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Circuit Paul Ricard


Der Circuit Paul Ricard ist eine 1970 fertiggestellte Motorsport-Rennstrecke nahe der südfranzösischen Ortschaft Le Castellet im Département Var; etwa 20 Kilometer entfernt von Bandol an der Côte d’Azur. Die Anlage bildet mit dem in unmittelbarer Nähe gelegenen Aéroport International du Castellet eine komplexe Einheit und ist in Motorsportkreisen als Le Castellet bekannt, weil sie auf dem Gebiet der gleichnamigen Gemeinde liegt. Der offizielle Name der Renn-, Test- und Versuchsstrecke ist aber seit Februar 2001 Paul Ricard High Tech Test Track (kurz Paul Ricard HTTT).

Der Kurs galt anfangs wegen seiner damals noch nicht üblichen Auslaufzonen als sicherheitstechnische Pionierleistung und Vorreiter der später so genannten „Retortenstrecken“.[1] Das FIA-„Institut für Motorsport-Sicherheit“ verlieh der Anlage 2006 wegen ihrer vorbildlichen Sicherheitskonzeption als erstem Preisträger den FIA Institute Centre of Excellence Award.[2]

Geschichte

Die Grundlagen zum Bau dieser im Uhrzeigersinn zu fahrenden Rennstrecke waren 1962 der Kauf von rund 1.000 Hektar Land auf einer Hochebene zwischen Toulon und Marseille und der Bau des größten Privatflugplatzes der Provence durch den französischen Pastis-Produzenten Paul Ricard. Dieser ließ vom Juni 1969 bis April 1970 neben dem Flugplatz eine 5,81 km lange Rennstrecke bauen, die am 19. April 1970 mit einem Sportwagenrennen der 2-Liter-Klasse eröffnet und zuerst vor allem für Motorrad-Rennen genutzt wurde. Zwischen 1971 und 1990 gastierte hier die Formel 1 zum Großen Preis von Frankreich, zum Teil im Wechsel mit dem Circuit de Dijon-Prenois und Charade. Ab 1991 fanden diese Formel-1-Rennen aber nur noch in Magny-Cours statt. Der Circuit Paul Ricard blieb allerdings weiterhin Gastgeber für bedeutende Motorsport-Ereignisse wie dem Motorrad-Langstrecken-Klassiker Bol d’Or (ab 1978 bis 1999), den französischen Läufen zur Motorrad-Weltmeisterschaft (ab 1972 im Wechsel mit Le Mans, Charade und Nogaro) oder die FIA-Truck-Racing-Europameisterschaft.

Nach dem Ende der Formel-1-Ära auf dieser Strecke unterblieben jedoch größere Investitionen (wie schon nach 1972 beim Flugplatz Aéroport du Castellet), im November 1997 starb der Besitzer und Namensgeber Paul Ricard und im Mai 1999 verkauften die Erben das gesamte Areal für rund 11 Millionen US-Dollar an die französische Firma Excelis S.A., die zum Familien-Trust APM 1 des Formel-1-Promotors Bernie Ecclestone gehört. Geschäftsführer dieser Firma ist Philippe Gurdjian, der schon einige der Formel-1-Rennen auf der Strecke organisiert hatte. Gurdjian fungiert seither im Sinne von Ecclestone als Direktor der Rennstrecke, des Flughafens und der nahegelegenen Hotelanlage Hôtel du Castellet. Nach dem Kauf wurden erhebliche Investitionen in all diesen Bereichen getätigt; einschließlich eines tiefgreifenden Umbaus der Rennstrecke in eine Teststrecke. In diesem Zusammenhang wurde ein Vertrag mit dem neu gegründeten Toyota-Formel-1-Team geschlossen, der den Bau eines eigenen Testzentrums auf dem Gelände einschloss. Ab Oktober 2001 nutzte Toyota die neue Anlage, ab Februar 2002 konnte sie auch von weiteren Teams befahren werden und ist seitdem vor allem in der Winterpause beliebtes Testgelände für die Formel-1-Teams und die Teilnehmer der 24-Stunden-Rennen von Le Mans. Bis August 2006 war die umgebaute Strecke nicht für Zuschauer zugelassen; am 19. und 20. August gab es dort nach rund sieben Jahren wieder eine öffentliche Rennveranstaltung zur FIA GT-Meisterschaft; allerdings mit nur 1.000 Eintrittskarten oder Paddock-Pässen.[3] Befahren wurde eine 5,791 km lange Streckenvariante.

Besonderheiten

Der Circuit Paul Ricard wurde unter Mithilfe der Rennfahrer Henri Pescarolo und Jean-Pierre Beltoise in nur zehn Monaten entworfen und gebaut und beeindruckte in seiner ursprünglichen Form vor allem durch seine ungewöhnlich lange Mistral-Gerade (rund 1,6 km). Ähnliches hatten bis dahin nur die Rennstrecken von Le Mans (mit der Hunaudières-Geraden) und Reims zu bieten, die allerdings außerhalb der Rennveranstaltungen öffentliche Land- oder Nationalstraßen waren. Deshalb war und ist Paul Ricard eine beliebte Teststrecke für die Teilnehmer des 24-Stunden-Rennens von Le Mans. Die leichte Rechtskurve am Ende der Geraden kann als „Mutkurve“ voll gefahren werden und heißt Signes nach dem nahegelegenen zeitweiligen Wohnort des Streckenerbauers Paul Ricard. Bei der Eröffnung 1970 galt die Anlage als neuer Maßstab für Rennstreckenführung und -sicherheit, mit damals noch seltenen Curbs (teilweise vierfarbig lackiert in blau, weiß, rot und gelb) und großen Kies-Auslaufzonen.

Im Lauf der Jahre und mit steigender Geschwindigkeit der Rennfahrzeuge zeigten sich aber die Grenzen dieser Sicherheitsmaßnahmen: Am 14. Mai 1986 verunglückte der Brabham-BMW-Pilot Elio de Angelis bei Testfahrten auf dem Circuit Paul Ricard. Der Unfall ereignete sich in einem schnellen Streckenteil im Bereich der Kurvenkombination Esses de la Verrerie, nachdem ein Heckflügel des Brabham BT55 abgebrochen war. De Angelis erlag tags darauf in einem Krankenhaus in Marseille seinen schweren Verletzungen.[4] Danach wurde dieser Teil der Strecke nicht mehr benutzt; ein neues Verbindungsstück verkürzte die Mistral-Gerade auf rund einen Kilometer und die Gesamtstreckenlänge des dann sogenannten Grand-Prix-Kurses auf 3,813 km. Bereits am 6. Juli 1986 wurde das neue Strecken-Layout beim Großen Preis von Frankreich der Formel 1 gefahren.

Auch in den folgenden Jahren profilierte sich die Strecke dennoch weiterhin unter anderem als Übungsfeld für den Rennfahrer-Nachwuchs. Die Winfield Racing Schools bildeten hier spätere Champions aus wie Patrick Tambay, Didier Pironi, Alain Prost, Jean Alesi und Olivier Panis. Zeitweilig waren hier auch die Teams von Larrousse (Formel 1) und Oreca (Formel 3000) zu Hause. Der Rundenrekord lag vor dem aktuellen Umbau bei 1:08,012 Minuten (Durchschnitts-Geschwindigkeit 201,829 km/h), 1990 gefahren von Nigel Mansell im Formel-1-Ferrari 641.

Der neue Kurs

Der Umbau nach dem Besitzerwechsel und der Jahrtausendwende soll nach Angaben der Betreiber zeitweise über 1200 Menschen beschäftigt haben; vom Ingenieur bis zum Bauarbeiter. Die neue Anlage bezieht den vor 1986 benutzten Streckenteil wieder mit ein; durch fakultativ zu befahrende neue Schikanen und Verbindungsstücke sollen jetzt rund 180 Streckenvarianten möglich sein, um völlig unterschiedliche Bedingungen zu testen und trainieren zu können. Die Streckenlänge kann zwischen 6,105 km und 826 Meter variiert werden, die Breite beträgt zwischen zehn und zwölf Meter und es stehen insgesamt 15 Rechts- und zehn Linkskurven zur Verfügung. Die neuen Streckenbetreiber ließen auf insgesamt 25 Hektar Auslaufzonen ein unter anderem vom deutschen Architekten Hermann Tilke[5] geplantes, ausgeklügeltes System von aufeinander folgenden Asphaltstreifen bauen. Diese haben unter anderem durch die Beimischung von Wolfram in der Deckschicht unterschiedliche hohe Reibwerte, die größtenteils weit über denen der eigentlichen Fahrbahn liegen.[6] Damit können sie auch Formel-1-Rennwagen aus hohen Geschwindigkeiten zuverlässig abbremsen, ohne dass es zu Beschädigungen am Fahrzeug oder zu Verletzungen des Fahrers kommt. Dies spart den dort testenden Teams Kosten und Zeit, die sie sonst für Bergung und Reparatur von verunfallten Autos brauchen würden. Die Asphaltstreifen sind auch farblich voneinander abgegrenzt, so dass zusammen mit den rot-weiß lackierten Curbs ein unverwechselbares Streckenbild entsteht.[7] Die Preise für die Streckenmiete (auch für Club-Veranstaltungen) sind die höchsten Europas und liegen um bis zu 100 Prozent über den Tarifen für andere internationale Rennstrecken.

Statistik

Alle Sieger von Formel-1-Rennen in Le Castellet

Jahr Sieger Auto Zeit Streckenlänge Runden Ø-Tempo Datum GP von
1971 Vereinigtes Konigreich Jackie Stewart Tyrrell-Ford 1:46:41,680 h 5,810 km 55 179,700 km/h 4. Juli Frankreich Frankreich
1973 Schweden Ronnie Peterson Lotus-Ford 1:41:36,520 h 5,810 km 54 185,264 km/h 1. Juli
1975 Osterreich Niki Lauda Ferrari 1:40:18,840 h 5,810 km 54 187,655 km/h 6. Juli
1976 Vereinigtes Konigreich James Hunt McLaren-Ford 1:40:58,600 h 5,810 km 54 186,423 km/h 4. Juli
1978 Vereinigte Staaten Mario Andretti Lotus-Ford 1:38:51,920 h 5,810 km 54 190,404 km/h 2. Juli
1980 Australien Alan Jones Williams-Ford 1:32:43,420 h 5,810 km 54 203,016 km/h 29. Juni
1982 Frankreich René Arnoux Renault 1:33:33,217 h 5,810 km 54 201,215 km/h 25. Juli
1983 Frankreich Alain Prost Renault 1:34:13,913 h 5,810 km 54 199,767 km/h 17. April
1985 Brasilien 1968 Nelson Piquet Brabham-BMW 1:31:46,266 h 5,810 km 53 201,325 km/h 7. Juli
1986 Vereinigtes Konigreich Nigel Mansell Williams-Honda 1:37:19,272 h 3,813 km 80 188,062 km/h 6. Juli
1987 Vereinigtes Konigreich Nigel Mansell Williams-Honda 1:37:03,839 h 3,813 km 80 188,560 km/h 5. Juli
1988 Frankreich Alain Prost McLaren-Honda 1:37:37,328 h 3,813 km 80 187,482 km/h 3. Juli
1989 Frankreich Alain Prost McLaren-Honda 1:38:29,411 h 3,813 km 80 185,830 km/h 9. Juli
1990 Frankreich Alain Prost Ferrari 1:33:29,606 h 3,813 km 80 195,761 km/h 8. Juli

Rekordsieger Fahrer: A. Prost (4), Rekordsieger Konstrukteure: McLaren / Williams (je 3)

Literatur

  • Peter Higham, Bruce Jones (Übers.: Walther Wuttke): Rennstrecken der Welt, Heel-Verlag (Königswinter, 2000), ISBN 3-89365-890-4

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Michael Schmidt: „Kurs-Schwankungen“ (Sport auto, Ausgabe 6/2007, Seiten 111,112)
  2. „Paul Ricard presented with Centre of Excellence award“ (f1.automoto365.com am 11. Dezember 2006, englisch)
  3. FIA-GT-Seite zum ersten öffentlichen internationalen Rennen auf dem neuen Kurs (englisch)
  4. Essay über den Tod von Elio de Angelis 1986 (auf research-racing.de, englisch/deutsch)
  5. Projektvorstellung auf der Webseite von Hermann Tilke
  6. „The Talented Test Track“ (Memento vom 9. Mai 2008 im Internet Archive) (fiainstitute.com, undatiert, gefunden am 27. November 2007, englisch)
  7. Luftbild der Strecke

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Quelle: Wikipedia - http://de.wikipedia.org/wiki/Circuit Paul Ricard (Vollständige Liste der Autoren des Textes [Versionsgeschichte])    Lizenz: CC-by-sa-3.0

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