Argentinische Literatur - LinkFang.de





Argentinische Literatur


Die argentinische Literatur ist Teil der hispanoamerikanischen Literatur und - unter Einbeziehung der portugiesischsprachigen brasilianischen Literatur - Teil der lateinamerikanischen Literatur. Da die spanischsprachigen Länder Mittel- und Südamerikas sich einem gemeinsamen kulturellen Erbe verpflichtet fühlen (hispanidad), ist die argentinische Literatur immer im Kontext der hispanoamerikanischen Literatur zu sehen. Andererseits gibt es spezifische Besonderheiten der argentinischen Kultur, die eine Betrachtung einer genuin argentinischen Literatur sinnvoll erscheinen lassen: Dazu zählt das Fehlen einer indigenen, präkolumbischen Schriftkultur in Argentinien, da die hier lebenden Indios auf einer relativ niedrigen Zivilisationsstufe standen, sowie der starke europäische, insbesondere französische Einfluss auf die argentinische Kultur seit der Kolonialzeit.

Identitätssuche und Gaucholiteratur (ca. 1820–1900)

Seit der Errichtung des Vizekönigreichs Río de la Plata mit der Hauptstadt Buenos Aires (1776) gewann Argentinien ein eigenes kulturelles Profil. Die Oberschicht des Landes orientierte sich stark an Europa und nimmt kulturelle Strömungen von dort auf. Insbesondere Frankreich und dessen Hauptstadt Paris war prägend, Französisch wurde zur ersten Bildungssprache. Die Tragödien Juan Cruz Varelas der 1820er Jahre orientierten sich jedoch am italienischen Vorbild Alfieris.

Im 19. Jahrhundert kam es zur Zurückweisung der französisch geprägten Kultur des aufgeklärt-liberalen städtischen Bürgertums durch die Bewegung des Criollismo und zur Suche nach eigener nationaler Identität in der Phase der Unabhängigkeitsbewegung und des Bürgerkriegs. Der prototypische Vertreter der heroischen Freiheitsbestrebungen des Argentiniers war der Gaucho, der zur zentralen Figur der argentinischen Literatur und zur Identifikationsfigur der sich auf die Landbevölkerung stützenden Diktatur des Generals Juan Manuel de Rosas im frühen 19. Jahrhundert wurde.

So wird der Mythos vom Gaucho in der Erzählung El matadero des romantischen Schriftstellers und Politikers Esteban Echeverría (1805–1851) beschworen: Die Szenerie der endlosen Weite der argentinischen Pampa wird als prägend für den Charakter des Gaucho dargestellt, der den argentinischen Menschen repräsentiert.

Soziokultureller Hintergrund der Gaucholiteratur waren mündlich überlieferte Geschichten über die Abenteuer der Rinder- und Pferdehüter der argentinischen Steppe. Ihre weite Verbreitung und ihren populären, volkstümlichen Charakter erhielten sie aber erst, als der Gaucho aufgrund veränderter gesellschaftlicher Verhältnisse in seiner ursprünglichen Lebensform schon nicht mehr existierte. Der Einfluss der Romantik, einer der literarischen Hauptströmungen des 19. Jahrhunderts, führte zur Hinwendung zu den Wurzeln des Volkes und trug unter dem Einfluss der Gedanken Herders zu einer Verklärung und Idealisierung der Vergangenheit bei.

Wegweisend für die Gaucholiteratur wurde Fausto (1866) von Estanislao del Campo, eine Verssatire des gleichnamigen Werks von Charles Gounod. Ihren Höhepunkt erreichte die Gaucholiteratur des La Plata-Raums mit dem Versepos El gaucho Martín Fierro (1872/1879) von José Hernández (1834–1886), das als bedeutendstes Werk der lateinamerikanischen Literatur des 19. Jahrhunderts gilt. Mit Martín Fierro wurde der freie, unabhängige Charakter des Gaucho als repräsentativ für den argentinischen Volkscharakter gerühmt.[1] Gauchoromane spielten in der Folgezeit noch bis ins 20. Jahrhundert hinein eine Rolle. Erwähnenswert ist Don Segundo Sombra (1926) von Ricardo Güiraldes.

Ein weiteres wichtiges Thema der Literatur des 19. Jahrhunderts war der Gegensatz zwischen Zivilisation und Barbarei. Es wurde vor allem in dem wortgewaltigen Roman Barbarei und Zivilisation. Das Leben des Facundo Quiroga (1845) des Schriftstellers und Politikers Domingo Faustino Sarmiento (1811–1888) behandelt, der in den Jahren 1868–1874 Präsident von Argentinien wurde. Facundo, ein grundlegendes Werk der argentinischen Literatur im 19. Jahrhundert, ist eine romantische Erzählung vom Leben des autokratischen Provinzfürsten (caudillo) Facundo Quiroga und zugleich eine kulturtheoretische Betrachtung über den Gegensatz zwischen ländlicher Barbarei und Rückständigkeit einerseits und zivilisatorischem Fortschritt in der Stadt andererseits. Sarmiento ergriff Partei für Zivilisation und Stadtleben und übte auf literarischem Terrain Kritik am aktuell herrschenden Diktator Juan Manuel de Rosas.

Modernismo und Avantgarde (ca. 1880–1930)

Um die Jahrhundertwende vollzog sich ein grundlegender soziokultureller Wandel. Aufgrund eines starken Zustroms an Einwanderern aus Europa ging der vorherrschend ländliche Charakter Argentiniens verloren; Buenos Aires wurde zur Metropole Südamerikas. Wirtschaft und Gesellschaft des Landes erfuhren einen tiefgreifenden Modernisierungsprozess. Damit einher geht eine Entwicklung hin zu einer kosmopolitischen Literatur.

In der Literatur hatte der aus Nicaragua stammende Rubén Darío (1867–1916), der längere Zeit in Buenos Aires lebte, maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung neuer literarischer Formen. Sein im Gedichtband Prosas profanas (1896) war von Ästhetizismus und Symbolismus geprägt; er begründete eine völlig neue Ästhetik. Darío gilt als Begründer des Modernismo in seiner lateinamerikanischen Ausprägung.

Der Lyriker und Essayist Leopoldo Lugones (1874–1938), der stark von Darío beeinflusst war, wurde zu den bedeutendsten Vertretern des Modernismo in Argentinien gerechnet. In seinem Werk herrscht ein üppiger lyrischer Stil vor. Als Anarchist und Nationalist unterstützte er den Staatsstreich von 1930. Weitere wichtige Literaten des Modernismo waren die Lyriker Enrique Banchs, Baldomero Fernández Moreno und die in der Schweiz geborene Alfonsina Storni, die jedoch mit dem Symbolismus brach und sich feministischen Themen widmete.[2]

Die ab den 1920er Jahren aufkommenden Avantgarde-Bewegungen lassen sich in zwei gegensätzliche Lager einteilen. Die Grupo Florida (Gruppe Florida), benannt nach der damals noch aristokratischen Straße La Florida, huldigte dem Ästhetizismus und forderte die Auflösung traditioneller Syntax und Metrik sowie die Schaffung neuer Ausdrucksweisen. Ihre Haltung wurde vielfach als snobistisch empfunden. Literarische Plattform der Gruppe Florida, die vom spanischen Ultraísmo beeinflusst ist, wurde die Zeitschrift Martín Fierro. Die Angehörigen der Gruppe wurden daher auch oft als Martinfierristas bezeichnet. Der Gruppe gehörten u. a. Jorge Luis Borges, Oliverio Girondo, Norah Lange, Raúl González Tuñón und Francisco Luis Bernárdez an.

Im Gegensatz dazu steht die Grupo Boedo (Gruppe Boedo), bezeichnet nach dem Arbeiterviertel Boedo, als Gruppierung politisch aktiver und sozialkritischer Autoren, die vor allem vom russischen Realismus und der Erfahrung der sozialen Kämpfe in den Städten sowie der Massaker an den Landarbeitern in Patagonien der 1920er Jahre geprägt waren. Ihr bedeutendster Repräsentant war der Romancier, Dramatiker und Journalist Roberto Arlt (1900–1942). Seine berühmte Kolumne Aguafuertes porteñas, die ab 1928 in der Zeitung El mundo erschien, beschrieb das tägliche Leben in Buenos Aires. Herausragend sind die Romane El juguete rabioso (1926), Los siete locos (1929), Los lanzallamas (1931) und El amor brujo (1932). Die letzten Jahre seines Lebens widmete Arlt ganz dem avantgardistischen Theater, für das er zahlreiche phantastische Stücke schrieb, in denen er das Entwurzelungsgefühl der Städter auf „präexistenzialistische“ Weise quasi zum argentinischen Nationalgefühl stilisierte.[3]

Der ländliche Realismus gelangte im Werk von Juan Laurentino Ortiz (1896–1978) zum Ausdruck. Ortiz verewigte die landschaftlichen Eigenheiten der Flussprovinz Entre Ríos in poetischer Form. Wichtige Vertreter der Gruppe Boedo waren außerdem Ricardo Güiraldes, Horacio Quiroga und Roberto Payró.

Kosmopolitismus, Avantgarde und phantastische Literatur (ca. 1930–1960)

Die Literaten der 1930er und 1940er Jahre erhoben einen kosmopolitischen Anspruch, in dem die Stellung Argentiniens in der Welt thematisiert wurde, während das Land gleichzeitig massiv unter dem Einfluss des Weltwirtschaftskrise litt und die Mittelschichten verarmten. Immer weniger Autoren konnten sich die teuren Europa-Aufenthalte leisten; der Modernismo verlor seine Leitbildfunktion. Victoria Ocampo gründete 1931 die Zeitschrift Sur mit dem Ziel, argentinische Autoren im Ausland bekannt zu machen und umgekehrt neue europäische Strömungen in Argentinien zu verbreiten. Macedonio Fernández gehörte zum Grupo Florido und zum Kreis der vom spanischen Ultraísmo beeinflussten Surrealisten; seine ästhetische Theorie von der Einheit von Kunst und Leben verwies bereits in den 1920er Jahren auf die spätere Aktionskunst und das Werk André Bretons.

Im (vor allem europäischen) Ausland bekanntester argentinischer Dichter ist Jorge Luis Borges, der bereits früh viele Jahre in Europa verbrachte. Mit ihm entwickelte sich die phantastische Literatur in eine neue Richtung und gewann suggestive Kraft, die in den Erzählsammlungen Ficciones (1944) und El Aleph (1949) gipfelte. Zusammen mit Adolfo Bioy Casares und Silvina Ocampo schrieb Borges phantastische und kriminalistische Literatur, gemeinsam gaben sie die Krimireihe El séptimo círculo heraus. Ernesto Sábato war ein weiterer Autor, dessen Roman El túnel (1948) in Europa begeistert aufgenommen wurde.

Der Dichter, Dramatiker, Erzähler und Romanautor Leopoldo Marechal unternahm in seinem teils autobiographischen Essayroman Adán Buenosayres (1948) den Versuch einer symbolischen Geschichtsdeutung, der gleich nach seinem Erscheinen Julio Cortázar stark beeindruckte. Er orientierte sich dabei an der aristotelischen Poetik und am platonischen Dialog ebenso wie an Dante. Das erst durch die Neuauflage 1965 weitverbreitete Buch kann als Vorläufer des experimentellen Romans gelten.

In der Lyrik entwickelte sich das Deskriptive und das Nostalgisch-Rückbesinnliche bei Vicente Barbieri, Olga Orozco, León Benarós oder Alfonso Sola Gonzáles. In der Erzählliteratur fanden sich sowohl Vertreter des Idealismus, u.  a. María Granata, Adolfo Bioy Casares, Manuel Mujica Láinez als auch des Realismus, u. a. Ernesto L. Castro, Ernesto Sábato, Abelardo Arias.

In den 1950er Jahren formierte sich die Avantgarde neu in der Zeitschrift Poesía Buenos Aires. Julio Cortázar veröffentlichte seine ersten Erzählungen. Später ging er nach Paris. Durch seinen metaliterarischen Experimentalroman Rayuela (1963) übte er großen Einfluss auf die lateinamerikanischen Autoren des Boom aus, z. B. auf Gabriel García Márquez (Kolumbien), Juan Rulfo (Mexiko) oder Mario Vargas Llosa (Peru). In dieser Zeit wurden auch schreibtechnische Erneuerungen erprobt. Juan Gelman, neben Borges, Sabato und Casares der letzte von bisher vier argentinischen Cervantespreisträgern, pflegte einen neuen umgangssprachlichen Ton in der Literatur. Insgesamt kam es zu einer breiten Auffächerung des Spektrums literarischer Stile vom Sozialen über das Existenzielle bis hin zum Phantastischen.

Als Vordenker des Neohumanismus, die neue Überlegungen nach dem Zweiten Weltkrieg anstellen, sind Raúl Gustavo Aguirre, Edgar Bayley und Julio Llinás zu nennen. Zu den Existenzialisten zählen José Isaacson, Julio Arístides und Miguel Ángel Viola. Eine Mittlerstellung zwischen beiden Strömungen mit regionalem Einschlag nahm Alfredo Veirabé, Jaime Dávalos und Alejandro Nicotra ein.

Boom, Diktatur und Post-Boom (ca. 1960–2000)

In den 1960er Jahren kam eine neue, von Sartre und Camus beeinflusste Autorengeneration zum Zuge. Daneben bestimmten weiterhin etablierte Autoren wie Borges, Arlt, Cortázar oder Marechal das Bild eines einsetzenden Literaturbooms. Autoren wie Horacio Salas, Alejandra Pizarnik und Ramón Plaza spürten der metaphysischen Zeit und Historizität nach; andere verarbeiteten die urbanen und sozialen Erschütterungen wie etwa Abelardo Castillo, Marta Traba oder Manuel Puig oder kritisierten ein verkommenes politisches System und seine Eliten wie Marta Lynch, die selbst immer wieder die Nähe verschiedener Machthaber suchte.

Zu den Autoren des Booms 1960–1990 gehörten als Vertreter der Lyrik Agustín Tavitiány, Antonio Aliberti, Diana Bellessi und Susana Thenon, in der Epik Osvaldo Soriano, Fernando Sorrentino, César Aira, Héctor Tizón, Juan José Saer, Rodolfo Fogwill und Hebe Uhart, im Drama Griselda Gambaro, Ricardo Talesnik, der auch als Fernsehregisseur wirkte, Roberto Mario Cossa, der Begründer des Nuevo Realismo, der auch als Filmregisseur bekannt wurde, Carlos Somigliana, Ricardo Halac, Eduardo Pavlovsky, Osvaldo Dragún, Diana Raznovich, Mauricio Kartun, Eduardo Rovner, Susana Torres Molina und Carlos Gorostiza, der nach der Diktatur als Kulturminister amtierte. Sie orientierten sich dabei u. a. an Werken von Éluard, Eliot, Montale und Neruda.

In den späten 1970er und frühen 1980er Jahren, die vom Staatsterror der Militärdiktatur geprägt waren, wurden viele Autoren ins Exil getrieben, so Juan Gelman, Antonio di Benedetto, Alicia Kozameh, Tununa Mercado, Mempo Giardinelli, Luisa Valenzuela, Diana Raznovich, Luisa Futoransky, Cristina Feijóo, Susana Szwarc, Reina Roffé, Ana María Shua, Martín Caparrós und Osvaldo Bayer, der sein dreibändiges, von Héctor Olivera verfilmtes Werk La Patagonia rebelde (1972-74) dem Landarbeiteraufstand von 1920 widmete.

Der Romancier und Drehbuchautor Manuel Puig demonstrierte die Verbindung von sexueller und politischer Unterdrückung in seinem Roman El beso de la mujer araña (1976) (dt. Der Kuss der Spinnenfrau). Der Romandiskurs öffnet sich zunehmend der Popkultur: Kitschromane, Trivialfilme, Kinowelt und moderne Massenkultur fanden Eingang in die Erzählliteratur. Von der US-Kriminalliteratur zeigte sich Ricardo Piglia (Respiración artificial 1981) beeinflusst.

In den späten 1980er und 1990er Jahren ebbte der Boom - nicht zuletzt durch die erneute Verarmung eines großen Teils der Mittelschichten - ab. Es kam zu einer kritischen Rückbesinnung auf die vielgestaltigen inneren Verhältnisse Argentiniens: auf die hybridación („Hybridisierung“, Kulturverschmelzung), mestizaje („Mestizisierung“ und heterogeneidad multitemporal („Ungleichzeitigkeit“ - ein Begriff des Kulturkritikers Néstor García Canclini, * 1939). Dabei handelt es um einen postmodernen Gegenentwurf zum einseitig auf Modernisierung fixierten Danken: Aus dem Scheitern vieler Modernisierungsschübe, dem traditionellen arroganten Zentralismus von Buenos Aires und der kulturellen Abhängigkeit von Europa wurde die Konsequenz gezogen, sich den lokalen Quellen der Kultur, den lange vernachlässigten culturas populares zuzuwenden, Diese umfasst nicht nur die Popkultur, sondern auch die Gesamtheit der Alltagserfahrungen, die Kultur und die Rituale der Landbevölkerung, der Mestizen und Indios, den Zirkus, das Melodrama, den Tango, das Kino, die mündliche Überlieferung).[4] In diesem Zusammenhang sind die Autoren Juan Laurentino Ortiz aus der Provinz Entre Ríos (1896–1978), Luis Franco (1898–1988) aus der Provinz Catamarca, Juan Bautista Zalazar (1922–1994) aus dem argentinischen Nordwesten („Cuentos de Valle Vicioso“, 1976), Alberto Alba (1935–1992) aus der Provinz Santiago del Estero, Raúl Dorra, der seit 1976 in Mexiko lebt, aus der Provinz Jujuy und Tomás Eloy Martínez (1934–2010) aus der Provinz Tucumán zu nennen.[5]

Hinzu treten die überfällige Aufarbeitung der Diktatur und das Phänomen der unter der Diktatur Verschleppten und Verschwundenen, so durch Elsa Osorio und Martín Caparrós (* 1957).[6] In der Dokumentarliteratur (span.: Testimonio) werden diese Themen unter anderem von Alicia Partnoy und Nora Strejilevich (* 1951) behandelt, die selbst Folteropfer waren. Durch dokumentarische, kritische, essayistische Arbeiten und in viele Sprachen übersetzte Romane wurde María Rosa Lojo bekannt. Eduardo Belgrano Rawson (* 1943) behandelte zeithistorische Stoffe u. a. in einem Roman über die Kubakrise und in Kurzgeschichten über den Malvinen- oder Falklandkrieg. Dieses Thema behandeln auch der Journalist und Menschenrechtsaktivist Edgardo Esteban (* 1962), dessen Text Iluminados por el fuego (1993) von Tristán Bauer verfilmt wurde, und der Autor, Dramatiker (Las Islas, 2011) und Drehbuchautor Carlos Gamerro (* 1962).

Zur Neo-Phantastik werden die Arbeiten von Samanta Schweblin gezählt, die vielfach ausgezeichnet wurde.

Das 21. Jahrhundert

Die argentinische Wirtschaftskrise 2002 führte zu einem Einbruch des Buchmarktes. Bücher wurden zeitweise unbezahlbar. Von diesem Einbruch hat sich der Markt bis heute nicht völlig erholt. Manche Autoren gingen ins Ausland. Dazu gehört der in Spanien lebende Rodrigo Fresán (* 1963), dessen Werk den Einfluss von Kino, Fernsehen und der US-Literatur zeigt.

In neuester Zeit ist die Entstehung neuer Autorengruppen in der argentinischen Literaturszene bemerkenswert, die sich in Galerien, alten Fabrikhallen, Kulturzentren und Diskotheken versammeln und unabhängige Zeitschriften sowie das Internet als Publikationsorgane nutzen. Eine wichtige literarische Form ist daher die Crónica, die zwischen Sozialreportage und Blog steht.

Vielversprechende neue Erzähler sind z.B. Washington Cucurto, Fabián Casas, Félix Bruzzone, Alejandro López, Pedro Mairal, Alan Pauls. Im deutschsprachigen Raum bekannt wurden die Erzählungen des heute in Uruguay lebenden Carlos María Domínguez (* 1955) und die Romane Claudia Pineiros (* 1960), die die Nachwirkungen der Diktatur in der Wirtschaftskrise aufspürt. In Europa wurde Martín Kohan (* 1967) durch Ciencias Morales (2007, dt. Sittenlehre 2010), einer Analyse der menschenverachtenden Disziplinierung in der Schulen unter der Militärdiktatur bekannt. Pablo Ramos behandelt in El orígen de la tristeza (dt. Der Ursprung der Traurigkeit 2007) das Schicksal eines Halbwüchsigen in der Vorstadt unter der Militärdiktatur. Der Roman Wie ein unsichtbares Band (dt. 2013) der Journalistin Inés Garland über Liebe in Zeiten der Diktatur wurde 2010 als bestes argentinisches Jugendbuch prämiert. Mit Edgardo Esteban gab sie 2012 eine Anthologie über den Falklandkrieg heraus. María Sonia Cristoff (* 1965), die durch ihre Reportagen berühmt wurde, verlegte sich auf das Romanschreiben und spürt dem Schicksal der unter der Militärdiktatur in die innere Emigration nach Patagonien gegangenen Menschen nach (Lasst mich da raus, dt. 2015).[7] Das Thema der Diktatur wurde auch von der angesehenen Journalistin Leila Guerriero (* 1967) behandelt, die für Zeitschriften und das Fernsehen arbeitet. Ihre Crónicas über Studenten, die versuchen, die Toten der Diktatur in Massengräbern zu identifizieren, erschienen in deutscher Übersetzung (Strange Fruit: Crónicas 2014).

Die Lyrikszene erfuhr in den vergangenen Jahren einen Aufschwung, u.a. durch Verlage wie Ediciones del Diego, Siesta, Eloísa Cartonera und Festivals wie das lateinamerikanische Poesiefestival von Buenos Aires Salida al Mar und das 1993 gegründete Festival Internacional de Poesía de Rosario.

Argentinien war 2010 Gastland der Frankfurter Buchmesse. Trotz Übersetzungsförderung durch das Außenministerium haben es argentinische Autoren schwer, in Deutschland wahrgenommen zu werden. Der Boom lateinamerikanischer Literatur in Europa ist vorerst vorüber und auch der literarische Austausch Argentiniens mit den Nachbarländern ist heute keinesfalls intensiver als in früheren Jahrzehnten. Dennoch gilt Buenos Aires nach wie vor als die Metropole der lateinamerikanischen Literatur.

Literaturpreise

In Argentinien werden zahlreiche Literaturpreise vergeben, so u.a.

  • der Premio de la Academia Argentina de Letras (seit 1984)[8]
  • der Premio Fondo Nacional de las Artes
  • der Premio Konex (seit 1984 alle 10 Jahre für Literatur)
  • der Literaturpreis der Stadt Buenos Aires
  • der Argentinische Kritikerpreis.

Einzelnachweise

  1. Michael Rössner: Die hispanoamerikanische Literatur. In: Kindlers neues Literatur-Lexikon, Hg. Walter Jens, Bd. 20, München 1996, S. 40 – 56, hier: S. 44 f.
  2. Vgl. Rössner 1996, S. 46 f.
  3. Vgl. Rössner 1996, S. 50.
  4. Birgit Scharlau: Lateinamerika denken: Kulturtheoretische Grenzgänge zwischen Moderne und Postmoderne. 1994, S. 39 f.
  5. Einige dieser Autoren sind vertreten in der Anthologie (mit Arbeitsaufgaben für Schüler) von Viviana Pinto de Salem: Cuentos regionales argentinos: Catamarca, Córdoba, Jujuy, Salta, Santiago del Estero y Tucumán. Ediciones Colihue 1983.
  6. Leonie Meyer-Krentler: Die Diktatur erzählt. ZEIT online , 5. Oktober 2010.
  7. E.-Chr. Meier: Aimé Tschiffelys Ritt nach Norden. NZZ, Internationale Ausgabe, 16. September 2015.
  8. Website der Akademie

Siehe auch

Literatur

  • Florian Müller: Schadensbilanz einer Kulturpolitik. Die argentinische Militärdiktatur von 1976 bis 1983 führte nicht nur gegen Menschen, sondern auch gegen Bücher Krieg, in "Zwischenwelt. Literatur, Widerstand, Exil," Zs. der Theodor Kramer Gesellschaft, Jg. 28, H. 4, Jänner 2012 ISSN 1606-4321 S. 49 - 52
  • Volkmar Hölzer: Argentinische Volksdichtung : ein Beitrag zur hispano-amerikanischen Literaturgeschichte. Velhagen & Klasing, Bielefeld 1912 (Digitalisat )
Anthologien
  • Wilhelm Anton Oerley, Curt Meyer-Clason (Auswahl und Redaktion): Der weisse Sturm und andere argentinische Erzählungen. Buchreihe Geistige Begegnung des Instituts für Auslandsbeziehungen Stuttgart, Bd. 7. Tübingen, Basel: Erdmann Verlag, 1969.
  • Erkundungen. 21 Erzähler vom Rio de la Plata. Hg. vom Haus der Kulturen der Welt, Berlin 1993. ISBN 3-353-00960-4.

Weblinks


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