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Befreiungsausschuss Südtirol


Der Befreiungsausschuss Südtirol (BAS) war eine separatistische Organisation, die in Südtirol operierte, zunächst mit politischen Mitteln und Anschlägen auf die Infrastruktur, später auch mit Terrorismus. Ihr Ziel war die Sezession Südtirols von Italien. Mitte der 1950er Jahre wurde der BAS von Sepp Kerschbaumer und acht[1] Mitstreitern gegründet und stellte seine Aktivitäten 1969 ein. Mindestens 14 Angehörige der italienischen Sicherheitskräfte wurden durch Anschläge des BAS ermordet.

Vorgeschichte

Südtirol wurde im Zuge des Ersten Weltkrieges von Italien annektiert und einer versuchten Italianisierung, - die in der Annahme italienischer Namen des Einzelnen gipfelte - unterzogen, welche von der 1922 an die Macht gekommenen faschistischen Regierung noch forciert worden war. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg und dem ersten Autonomiestatut, wurde die Majorisierungspolitik weiterverfolgt: den Südtiroler Bauern wurde die Lebensgrundlage entzogen, den nicht-italienischen Südtirolern - mit Ausnahmen derer, welche sich der Italianisierung unterzogen - wurde de facto der Zugang zur Arbeit in den italienischen Industriebetrieben und zu den staatlichen Sozialwohnungen verwehrt. Letztere wurden in den Fünfzigerjahren in großer Zahl aus dem Boden gestampft, aber nur den zugewanderten Italienern zur Verfügung gestellt. Es ergab sich eine Abwanderung der deutschen Südtiroler und eine starke Zuwanderung von Italienern. Nach den erfolglosen Interventionen der Südtiroler Politiker sah der BAS keine andere Lösung als zum Sprengstoff zu greifen.[2]

Nach einigen Flugblattaktionen (u. a. auf Schloss Sigmundskron), die von Sepp Kerschbaumer organisiert wurden, wurde ab 1958 Sprengstoff beschafft, teils aus Nordtirol, teils aus Italien, wahrscheinlich auch aus der Bundesrepublik Deutschland.[3] 1959/1960 kam es zu Streitigkeiten zwischen Nord- und Südtiroler Akteuren um die Vorherrschaft im BAS, wobei sich letzten Endes der Südtiroler Teil behaupten konnte.

Geschichte

Zu Beginn der gewaltsamen Aktivitäten war das oberste Gebot der BAS-Aktivisten, Menschenleben um jeden Preis zu schonen. Die Anschläge der Gruppe richteten sich daher zunächst gegen Sacheigentum mit symbolischem Gehalt, wie etwa Strommasten (welche die Industrie Norditaliens mit Energie versorgten) und faschistische Denkmäler. Trotzdem wurde während der sogenannten Feuernacht der Straßenwärter Giovanni Postal getötet, als er eine fehlgezündete Bombe fand und diese detonierte.

Die Gründung des BAS steht in engem Zusammenhang mit der unzureichenden Umsetzung des Gruber-De-Gasperi-Abkommens aus dem Jahr 1946, in welchem der deutschen und ladinischen Volksgruppe Südtirols von Seiten der italienischen Zentralregierung autonome Grundrechte und weitgehende Selbstverwaltung zugestanden worden waren. Der staatlich geförderte laufende Zuzug italienischer Arbeitsmigranten, das schwindende Vertrauen in den Erfolg einer diplomatischen Lösung und eine deutschnationale Gesinnung bestärkten die numerisch kleine Gruppe des BAS in ihrem Vorhaben, mit Hilfe von Bombenanschlägen eine Loslösung Südtirols von Italien und eine Wiedervereinigung mit dem österreichischen Ost- und Nordtirol zu erzwingen.[4] (siehe Geschichte Südtirols).

Nach Inhaftierung der führenden BAS-Aktivisten infolge der Feuernacht wurden von verschiedenen Gruppen mit teils neonazistischem Hintergrund bis in die späten 1980er Jahre deutlich brutalere Anschläge durchgeführt, die mehrere Menschenleben forderten. Die italienischen Behörden hatten ab 1961 ihrerseits zur Eskalation der Gewalt beigetragen. Schwere Folterungen von inhaftierten BAS-Aktivisten durch Carabinieri wurden von italienischen Gerichten großteils nicht geahndet, während die BAS-Aktivisten teils zu langen Haftstrafen verurteilt wurden. Infolge der Feuernacht begann zudem der italienische Geheimdienst SIFAR sowie die paramilitärische Geheimorganisation Gladio in Südtirol mit gezielten Provokationen das Klima der Spannung zu verschärfen, um die Verhandlungsposition der Südtiroler Volkspartei während der parallel laufenden Autonomieverhandlungen zu schwächen.

1. Phase 1956–1961

Erste Anschläge von BAS-Mitgliedern erfolgten im September 1956. Eine zweite Serie von Anschlägen wurden im Januar 1957 durchgeführt. Mit dem Sprengstoffanschlag am 31. Januar 1961 in Waidbruck trat der BAS zum ersten Mal selbst aktiv in Erscheinung. Dabei wurde das Reiterstandbild Mussolinis, der so genannte „Aluminium-Duce“, vor dem dortigen Kraftwerk, vermutlich vom österreichischen BAS-Mitglied Heinrich Klier gesprengt.[5]

Danach erfolgte ein Bombenanschlag auf das Haus von Ettore Tolomei in Montan, einer Symbolfigur der Italianisierung, ausgeführt von Josef Fontana.

Den Höhepunkt bildete die Feuernacht in der Nacht vom 11. auf den 12. Juni 1961. In Bozen und Umgebung wurden hierbei 42 Strommasten gesprengt.

In der so genannten kleinen Feuernacht in der Nacht vom 12. auf den 13. Juli 1961 wurden acht weitere Strommasten gesprengt, um den Zugverkehr lahmzulegen.

In den folgenden Tagen wurden Sepp Kerschbaumer sowie 150 weitere Mitglieder des BAS verhaftet. Die Inhaftierten klagten über „brutale Methoden“ der italienischen Polizei und gaben an, gefoltert worden zu sein. Am 7. Januar 1962 verstarb - trotz der Ersten Hilfe durch Josef Sullmann - Anton Gostner in Haft.

Von italienischer Seite wurden die Folterungen dementiert: Man behauptete, die Häftlinge hätten sich die Verletzungen selbst zugefügt. Zehn Carabinieri wurden unter Anklage gestellt: acht davon wurden vom Oberlandesgericht Trient 1963 freigesprochen, zwei fielen unter eine inzwischen erlassene Amnestie. Der Prozess und das Urteil wurden vielfach kritisiert.[6]

Am 28. November 1961 erneuerte die UNO-Vollversammlung ihre Südtirol-Resolution vom Oktober 1960,[7][8] aber nicht in dem Ausmaß, welches der BAS für Südtirol erreichen wollte.

Am 16. Juli 1964 wurden 35 BAS-Mitglieder im so genannten Mailänder Prozess schuldig gesprochen, hiervon jedoch 13 sofort begnadigt. Weitere 27 angeklagte BAS-Mitglieder wurden freigesprochen.

Die allgemein als milde angesehenen Urteile wurden ermöglicht, da der Präsident des Schwurgerichts, Gustavo Simonetti auf Druck der Regierung Aldo Moro die Anklagepunkte „Anschlag auf die Einheit des Staates“ und „Anschlag auf die Verfassung“ fallen ließ und so der von der Staatsanwaltschaft geforderten lebenslangen Mindeststrafe die Grundlage entzog.

Sepp Kerschbaumer als Führer des BAS wurde zu 15 Jahren und 11 Monaten Gefängnis verurteilt und verstarb bereits frühzeitig (1964) in italienischer Haft. Norbert Burger, der 1981 in Österreich als Präsidentschaftskandidat für die rechtsextreme NDP antrat, sowie drei weitere flüchtige österreichische Angeklagte wurden in Abwesenheit zu jeweils mehr als 20 Jahren verurteilt.

2. Phase 1962–1968

Mit der kompletten Ausschaltung der Gründergeneration des BAS und einer Annäherung von Südtiroler Volkspartei (SVP) und der Regierung Aldo Moro radikalisierten sich die verbliebenen Mitglieder des BAS. Neben flüchtigen BAS-Mitgliedern wie Georg Klotz und Luis Amplatz, auf die 1964 ein Mordanschlag verübt wurde, traten nun auch vermehrt neonazistische und pan-germanistische Kreise in Erscheinung, die das ehemals oberste Gebot, die Schonung von Menschenleben, ins Gegenteil verkehrten und gezielt Mitglieder der staatlichen Organe zu ermorden begannen. Einige Beispiele:

  • 3. September 1964, Mühlwald bei Taufers: Der Carabiniere Vittorio Tiralongo wird erschossen.[9]
  • 9. September 1964, Antholz: Bei einem Überfall werden 5 Soldaten schwer verletzt.
  • 26. August 1965, Sexten: Die Carabinieri Palmerio Ariu und Luigi de Gennaro werden aus 3 Metern Distanz hinterrücks mit 33 Kugeln erschossen.[9]
  • 24. Mai 1966, Pfitscher-Joch-Haus: Der Zöllner Bruno Bolognese wird durch eine an der Eingangstür des Schutzhauses am Pfitscher Joch angebrachte Sprengfalle getötet.
  • 25. Juli 1966, St. Martin im Gsieser Tal: Die Zöllner Salvatore Gabitta und Giuseppe D’Ignoti werden erschossen.
  • 9. September 1966, Steinalm: Bei einem Bombenanschlag werden der Carabiniere Herbert Volgger sowie die Zöllner Martino Cossu und Franco Petrucci getötet.
  • 25. Juni 1967, Berg Cima Vallona (Provinz Belluno, an der Grenze zu Österreich): Ein Strommast auf der Porzescharte wird gesprengt, die zum Anschlagsort kommenden Alpini und Carabinieri geraten in ein vom BAS gelegtes Minenfeld. Vier Militärs sterben, einer überlebt mit schweren Verletzungen.
  • 30. September 1967, Brennerbahn: Die Polizisten Filippo Foti und Edoardo Martini sterben bei einem Anschlag auf den Zug Innsbruck–Trient.

Insgesamt wurden in der zweiten Phase der Attentate 15 Exekutivorgane ermordet.

Die Aktivitäten des BAS endeten 1969. Schon vor Abschluss des Südtirol-Pakets gaben die meisten Aktivisten auf, da der Druck auch von österreichischer Seite zu groß wurde. Terror wurde in Italien und Österreich ohne Rücksicht verfolgt, was in der Anfangszeit (1961–1963) noch nicht der Fall war.[10]

Aufgrund seiner politischen Einstellung und seiner ideellen Mitarbeit beim Befreiungsausschuss Südtirol wurde der Tiroler Landesrat und österreichische Nationalratsabgeordnete Aloys Oberhammer im zweiten Mailänder Prozess 1966 zu 30 Jahren Haft in Italien verurteilt. Genauso wurden auch die Dozenten der Universität Innsbruck Helmut Heuberger und Günther Andergassen verurteilt.[11]

Für den Anschlag von Cima Vallona wurden Peter Kienesberger und zwei weitere Mitangeklagte in Italien in Abwesenheit zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt. Mehrere Prozesse in Österreich endeten nach einer anfänglichen Verurteilung nach Wiederaufnahme in Freisprüchen vor Geschworenengerichten.

Mitglieder

1956 gründete Sepp Kerschbaumer mit Karl Tietscher aus Bruneck und dem Grödener Josef Crepaz den BAS.[12]

Spätere Mitglieder waren:

Bilanz

In den 32 Jahren der Unruhe vom 20. September 1956 bis zum 30. Oktober 1988 wurden 361 Attentate verübt. 21 Tote (15 Ordnungshüter, 2 Zivilisten und 4 Aktivisten) und 57 Verletzte (24 unter den italienischen Ordnungshütern, 33 Zivilisten) sind zu beklagen. Die Anschläge der 1980er Jahre sind nicht auf den BAS, sondern auf die Gruppe Ein Tirol zurückzuführen.

Die italienische Gerichtsbarkeit verurteilte 157 Personen: 103 Südtiroler, 40 Österreicher und 14 Deutsche. Am 20. April 1966 wurden im sogenannten zweiten Mailänder Prozess gegen 36 Angeklagte des "Befreiungsausschusses Südtirol" die Urteile gesprochen.[14]

Aktuelle Entwicklungen

1964 wurde der Carabiniere Vittorio Tiralongo in Mühlwald bei Taufers erschossen. Die Tat wurde den vier „Puschtra Buibm“ (Pusterer Buben)[15] zugeschrieben, die dafür in Abwesenheit zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt wurden. Die Aussage eines ehemaligen Kollegen des Opfers entlastet nun die Pusterer Buben. Der sogenannte neue Zeuge behauptet allerdings, dies schon 1964 zu Protokoll gegeben zu haben, ohne dass dies von den ermittelnden Behörden berücksichtigt wurde. Infolge dieser Erkenntnisse hat die Staatsanwaltschaft Bozen im Jahr 2009 neue Ermittlungen aufgenommen, bislang ohne Ergebnis. Auch von Seiten der Politik wird eine lückenlose Aufklärung und eine Neuaufnahme des Verfahrens gefordert.[16][17]

Es gibt Spekulationen, der Mord an Tiralongo soll dem damals kommandierenden General der Carabinieri, Giovanni De Lorenzo, als Vorwand gedient haben, um ein oder zwei Südtirol-Aktivisten zu eliminieren.[17][18] Drei Tage nach dem Mord an Tiralongo wurde der Aktivist Luis Amplatz vom mutmaßlichen Geheimagenten Christian Kerbler erschossen und Georg Klotz dabei schwer verletzt.

Siehe auch

Literatur

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Manuel Fasser: Ein Tirol – zwei Welten. Das politische Erbe der Südtiroler Feuernacht von 1961. Studienverlag, Innsbruck 2009, ISBN 978-3-7065-4783-3, S. 37.
  2. Martha Stocker: Unsere Geschichte – Südtirol 1914–1992 in Streiflichtern. Athesia Verlag
  3. Spiegel Online am 10. März 2013: Sechziger Jahre: Frühere SS-Mitglieder bildeten eigenen Nachrichtendienst (zuletzt geprüft am 10. März 2013)
  4. Ein Prozeß der Anachronismen. In: Die Zeit, Nr. 50/1963
  5. Bild des „Aluminium-Duce“ (1961 vom BAS zerstört) in der italienischsprachigen Wikipedia
  6. „Es waren nur Schläge.“ Der „Carabinieri-Prozeß“ in Trient hat schlimme Folgen. In: Die Zeit, Nr. 36/1963, S. 6.
  7. radiosuedtirol.eu (PDF) Stand 10. Oktober 2010
  8. United Nations, Resolution 1661; The Status of German-Speaking Element in the Province of Bolzano (Bozen) (PDF) Abgerufen: 21. Februar 2011
  9. 9,0 9,1 carabinieri.it
  10. Hans Karl Peterlini: Südtiroler Bombenjahre. Raetia Edition, Bozen 2003
  11. Claus Gatterer: Die Polizei führte genau Buch. In: Die Zeit, Nr. 19/1966
  12. Rolf Steininger: Die Feuernacht und was dann? Bozen 2011
  13. Christian Granbacher: Neue Südtirol-Debatte. In: ECHO ONLINE, abgerufen am 11. Juni 2011
  14. Deutschlandfunk 20.04.2016 Zweiter Mailänder Prozess Mit Bombengewalt zum freien Südtirol Von Peter Hölzle
  15. Siegfried Steger, Josef Forer, Erich Oberleiter und Heinrich Oberlechner
  16. Bericht des Österreichischen Rundfunks vom 8. September 2009
  17. 17,0 17,1 stol.it
  18. tirol.orf.at

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Quelle: Wikipedia - http://de.wikipedia.org/wiki/Befreiungsausschuss Südtirol (Vollständige Liste der Autoren des Textes [Versionsgeschichte])    Lizenz: CC-by-sa-3.0

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