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Befinden


Befinden und Befindlichkeit bezeichnen in der Medizin und in der Existenzphilosophie das subjektive Empfinden und Erleben eines körperlich-seelischen Allgemeinzustandes. Dieser Zustand, in dem sich ein Mensch befindet – oder in dem er auch gefunden wird – ist sowohl durch körperliche als auch seelische Parameter unterschiedlicher Art bestimmt. Sie sind oft nicht sicher gegeneinander abgrenzbar und werden etwa als Zönästhesien oder Leibgefühle bezeichnet. Das grundlegende Sich-Befinden wird als Befindlichkeit aufgefasst, und stellt in der Existenzphilosophie von Martin Heidegger (1889–1976) ein Existential dar, ein sozusagen kategoriales Merkmal des menschlichen Lebens.[1][2] Es macht die Befindlichkeit eines Menschen aus, dass sein Befinden ständigen Schwankungen ausgesetzt ist, und er dabei sein eigenes Gleichgewicht finden und bewahren muss. Dieses Gleichgewicht kann als Gesundheit angesehen werden.[3]

Befinden und Befund

Versteht man unter Befinden den subjektiven Anteil eines Zugangs zum eigenen Bewusstsein (siehe → Selbstbewusstsein und → Selbstwert), so ist der Befund als das eher objektive Gegenstück dazu anzusehen. Der von einer anderen Person festgestellte Befund, der im Extremfalle von einem Arzt erhoben wird, kann u. U. auch von einer vertrauten Person registriert werden. Damit kommt ggf. bei dem Betroffenen ein Prozess der Selbstbeobachtung und Selbsterkenntnis in Gang. Hans-Georg Gadamer hat die ontologischen Erörterungen Heideggers vertieft. Das Eingreifen des Arztes ändert an der Selbsteinschätzung der eigenen Person nichts Grundsätzliches. Wird ein Arzt konsultiert, so tritt dieser jeweils in die ganz bestimmte Lebenssituation einer Person ein und veranlasst sie ggf. zu einer Krankheitseinsicht. Dies geschieht, indem diese betroffene Person versucht, eine verobjektivierende Distanz zu sich selbst zu gewinnen (siehe → Subjekt-Objekt-Spaltung).[3] Dennoch ist die zentrale, nicht in Gefühle oder Stimmungen differenzierte Gestimmtheit, durch die sich der Mensch in seinem Verhalten getragen und bestimmt erlebt, von ihm nicht beherrschbar.[1][4] Er wird vielmehr in einem Sich-Befinden bestimmt, das nach Heidegger der Stimmung durch Wissen und Willen Herr zu werden versucht oder aber dieses Ziel durch Erwecken einer Gegenstimmung zu erreichen bemüht ist.[2]

Plaziertheit

Die Frage: „Wo befindet sich eigentlich ein Mensch bei einem ganz bestimmten Befinden?“ kann mit Hinblick auf das schon Gesagte damit beantwortet werden, dass die als Gleichgewicht angesprochene Homöostase in einem unüberschaubaren Geflecht körperlich-physiologischer, psychischer und sozialer Spannungsverhältnisse begründet werden muss, die als die eigene Welt des Betroffenen anzusehen ist (→ In-der-Welt-Sein) bzw. als „Geworfenheit des Seienden in sein Da“.[3] Psychische Spannungsverhältnisse wie z. B. durch Hunger hervorgerufene Befindlichkeiten und Bewusstseinszustände sind durch Störungen dieses Gleichgewichts bedingt. Sie werden als Befindlichkeitsstörungen bezeichnet. Hans-Georg Gadamer (1900–2002) greift hier das Beispiel der Affenversuche von Wolfgang Köhler (1887–1967) auf. Es dient als Grundlage einer Theorie des Bewusstseins als dem Bewusstsein einer Störung.[3] In der Sprache der Philosophie und Psychologie sind hierbei Umweltbedingungen bedeutsam.[2][5] Als „Mittellage“ dieses Gleichgewichtszustands nimmt Gadamer die funktionierende Selbstbezüglichkeit eines jeden Menschen an, die in der Lage ist, das Störende auszugleichen oder das, ›was einem fehlt‹ zu ersetzen. Bleibende Störungen dieser Selbstbezüglichkeit vermögen dieses verlorene Gleichgewicht nicht mehr wieder zu ersetzen oder es neu wiederzugewinnen.[3]

Gestimmtsein

Die Stimmung ist ein für die menschliche Gesamtverfassung entscheidender Faktor. Er ist wechselhaften Einflüssen ausgesetzt und bedarf daher ständiger individueller Balance zur Herstellung einer ausgewogenen Gemütslage. Heidegger bezeichnete die Stimmung als Befindlichkeit.[2]

„Was wir ontologisch mit dem Titel Befindlichkeit anzeigen, ist ontisch das Bekannteste und Alltäglichste: die Stimmung, das Gestimmtsein.“

Martin Heidegger: Sein und Zeit. Max Niemeyer Tübingen, 15. Auflage. 1979, S. 134, Zeile 6-8

Der u. U. erfolgende Vorrang von Wissen und Wollen über die Gestimmtheit als Möglichkeit zu ihrer Beherrschung darf nicht dazu verleiten, Gestimmtsein als die unverkennbar ursprüngliche Seinsart des Daseins außer Acht zu lassen.[2]

Kritik

Das Feststellen des subjektiven Befindens durch eine selbst nicht betroffene Person (des „Befundes“) setzt ein gewisses Maß an Einfühlungsvermögen voraus. Dabei ist es gleichgültig, ob der entsprechende Ansatz mehr phänomenologisch oder psychodynamisch ausgerichtet ist. Karl Jaspers (1883–1969) forderte, dass bis zu den Einzeltatbeständen des Erlebens vorgedrungen werden müsse, um zu einem angemessenen Urteil zu gelangen.[6] Der einfühlende Ansatz einer verstehenden Psychologie ist auch als innenpsychologischer Aspekt bezeichnet worden. Die innenpsychologische Sichtweise geht davon aus, dass die stets noch vorhandenen gesunden Kräfte und Reaktionsweisen eines Betroffenen genutzt werden müssen. Diese Haltung stimmt meist auch mit einer gegenüber der Psychotherapie aufgeschlossenen Einstellung überein. Eine außenpsychologische Haltung wird andererseits eher mit einer positivistisch verstandenen Vermögenspsychologie gleichgesetzt. Hier fallen die Defekte, Störungen und Unfähigkeiten des Betroffenen und sein Nicht-Können eher ins Gewicht, die rein deskriptiv erfasst werden. Das bestimmt auch den eher kustodialen Umgangsstil mit dem Betroffenen, der darin besteht, ihn zu bewachen und zu versorgen. Kritik ist angebracht, wenn die Vor- und Nachteile beider Aspekte nicht genügend differenziert werden. Häufig entstehen Mißverständnisse zwischen Psychologen und Psychiatern, wenn hier einseitige Standpunkte vertreten werden. Man wird dem Menschen nicht gerecht, wenn man sein Befinden wie etwa Hoffnung, Sorge, Liebe, Enttäuschung, Hass und Verzweiflung zu sehr in psychopathologische Begriffe fasst. Trauer ist mehr als Depression und Freude mehr als Euphorie.[7]

Hans Walter Gruhle (1880–1958) äußert sich in psychiatrisch-psychologischem Zusammenhang kritisch zur Existenzphilosophie. Sein Lehrbuch enthält neben Stellungnahmen zu Martin Heidegger auch zahlreiche kritische Hinweise zu anderen Autoren wie Søren Kierkegaard und Otto Friedrich Bollnow.[8][9][10]

Weblinks

 Wiktionary: Befinden – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 Uwe Henrik Peters: Wörterbuch der Psychiatrie und medizinischen Psychologie. 3. Auflage. Urban & Schwarzenberg, München 1984, S. 66 - Wb.-Lemmata „Befinden“ und „Befindlichkeit“
  2. 2,0 2,1 2,2 2,3 2,4 Martin Heidegger: Sein und Zeit. 15. Auflage. [1926] - Max Niemeyer-Verlag, Tübingen 1979, ISBN 3-484-70122-6; (a) S. 134: 6-10 (*); 136: 13-23 (-24); 137: 1-9 (-10), 28-29 (30-31); 138: 1-3, 26 (3-4); 139: 19-31 (20-33); 148: 1-6 (3-8); 162: 27-34 (-35); 190: 15, 23 (*); 310: 14-20 (15-22); 328: 10-13; 340: 11-22 (10-21); 365: 11-16 (12-17) - zu Stw. „Befindlichkeit“; (b) S. 136: 13-14, 19-20 (*) - zu Stw. „Befindlichkeit als nicht zu beherrschendes Gestimmtsein“; (c) S. 136: 32, 37 (*) - zu Stw. „In-der-Welt-sein / Umwelt“; (d) S. 134: 6-8 (*) - zu Stw. „Existenziale Konstitution von Befindlichkeit und Gestimmtsein“; (e) S. 136: 15-19 (*) - zu Stw. „Gestimmtsein als unverkennbar ursprüngliche Seinsart des Daseins“. Seitenzahlen fett hervorgehoben, Zeilenangaben hinter dem Doppelpunkt. Die Zeilenangaben in Klammern beziehen sich auf die 1.-6. Ausgabe von ›Sein und Zeit‹, (*) = unbekannte Zeilenzahl
  3. 3,0 3,1 3,2 3,3 3,4 Hans-Georg Gadamer: Über die Verborgenheit der Gesundheit. Kap. „Zum Problem der Intelligenz“. In: Der Nervenarzt, 7, Heidelberg 1964, S. 281–286 (Vortrag auf der Tagung des Gesamtverbandes Deutscher Nervenärzte in Wiesbaden im September 1963) Bibliothek Suhrkamp, Band 1135, Frankfurt / M 1993, ISBN 3-518-22135-3; (a) , S. 77 - zu Stw. „Definition Befindlichkeit“; (b) , S. 79 - zu Stw. „Distanz zu sich selbst als Vorbedingung der Selbstregulierung von Befinden“; (c) , S. 78 - zu Stw. „Plaziertheit des Befindens“; (d) , S. 76 - zu Stw. „Beispiel des durch Hunger gestörten Befindens“; (e) , S. 79 - zu Stw. „Störungsausgleich durch Selbstbezüglichkeit“.
  4. Georgi Schischkoff (Hrsg.): Philosophisches Wörterbuch. 14. Auflage. Alfred-Kröner, Stuttgart 1982, ISBN 3-520-01321-5, S. 60 - zu Wb.-Lemma „Befindlichkeit“.
  5. Wolfgang Loch: Zur Theorie, Technik und Therapie der Psychoanalyse. S. Fischer Conditio humana (hrsg. von Thure von Uexküll & Ilse Grubrich-Simitis) 1972, ISBN 3-10-844801-3, S. 28 - zu Stw. „Umweltbedingungen in frühen Stadien der Bewusstseinsbildung“.
  6. Karl Jaspers: Allgemeine Psychopathologie. 9. Auflage. Springer, Berlin 1973, ISBN 3-540-03340-8, S. 22 f., 45 ff. - zu Stw.: „Methode der Auffassung der Einzeltatbestände des Seelenlebens“.
  7. Rudolf Degkwitz u. a. (Hrsg.): Psychisch krank. Einführung in die Psychiatrie für das klinische Studium. Urban & Schwarzenberg, München 1982, ISBN 3-541-09911-9, S. 191 f. - zu Stw.: „innen- und außenpsychologische Sichtweisen“
  8. Hans W. Gruhle: Verstehende Psychologie. 2. Auflage. (Erlebnislehre). Georg Thieme, Stuttgart 1956, S. 49, 252, 255, 286.
  9. Otto Friedrich Bollnow: Das Wesen der Stimmungen. 2. Auflage. Klostermann, Frankfurt 1943, 3. Auflage. 1956.
  10. Søren Kierkegaard: Der Begriff der Angst. Jena 1912.

Kategorien: Medizin | Existenzphilosophie

Quelle: Wikipedia - http://de.wikipedia.org/wiki/Befinden (Vollständige Liste der Autoren des Textes [Versionsgeschichte])    Lizenz: CC-by-sa-3.0

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