mai 2012 bei einer Auktion von Sotheby’s in New York für 119.922.500 US-Dollar versteigert.[15] Das war der bis dahin höchste bei einer Auktion erzielte Preis für ein Kunstwerk. Der Käufer des Bildes war der New Yorker Geschäftsmann Leon Black,[16] der in Aufsichtsräten des Metropolitan Museum of Art und des Museum of Modern Art sitzt.[17]

Rezeption

Der Schrei fand nachhaltigen Eingang in die Populärkultur und wurde in vielen Medien aufgegriffen und dargestellt oder parodiert. So sind unter anderem die Maske des Mörders in der Scream-Horrorfilmreihe[18] oder das Aussehen der fiktiven Rasse The Silence in der Fernsehserie Doctor Who[19] dem Gesicht der Person auf dem Bild nachempfunden.

Siehe auch

Literatur

  • Gerd Woll: Edvard Munch – complete paintings : catalogue raisonné. 1. 1880–1897. London : Thames & Hudson, 2009
The Scream 1893, Nr. 332
The Scream 1893, Nr. 333
The Scream 1895, Nr. 372
The Scream 1910?, Nr. 896
  • Stanisław Przybyszewski (Hrsg.): Das Werk des Edvard Munch. S. Fischer Verlag, Berlin, 1894
  • Reinhold Heller: Edvard Munch: The Scream. New York : Viking Press, 1973
  • Hilde Zaloscer: Der Schrei. Signum einer Epoche. Das expressionistische Jahrhundert. Bildende Kunst, Lyrik und Prosa, Theater. Brandtstätter, Wien 1985, ISBN 3-85447-104-1.
  • Walter Olma: Stanisław Przybyszewski später Roman „Der Schrei“, in: Stanisław Przybyszewski: Werke, Aufzeichnungen und ausgewählte Briefe: in acht Bänden und einem Kommentarband. 9. Kommentarband. Hrsg. von Hartmut Vollmer. Igel, Paderborn 2003, S. 111–156, ISBN 3-89621-173-0.
  • Antonia Hoerschelmann: Der Schrei, in: Klaus Albrecht Schröder (Hrsg.): Edvard Munch – Thema und Variation. Hatje Cantz, Ostfildern-Ruit 2003, S. 245 (Bildbeschreibung), ISBN 3-7757-1250-X.

Weblinks

 Commons: The Scream by Edvard Munch  – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikinews: Edvard Munchs „Der Schrei“ für 120 Millionen Dollar versteigert – in den Nachrichten

Einzelnachweise

  1. Informationen zum Werk auf sothebys.com.
  2. moma.org: „Edvard Munch – The Scream“ , (englisch, abgerufen am 23. April 2013)
  3. Geschrei der Natur. In: Der Spiegel. Nr. 32, 1963, S. 46–47 (online 7. August 1963).
  4. N.Stang: Evard Munch; Wiesbaden, 1982; S.46, ISBN 978-3-921452-14-1
  5. Olson, Donald W.; Russell L. Doescher and Marilynn S. Olson (May 2004). „The Blood-Red Sky of the Scream“. APS News (American Physical Society) 13 (5). vom 22. Dezember 2007.
  6. Ziemendorff, Stefan (2015). "Edvard Munch y la momia de un sarcófago de la cultura Chachapoya". Cátedra Villarreal Nr.2, Vol.3
  7. Ziemendorff, Stefan (2014). "La momia de un sarcófago de la cultura Chachapoya en la obra de Paul Gauguin". Cátedra Villarreal Nr.2, Vol.2
  8. Finn Skårderud: Munchs selvmord blaafarveverket.no, 2013 (abgerufen am 1. Januar 2015)
  9. Brian Singer, Trond Aslaksby, Biljana Topalova-Casadiego and Eva Storevik Tveit, Investigation of Materials Used by Edvard Munch, Studies in Conservation 55, 2010, S. 1-19
  10. Edvard Munch, 'The Scream', ColourLex
  11. Basler Zeitung: „Geraubte Munch-Gemälde nach zwei Jahren gefunden“ (31. August 2006) (Memento vom 30. September 2007 im Internet Archive)
  12. Munch-Museum : „Besøkstall for utstilling av Skrik og Madonna“ (2. Oktober 2006)
  13. Munch-Museum : „Om konserveringen av Skrik og Madonna“
  14. nachrichten.ch 21. Mai 2008: „Munchs ‚Schrei‘ restauriert und ausgestellt“
  15. Verkaufsbeschreibung bei Sotheby’s am 2. Mai 2012
  16. New Yorker Milliardär soll Munchs „Schrei“ ersteigert haben. In: spiegel.de. 12. Juli 2012, abgerufen am 12. Juli 2012.
  17. Munchs «Schrei» ging an Finanzmanager Leon Black , Monopol Magazin für Kunst und Leben 12. Juli 2012
  18. Munchs „Schrei“ kommt unter den Hammer. Wallstreetjournal.de, abgerufen am 3. Mai 2012.
  19. Doctor Who Confidential S06E02

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